WENN PFERDE SCHMERZEN HABEN

Pferde leiden stumm

Ein Artikel von Romo Schmidt | 04.06.2020 - 16:18
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Teilweise oder ganz geschlossene Augen können ein Anzeichen auf mögliche Schmerzen sein. Im Rahmen der dänischen Studie wurde ein um mehr als die Hälfte reduziertes Augenvolumen bereits als deutliches Schmerzsignal gewertet.

„Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktuellen oder potenziellen Gewebeschädigungen verknüpft ist oder mit Begriffen solcher Schäden definiert ist.“ So lautet die offizielle Definition der Weltgesundheitsorganisation. Schmerz ist also nicht nur die bloße Wahrnehmung von Reizen, sondern auch deren gefühlsmäßige Bewertung, wobei sowohl Wahrnehmung als auch Bewertung subjektiv erfolgen.

Eine Schädigung des Körpergewebes setzt Schmerzbotenstoffe frei, die Schmerzrezeptoren stimulieren und deren Impulse zum Zentralnervensystem leiten. Diese Rezeptoren sind freie Nervenenden, die in Haut, Muskeln, Knochenhaut und allen inneren Organen zu finden sind. Die empfundene Stärke des Schmerzes ist unter anderem von der Dichte der Schmerzrezeptoren an der betreffenden Körperregion abhängig. Damit lässt sich beispielsweise auch das extreme Schmerzgeschehen bei Hufrehe erklären, denn die Dichte der Schmerzrezeptoren im Huf sind sehr ausgeprägt ist.

Davon abgesehen spielt auch der Grad der Schädigung, Verletzung oder Erkrankung eine große Rolle beim Schmerzempfinden. Schmerzrezeptoren sind nicht anpassungsfähig sind, selbst bei lange anhalten Schmerzen tritt nie ein Gewöhnungseffekt ein.  Aus diesem Grund kann das Schmerzgeschehen ein fatales Eigenleben entwickeln: Werden längerfristig ständig Schmerzen an das Gehirn gemeldet, kann sich das Nervensystem derart verändern, dass die Sensibilität für Schmerz ansteigt und nicht mehr vergeht. Es entsteht ein sogenanntes „Schmerzgedächtnis“, das im Extremfall Schmerz meldet, der nicht mehr vorhanden ist beziehungsweise dessen Auslöser vielleicht sogar Jahre zurückliegt. Ein Pferd, das wegen eines unpassenden Sattels über lange Zeit hinweg Schmerzen beim Geritten werden hatte, zeigt aus diesem Grund nicht selten weiterhin Abwehrverhalten unter dem Reiter, selbst, wenn der Rücken ausgeheilt und der alte Sattel durch einen passenden Neuen getauscht wurde.

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Unpassende, drückende Sättel sind häufige Schmerzauslöser, manchmal  ist aber mangelndes reiterliches Können die Ursache für  Rückenschmerzen. Expertenrat tut not. © www.slawik.com

Schmerz soll vor Schaden bewahren

Biologisch gesehen ist Schmerz eine sinnvolle Schutzeinrichtung und dient dazu, die Ursachen, also eine Verletzung oder Erkrankung, nicht zu verschlimmern, indem das Pferd ausweicht, abwehrt oder das schmerzende Körperteil schont. Das Schonen eines schmerzenden Beines fördert die Heilung. Ein schmerzhafter Biss eines Artgenossen wird ein Pferd dazu veranlassen, diesem künftig vorsichtiger zu begegnen.

Das Schmerzempfinden wird auch durch die Erwartungshaltung in einer bestimmten Situation beeinflusst. Hat ein Pferd schlechte Erfahrung mit dem Hufschmied oder Tierarzt gemacht, wird es sich bei seinem neuerlichen Erscheinen an den erlebten Schmerz erinnern, sich aus Furcht vor vermeintlich neuem Schmerz verspannen und unter Umständen schon bei der kleinsten Berührung mit Abwehr oder einem Fluchtversuch reagieren.

Schmerzen in Verbindung mit Angst, Stress und Panik können aber auch zur Mobilisierung körpereigener Hormone wie Cortisol, Adrenalin und ACTH führen, die quasi den Schmerz kurzfristig blockieren beziehungsweise so lange überlagern, bis das Pferd flüchten und sich in Sicherheit bringen kann.
 

Pferde sind keine Schauspieler

Eines können Pferde mit Sicherheit nicht, und das ist Schmerzen vortäuschen. Pferde können zwar mit Abwehr reagieren, sich beim Satteln wehren oder versuchen, den Reiter abzuwerfen, wenn sie etwa beim Gerittenwerden Schmerzen empfinden. Ein vorausschauendes Lahmen, um einer Trainingseinheit zu entgehen ist dem Pferd aufgrund seiner unzureichenden kognitiven Fähigkeiten schlicht unmöglich. Zeigt ein Pferd also Schmerzsymptome, kann man es als gesichert ansehen, dass es auch tatsächlich Schmerzen empfindet.

