Gesundheit

Schluss mit dick: So werden Moppelpferde fit und schlank

Ein Artikel von Regina Käsmayr | 10.07.2019 - 13:09
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Zu dick: Überzählige Pfunde stellen ein unnötiges Gesundheitsrisiko dar, das man als Pferdebsitzer nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.   © www.slawik.com

Das fetteste Pferd, das Futterberaterin Conny Röhm jemals gesehen hat, war ein Huzulenpony, das eine Frau beim Rinderkauf von einem Bauern dazu geschenkt bekommen hatte. Weder Maulkorb noch Heunetz änderten etwas am Zustand des Tiers. „Schlussendlich war es aber ganz einfach, das Pferd abzuspecken“, erinnert sich die Pferdewissenschaftlerin. Ganz im Sinne dessen, wofür Huzulen eigentlich gezüchtet werden, schickte sie es mit der Familie auf einen Wanderritt. Mit Gepäck, ohne Kraftfutter, nur mit Weidegras und Mineralfutter als Marschration. „Das erste Mal in seinem Leben hatte es Idealgewicht. Und es war am letzten Tag der Reise genauso fröhlich und leistungsbereit wie am ersten.“

In dieser Geschichte stecken bereits die wichtigsten Informationen zum Thema Übergewicht bei Pferden: In ihrem natürlichen Habitat bewegen sich frei lebende Pferde bis zu 16 Stunden täglich grasend vorwärts und legen dabei rund 30 Kilometer zurück. Das karge Steppengras, das sie dabei aufnehmen, hat wenig Nährstoffe und einen hohen Rohfasergehalt. Unser dickes Pony hingegen wurde mit Mastrindern auf europäischen Hochleistungsweiden gehalten. Vermutlich musste es dabei nicht weit laufen, um sich ordentlich vollzufressen. Und weil Ponys in der Regel klug sind, hat es auch schnell gelernt, seinen Maulkorb tief in die Wiese hineinzudrücken, um an das besonders fette Untergras heranzukommen. Was es selten bis nie gemacht hat: tragen und ziehen – also die Dinge, für die Huzulen ursprünglich in den Karpaten gehalten wurden.

Conny Röhm beschreibt in ihrem Buch „Purzel speckt ab“ die klassischen Wege in die Fettleibigkeit: „Fehleinschätzung des Pferdes, suboptimale Haltung, Mangelbewegung, Überfütterung, Trainingsfehler und Veränderungen des Fressverhaltens“. Um also erfolgreich eine Pferde-Diät einzuläuten, muss sich der Halter erst einmal darüber im Klaren sein, warum das Tier überhaupt so dick geworden ist – und diese Faktoren beseitigen. Fehleinschätzungen beruhen meistens darauf, dass man seinem dicken Haflinger keinen Bergaufgalopp zutraut oder der Meinung ist, ein Shetlandpony könne beim Ausreiten gar nicht mithalten. Tatsächlich sind die meisten Pferde und Ponys aber imstande, viel mehr zu leisten, als man ihnen aus falscher Rücksichtnahme zumutet. Falsche Haltung, beispielsweise ständiges Stehen in einer Box oder im Offenstall mit geringem Bewegungsanreiz, zählt ebenso zu den Dickmachern wie fehlende Bewegung durch den Reiter. Wird dann noch zu viel oder zu energiereich gefüttert, ist die Überfettung programmiert.

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Zucchini- oder Gurkenstücke sind kalorienarme Leckerlialternativen. © Pamela Sladky

„Nur eine Handvoll …“

Viele Pferdebesitzer wissen gar nicht genau, wie viel Futter ihr Pferd überhaupt bekommt, beispielsweise weil der Reitstallbetreiber die Fütterung unter Kontrolle hat oder weil sie nicht nachgesehen haben, wie viel Gramm „eine Schippe“ Futter überhaupt enthält. Conny Röhm berichtet von einer Frau, die behauptete, ihrem Pferd „eine Handvoll“ Müsli zu füttern. Tatsächlich hielt der 20-Kilo-Sack aber nur 14 Tage vor. „Ich glaube, sie hatte enorm große Hände“, so die Futterberaterin.

Neben zu viel Heu und unnötigen Kraftfuttergaben zählen Leckerlis zu den größten Sünden. Kekse, Rübenschnitzel, aber auch Karotten und Apfelstückchen sind sehr zuckerhaltig. „Füttern Sie lieber Gurken oder Zucchini, das mögen Pferde auch“, rät Dr. Christine Iben von der Arbeitsgruppe Tierernährung der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Auch andere Bestandteile des Futters könne man austauschen. „Bis zu einem Drittel der Heuration lässt sich durch weniger energiereiches Stroh ersetzen. Mehr sollte es wegen der Gefahr von Verstopfungskoliken nicht sein.“

Neben zu viel Heu und unnötigen Kraftfuttergaben zählen Leckerlis zu den größten Sünden.


