GESUNDHEIT

Selektiv, periodisch, strategisch: Welches Entwurmungsschema passt für welches Pferd?

Ein Artikel von Stephanie Kollin | 05.06.2024 - 17:12
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Pferdealter, Haltungsform und Fluktuation im Pferdebestand beeinflussen die Entwurmung. © chelle129 | stock.adobe.com

Die Angst vor Resistenzen und gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen auf der einen, die Sorge angesichts von Wurmbefall und daraus folgenden Erkrankungen auf der anderen Seite: Sich als Pferdebesitzer:in zwischen all den Argumenten rund ums Thema Entwurmung eine eigene, faktenbasierte Meinung zu bilden, fällt schwer. Diskussionen in diversen Onlineforen, sozialen Medien und in der Stallgasse tun ein Übriges und stiften Verunsicherung. Daneben erweitern sich auch die Erkenntnisse der Parasitologie laufend. Wir bringen Sie auf den aktuellen Stand der Wissenschaft und haben die Parasitologin Univ.-Prof. Dr. med. vet. Anja Joachim um ihre Empfehlungen gebeten.
 

Entwurmen: ein Muss?

Wildlebende Pferde halten sich nicht lange am selben Platz auf. Sie ziehen langsam grasend stetig weiter. Unsere Pferdehaltung ist hingegen auch bei großem Bemühen um genug Bewegung immer an einen Ort gebunden. Zusätzlich halten sich verhältnismäßig viele Pferde auf wenig Fläche auf. Dadurch kommt es leichter zu vermehrten Infektionen mit Parasiten. Denn ganz frei von den lästigen Mitbewohnern sind Pferde nie. Ziel einer Wurmkur ist es daher einerseits, die Parasitenanzahl pro Individuum auf eine Menge zu beschränken, mit der der Organismus problemlos zurechtkommt.

Andererseits geht es um den Schutz des kompletten zusammenlebenden Pferdebestandes. Denn nicht immer ist das Tier, das die meisten Parasiteneier ausscheidet, auch jenes, das am meisten unter den Parasiten leidet. Erstere Pferde bezeichnet man als Hochausscheider: Sie sollten stets gründlich und ausreichend entwurmt werden, vor allem um ihrer Stallkollegen willen.

Ähnlich wie bei Impfungen geht es beim Entwurmen außerdem auch darum, Parasiteninfektionen in ganzen Ländern und Regionen auf niedrigem Niveau zu halten. Dank des regelmäßigen Entwurmens in unseren Breitengraden seien viele Parasiten hierzulande kaum mehr in nennenswerten Ausmaßen zu finden, berichtet Dr. Joachim. Das Entwurmen aller Individuen ist also eine essenzielle Gesundheitsvorsorge für alle Pferde eines Bestandes oder sogar einer Region.
 

Auf Alter und Haltungsform kommt es an

Die Gretchenfrage: Wie oft und mit welchem Wirkstoff sollte entwurmt werden? Laut der Expertin ist die Antwort nicht so einfach, denn „es kommt darauf an. Ein entscheidender Faktor ist das Alter des Pferdes. Fohlen und junge Pferde sollten in jedem Fall regelmäßig viermal jährlich entwurmt werden. Je älter das Pferd wird, desto weniger häufig ist das Entwurmen notwendig. Ein weiterer Faktor ist die Haltung.“

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Gruppenhaltung macht intensivere Prophylaxe nötig. © www.Slawik.com

Eine Sportpferdehaltung ohne oder mit wenig Weidegang (außerdem vielleicht einzeln oder mit nur einem Stallkollegen) verlangt eine andere Vorsorge als die Offenstallhaltung. Pferde, die sich ihren Stall und vor allem die Weidefläche mit vielen Artgenossen teilen, benötigen intensivere Parasitenprophylaxe.

Bei einer Weidehaltung ist auch das Platzangebot entscheidend, und ob die Weide periodisch gewechselt wird. Sind die Pferde z. B. im Herbst noch auf der Weide und sind dort nur die sonst gemiedenen Mistplätze zum Abweiden übrig, kommt es eher zu Infektionen. „Ein sehr wichtiger Faktor ist das regelmäßige Abmisten auf der Weide“, betont Dr. Joachim. Denn eine einwandfreie Stall- und Weidehygiene bietet auch eine gute Vorsorge gegen Parasitenbefall. Idealerweise wird der Stall täglich und die Weide zwei Mal wöchentlich abgemistet. Bei Tiefstreuställen sollte einmal jährlich eine Reinigung mit Dampfreiniger und Desinfektionsmittel erfolgen. Bevor ein neues Pferd in eine Herde integriert wird, sollte es unter Quarantäne gestellt und entwurmt werden, und erst nach negativer Kotprobe auf die Weide dürfen.


Was sagen Kotproben aus?

Apropos Kotproben: Ihre Zuverlässigkeit wird - vor allem in den sozialen Medien - immer wieder in Frage gestellt. Wie sicher sind sie nun tatsächlich? Und wie stellt man eindeutig fest, ob ein Pferd eine Entwurmung benötigt oder nicht? „Um genau zu sein, ist das zurzeit nicht gesichert möglich“, so die Expertin. Kotproben zur Bestimmung des Wurmbefalls können nämlich nur die Anzahl an Wurmeiern, die im Pferd von geschlechtsreifen Würmern gelegt werden, anzeigen. Infektionen mit Parasiten im Larvenstadium werden nicht nachgewiesen. So kann das Ergebnis der Kotprobe ein und desselben Pferdes innerhalb von zwei bis vier Wochen völlig unterschiedlich aussehen.