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Gesteigerte Unruhe, Schweifschlagen und wiederholtes Umschauen nach dem Bauch sind deutliche Hinweise auf ein schmerzhaftes Geschehen in diesem Bereich – mit großer Wahrscheinlichkeit hat das betroffene Pferd eine Kolik.

Schmerzzeichen beim Pferd

Das Problem: Um Schmerzen beim Pferd festzustellen, muss man schon genau hinsehen. Denn anders als viele andere Lebewesen leidet das Pferd in der Regel still. Explizite Schmerzlaute sind äußerst selten und eher zurückhaltend. Selbst unter starken Schmerzen, etwa während einer Geburt, bei einer akuten Kolik oder Hufrehe, entkommt Pferden bestenfalls ein Stöhnen oder Seufzen. Auch Zähneknirschen kann Ausdruck erheblicher Schmerzen sein. Bei Fohlen hört man manchmal ein Quieken. Laute Schmerzschreie geben Pferde jedoch nur im Extremfall und bei äußerster Qual von sich.

Das meist lautlose Leiden des Pferdes gehört mit zur seiner Überlebensstrategie. Würde es in freier Wildbahn schmerzbedingt verräterische Laute von sich gegeben, wäre es wohl eine leichte Beute, vor allem wenn es in der Bewegung eingeschränkt ist. Obwohl dieses „Schutzschweigen“ beim domestizierten Pferd nicht mehr nötig wäre, leiden auch unsere Hauspferde instinktiv weiterhin stumm, das Verhalten ist tief in ihrem Genpool verankert.

Doch es gibt andere Anzeichen, die auf Schmerzen beim Pferd hinweisen.

Veränderungen in der Bewegung
Deutliche Anhaltspunkte sind Veränderungen in der Bewegungsaktivität und in den Bewegungsabläufen. Je nach Grad des Schmerzes und Art der Erkrankung oder Verletzung kann sich die Aktivität steigern oder reduzieren. So deutet plötzliche Ruhelosigkeit mit häufigem Niederlegen, Wälzen, Hin- und Hertreten, Scharren, Aufstampfen, Schweifschlagen, Umschauen oder Treten nach dem Bauch – wie es häufig bei einer Kolik zu sehen ist – genauso auf Schmerzen hin wie steife, unkoordinierte Bewegungsabläufe, Lahmen oder häufiges Liegen. Auch unnatürliche Körperhaltungen mit Muskelverspannungen bzw. -schlaffheit, Zuckungen, Krämpfe und Zittern oder ungewöhnliche Beinstellungen wie Vor- oder Zurückstellen sowie (wechselseitiges) Anheben der Beine gehören zu den Schmerzäußerungen des Pferdes.

Veränderungen in der Mimik
Ein weiteres Schmerzmerkmal ist die veränderte Mimik. Beim sogenannten Schmerzgesicht fehlt das Ohrenspiel in der Regel ganz, die Ohren stehen starr nach hinten oder hängen seitlich herab. Die Augen sind entweder weit geöffnet oder klein und eingefallen mit verzweifeltem oder abwesend glasigem Blick; die Nüstern sind schmal oder extrem gebläht. Die Gesichtsmuskeln sind meist deutlich angespannt mit verhärteter Lippenpartie und zum Teil aufgestütztem oder hängendem Kopf bzw. Kopfschütteln. Auch Gähnen kann ein Zeichen von Schmerzen sein.

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© Karina Bech Gleerup

Was das Pferdegesicht über Schmerzen verrät
Anders als viele andere Tiere verfügt das Pferd über keinen Schmerzlaut, mit dem es auf Unwohlsein hinweisen kann. Schmerzen beim Pferd zu erkennen, ist für Pferdebesitzer deshalb häufig eine große Herausforderung. Wie Sie an der Mimik ihres Pferdes ablesen können, ob ihm etwas weh tut, lesen Sie hier.

Veränderungen im Verhalten
Neben Gestik und Mimik können auch plötzliche Verhaltensänderungen auf Schmerzen hinweisen. Je nach Charakter des Pferdes sowie Art und Dauer der Schmerzen werden einige Tiere ungewöhnlich aggressiv, während andere sich eher zurückziehen und apathisch wirken. Auch kann sich die Rangordnung in der Gruppenhaltung ändern, weil rangniedere Tiere die Schwäche des Ranghöheren „gnadenlos“ ausnutzen. Auf der anderen Seite kann man jedoch beobachten, dass befreundete Pferde einander nicht von der Seite weichen, wenn eines erkrankt oder verletzt ist.