Wichtig: Diätpferde müssen mit Spänen eingestreut werden. Andernfalls fressen sie eben die Stroheinstreu – teilweise mehrere Kilogramm täglich – , was nicht nur das Abnehmen verhindert, sondern auch gesundheitliche Gefahren birgt.

Conny Röhm ersetzt einen Teil des Heus sogar durch Zweigholz: Ihre Diätration besteht zu einem Drittel aus Stroh und nahezu zwei Dritteln Heu. Darunter werden ein bis zwei Kilo Hölzer gemischt. Durch das Wässern des Heus lässt sich nachweislich ein Teil der Kohlenhydrate auswaschen. Das Problem: Laut einer Studie des Schweizer Instituts für Nutztierwissenschaften steigt durch das Wässern der Keimgehalt im Heu rasant an.

Insbesondere Hefen gedeihen prächtig in dem feucht-warmen Klima. Lediglich eine Wässerung von fünf Minuten führt zu keiner nennenswerten Keimvermehrung. Wer allerdings den Zuckergehalt im Heu senken will, muss dieses wesentlich länger einweichen – mindestens eine Stunde, besser sogar zwölf Stunden lang. Danach ist das Raufutter jedoch in der Regel keimverseucht und müsste zusätzlich mit hoher Temperatur bedampft werden, um die Keime zu vernichten. Dr. Iben empfiehlt daher, lieber die Heuqualität zu prüfen und möglichst rohfaserreiches, energiearmes Grundfutter zu kaufen. Am geeignetsten ist Heu aus dem ersten Schnitt, der nach dem Aussamen der Obergräser stattgefunden hat. Wer Heu aus Gräsern der Grassamenproduktion bekommen kann, ist damit ebenfalls sehr gut bedient.

Die Heuration drastisch zu reduzieren, ist übrigens keine gute Idee. Dadurch geht das Sättigungsgefühl des Pferdes verloren, was seiner Natur zufolge so viel bedeutet wie „Hilfe, ich verhungere!“. Das führt zu einer enormen Stressbelastung, die in Verhaltensstörungen und Magengeschwüren gipfeln kann. „Ausreichend kaufähiges Grundfutter für die Magenfüllung ist sehr wichtig“, weiß Dr. Iben. Sie empfiehlt eine Reduktion des Heus auf maximal 1,2 (besser 1,5) Kilogramm pro 100 Kilo Körpergewicht. Conny Röhm warnt allerdings davor, diese Zahlen undifferenziert auf alle Pferde anzuwenden, denn sie sind eher für Großpferde gedacht. „Das führt sonst dazu, dass man einem Shetty nur noch 2,4 kg Heu pro Tag gibt, obwohl sein Körper mindestens 6 bis 8 kg Raufutter benötigt.

Schwieriges Thema Weidegang

Ein besonders schwieriges Thema bei allen Moppel-Pferden ist der Weidegang. Auf saftigen, frischen Weiden fressen sie sich kugelrund, auf abgegrasten oder gemähten Wiesen nehmen sie zu viel Erde und im schlimmsten Fall sogar Giftpflanzen auf. Ein Verkleinern der Fläche bringt keinen Erfolg, da dadurch noch zusätzlich die Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt wird. Conny Röhm empfiehlt daher, Pferde erst später im Jahr anzuweiden. Die strukturreichen Obergräser sollten ausgeblüht haben, dann erfolgt im Mai der erste Schnitt. Anschließend werden die Pferde angeweidet und möglichst nur stundenweise auf die Koppel gelassen – am besten nachmittags. „Wenn die Mittagssonne durch ist, sinkt der Gesamtzuckergehalt der Gräser“, erklärt die Expertin. Noch besser wäre natürlich, die Koppel an die natürlichen Bedürfnisse der Pferde anzupassen und eine sogenannte Magerweide anzusäen. Dafür gibt es spezielle Saatmischungen mit Gräsern mit hohem Rohfaser- und geringem Nährstoffgehalt.

In der Regel brauchen Freizeitpferde bis auf die genannten Grundfutterrationen, Mineralfutter und Salzleckstein keine weitere Futtergabe. Kraftfutter ist nicht nötig, es sei denn, man startet ein zusätzliches Sportprogramm und stellt fest, dass mit Steigerung der Anforderungen dem Pferd der „Dampf“ fehlt. Auch dann aber bitte nicht den Trog mit melassiertem Müsli füllen, sondern lediglich zwei Stunden vor dem Sport kleine Mengen Hafer reichen – und das auch nur an den Tagen, an denen gearbeitet wird.