Veränderung des Allgemeinzustandes
Schließlich können auch eine reduzierte Nahrungsaufnahme sowie verstärkte oder verminderte Ausscheidungen Schmerzen anzeigen ebenso wie stumpfes Fell und Abmagerung meist bei chronischen Schmerzen und Veränderungen der Vitalwerte wie erhöhte Atem- und Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur.
 

Genaues Hinsehen gefragt

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass das Schmerzempfinden bei allen Pferden unabhängig von Alter, Rasse oder Geschlecht ähnlich ausgeprägt ist. Jedoch gibt es sicherlich große individuelle Unterschiede im Schmerzverhalten, die nicht nur vom tatsächlichen Schmerz, sondern auch unter anderem vom allgemeinen Zustand, dem Umgang, den Haltungsbedingungen und der Stellung im Herdenverband abhängen.

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© FotoLL - Fotolia.com

Pferde empfinnden Schmerz sehr unterschiedlich
Während das eine Pferd mit leichtem Sehnschaden nur noch auf drei Beinen steht, lässt sich ein anderes mit schwerwiegenderem Problem kaum etwas anmerken. Woran es liegt, dass Pferde so unterschiedlich auf Schmerzen reagieren, haben britische Forscher untersucht. Hier geht's zum Artikel.

Eindeutig sind die Schmerzhinweise eigentlich nur bei starken Schmerzen, während die Grenze zwischen Unbehagen und geringem Schmerz nicht selten fließend und kaum eindeutig zu ziehen ist. In der Regel bedarf es der genauen Kenntnis des Pferdebesitzers der spezifischen Reaktionen und Verhaltensweisen seines Pferdes, um zum Beispiel zwischen Stress und Schmerz unterscheiden zu können. Nicht selten werden Schmerzsymptome nicht als solche erkannt oder gar als Ungehorsam verkannt. So kann das „Festmachen“ im Rücken oder Kopfschlagen beim Reiten auf ein Rücken- oder unentdecktes Zahnproblem hindeuten.
 

Mögliche Schmerztherapien

Neben der Ursache des Schmerzes wird jeder Tierarzt auch den Schmerz selbst behandeln und versuchen, ihn einzudämmen. Schmerzmittel sollten jedoch nur unter Anleitung beziehungsweise nach Rücksprache mit dem Veterinär eingesetzt werden. Eine eigenständige Anwendung kann nämlich die Diagnose der Schmerzursache erschweren oder sogar unmöglich machen. Auch können schmerzlindernde Medikamente den Heilungsprozess verzögern oder negativ beeinflussen, weil zum Beispiel ein Pferd mit einer Gliedmaßenerkrankung weiterhin umherspringt, während es sich eigentlich schonen sollte.

Als Schmerzmittel, die zugleich Entzündungen bekämpfen, stehen entweder sogenannte steroidale Entzündungshemmer (Kortisone) zur Verfügung, die vor allem bei akuten Entzündungen und chronischen orthopädischen Problemen angewendet werden, oder nicht-steroidale Entzündungshemmer – zum Beispiel Phenylbutazon, Flunixin-meglumin, Vedaprofen, Meclofenaminsäure, Acetylsalicylsäure (ASS), Metamizol, Meloxicam (= Metacam) oder Firocoxib (= Equioxx). Mit Ausnahme von Acetylsalicylsäure (unter dem Markennamen Aspirin® bekannt) sind alle Medikamente verschreibungspflichtig und dürfen nur von Tierärzten eingesetzt bzw. verschrieben werden.

Alternative Methoden zur Schmerzlinderung sind beispielsweise homöopathische Mittel, Physiotherapie, Kryotherapie (Kältetherapie), Akupunktur und Akupressur, die besonders bei chronischen beziehungsweise unheilbaren Leiden oder auch bei einer Trächtigkeit zum Einsatz kommen können. Eine zumindest vorübergehende Eindämmung beziehungsweise Ausschaltung des Schmerzes ist nur durch starke Schmerzmittel (Analgetika mit Opiaten oder Morphinen) oder durch Betäubungsmittel (Narkotika) zu Behandlungszwecken zu erreichen. Eine dauerhafte Schmerzfreiheit ermöglicht nur der Nervenschnitt (Neurektomie), der bei unheilbaren Krankheiten, zum Beispiel bei einer fortgeschrittenen Hufrollenentzündung, durchgeführt wird.

Alle diese Methoden beheben allerdings nicht die Schmerzursache und sind teilweise für Turnierpferde verboten, um sicherzustellen, dass kein verletztes oder krankes Pferd zum Einsatz kommt. Denn Schmerz – siehe oben – mag zwar lästig und unangenehm sein, hat aber eine wichtige Funktion: zu warnen, um größere gesundheitliche Schäden zu vermeiden.