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© Abspecken geht am besten bei einer Trainingsintensität von 50 bis 60 Prozent des Maximalpulses. Pulsmessgeräte helfen den Optimalbereich zu finden.

Ohne Sport geht gar nichts

Ein effektives Abspeckprogramm besteht aber leider nicht nur aus einer Futterumstellung. Christine Iben und Conny Röhm sind sich einig: „Ohne Sport geht es nicht!“. Dabei ist die Art des Sports erst einmal gar nicht so wichtig. Man muss kein ausgebildeter Distanz- oder Dressurreiter sein, um seinem Dicken die Speckpölsterchen wegzutrainieren. Einfaches Intervalltraining im Gelände reicht aus, dafür aber bitte fünf Mal pro Woche. Bei schwer adipösen Pferden empfiehlt Röhm, mit Einheiten von 30 Minuten zu arbeiten – zwei Minuten Schritt, zwei Minuten Trab. Klappt das, so kann das Training auf 40 Minuten verlängert und das Intervall auf drei Minuten ausgedehnt werden. Später kommen Galoppimpulse, Bergaufreiten und Traben über Stangen dazu. „Wichtig ist, das Pferd nicht zu überfordern“, warnt sie. „Gerade am Berg ist die Belastung sehr hoch, und es wird viel Laktat in den Muskeln eingelagert. Auch Sehnen und Bänder eines schweren Pferdes sind schnell überlastet.“

Ein solches Training macht dem Pferd keinen Spaß. Es tickt nicht wie ein Mensch, der im Abnehmen einen positiven Anreiz sieht. Stattdessen denkt es so etwas wie: „Diese Form von Aktivität mit meinem Menschen sorgt für Schmerzen.“ Also bitte piano – mit leichten Steigerungen im aeroben Bereich vorwärts. Diesen erkennt man am besten durch Messung der Puls- und Atemfrequenz. Einen Pulsmesser für Pferde gibt es im Fachhandel. „Sinnvolles Abspecken erfolgt am besten bei einer Trainingsintensität von 50 bis 60 Prozent des Maximalpulses“, rät Röhm. „Das bedeutet bei einem untrainierten Pferd einen Arbeitspuls von 95 bis 115 und bei einem trainierten Pferd einen Arbeitspuls von 110 bis 135 Schlägen pro Minute.“

Nach jeder Anstrengung dieser Art soll das Tier sich erholen können, bis der Puls auf 60 bis 70 Schläge sinkt. Das sollte spätestens nach 10 Minuten der Fall sein, ansonsten ist das Pferd bereits zu stark überlastet. Die Atemfrequenz liegt in der Ruhe bei 8 bis 16 Zügen, unter starker Belastung steigt sie auf 80 bis 90 Züge pro Minute.

Trainingsplan von Conny Röhm

Dieser Plan dient als Grundlage und kann durch weitere Trainingsmethoden wie Equikinetic, Zirkuslektionen oder Cavalettiarbeit ergänzt werden. Auch Aquatrainer, Laufbänder und ähnliche Trainingsgeräte sollten, falls vorhanden, genutzt werden.

Wochen-Trainingsplan

Montag
Teil 1: Führanlage oder Spaziergang oder Longe (30 bis 40 Minuten),
Teil 2: Schritt-Trab-Ausritt (1 bis 1,5 Stunden)

Dienstag
Teil 1: Schnelles Gehen (Nordic Walking) mit Pferd (1 Stunde),
Teil 2: Führanlage oder Spaziergang oder Longe (30 bis 40 Minuten)

Mittwoch
Teil 1: Schnelles Gehen (Nordic Walking) mit Pferd (1 Stunde),
Teil 2: Spaziergang oder Longe (30 bis 40 Minuten)

Donnerstag
Teil 1: Führanlage oder Spaziergang (30 bis 40 Minuten),
Teil 2: Schritt-Trab-Ausritt (1 bis 1,5 Stunden)

Freitag
Teil 1: Schritt-Trab-Ausritt (schneller!) oder Bahnarbeit (1 bis 1,5 Stunden)

Samstag
Teil 1: Schritt-Trab-Galopp-Ausritt (Schritt-Trab-Anteil überwiegt!) oder
Bahnarbeit (schwerer); (Ausritt bis zu 3 Stunden, Bahnarbeit 1 Stunde)

Sonntag
Teil 1: Führanlage oder Spaziergang (30 bis 40 Minuten),
Teil 2: Schritt-Trab-Ausritt (1 bis 1,5 Stunden)

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Dieser Artikel von Regina Käsmayr wurde erstmals in Ausgabe 7/2018 der Pferderevue veröffentlicht. Pferderevue AbonnentInnen können diese Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach im E-Paper-Bereich einloggen und in allen Heften aus über 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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