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Das Entwurmen eines einzelnen Pferdes vom Ergebnis einer einzigen Kotprobe abhängig zu machen, ist nach derzeitigem Wissenstand nicht sinnvoll.

In anderem Zusammenhang kann eine Kotprobe aber sehr wohl helfen: um festzustellen, ob eine Wurmkur gewirkt hat. Hier muss vor Gabe des Entwurmungsmittels getestet werden und erneut kurze Zeit danach. Auch bei der Kontrolle eines stabilen Bestandes an Pferden (ohne Zu- und Abgänge mit eventueller Einschleppung von Parasiten) kann die Kotprobe ein hilfreicher Indikator sein. Dazu empfiehlt Dr. Joachim zu etwa vier fixen Zeiten im Jahr immer wieder Kotproben zu entnehmen.

Damit können im Labor der Verlauf einer Infektion festgestellt und auch Pferde, die besonders viele Eier ausscheiden, identifiziert werden. Zusammengefasst: Das Entwurmen eines einzelnen Pferdes vom Ergebnis einer einzigen Kotprobe abhängig zu machen, ist nach derzeitigem Wissenstand nicht sinnvoll.
 

Schont selektives Entwurmen die Pferde?

Sinnvoll selektiv zu entwurmen bedeutet also nicht, anhand einer gelegentlichen einmaligen Kotprobe zu entscheiden, ob ein Pferd entwurmt werden muss oder nicht. Vielmehr geht es darum, die Hochausscheider eines Pferdebestandes zu identifizieren und gezielt zu behandeln, und damit die Gesamtanzahl an nötigen Entwurmungen für alle Pferde zu senken. Sinnvoll ist dieses Vorgehen dann, wenn die Gruppe stabil zusammenlebt. Ziehen im Monatstakt Pferde ein und aus, solle man besser auf strategisches Entwurmen setzen, rät Dr. Joachim. Auch die Angst vor schädlichen Nebenwirkungen sei unbegründet. Ausnahme: Unverträglichkeit eines Pferdes gegenüber einem bestimmten Wirkstoff. Da Anthelminthika, so die pharmazeutische Bezeichnung für Anti-Wurm-Mittel, keine Antibiotika seien, hätten sie auch keinen negativen Effekt auf die Darmflora. Eine kürzlich erschienene Studie spricht dieser Annahme jedoch entgegen. Die Arbeit des französischen Forschers Michel Boisseau zeigt, dass Entwumungen zu einer Instabilität des Darmökosystems führen, die in geringem Maße auch 15 Tage nach Verabreichung des Wurmmittels nachweisbar ist.

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Stall- und Weidehygiene sind in jeder Haltung zentral. ©www.Slawik.com

Davon abgesehen gibt Dr. Joachim zu bedenken, dass es sich auch bei Wurmmitteln um Medikamente handle. Und diese müssen immer mit Maß und Ziel eingesetzt werden. Auch wenn die Pferde selbst keine Resistenzen gegenüber Präparaten entwickeln – die Würmer tun es. Weniger ist also mehr. Abgesehen vom zu häufigen Entwurmen fördert allerdings auch eine Unterdosierung des Wurmpräparats das Überleben von resistenten Würmern. Daher sollte immer dem Körpergewicht des Pferdes entsprechend entwurmt werden. Besonders bei der Bekämpfung von kleinen Strongyliden und Spulwürmern ist es zudem wichtig, die verfügbaren Wirkstoffe im Laufe des Jahres abwechselnd zu verabreichen.

Weniger ist mehr – aber richtig

Selektives Entwurmen ist aufwendiger und durch vermehrte Laboruntersuchungen der Kotproben u. U. auch kostenintensiver als die „klassische“ periodische Entwurmung. Dafür spart man Geld für die Entwurmungen von Pferden, die aufgrund geringer oder fehlender Eiausscheidung weniger Behandlungen benötigen. Auf lange Sicht lohnt es sich für kleine, stabile Pferdebestände trotzdem, da so die Anzahl der Entwurmungen pro Pferd gesenkt werden kann. Strategisches Entwurmen ist hingegen organisatorisch deutlich weniger aufwendig und vor allem in großen Betrieben mit hoher Fluktuation des Pferdebestands notwendig. Wie so oft gibt es auch beim Entwurmen also nicht nur Schwarz und Weiß – die beste Entwurmungsmethode ist von sehr vielen Faktoren abhängig. Und: Es geht dabei nicht nur um das einzelne Pferd, sondern um den Schutz der ganzen Gruppe.

Entwurmungssysteme - was ist was?

Selektives Entwurmen

Das Konzept der selektiven Entwurmung baut auf viermal jährlichen Kotproben und deren Untersuchung auf den Befall durch Magen-Darm-Strongyliden (MDS), Spulwürmer, Pfriemenschwänze und Bandwürmer auf. Ursprünglich wurde dieses System zur Bekämpfung von kleinen Strongyliden entwickelt und wird nur für erwachsene Pferde empfohlen.

Ein jährlicher Untersuchungszyklus sollte mit April/Mai starten und spätestens bis Oktober/November beendet sein. Bei der Kotprobenuntersuchung wird vor allem auf die Anzahl der Wurm-Eier (von kleinen Strongyliden) pro Gramm Kot (EPG) geachtet. Ist der Wert höher als 200 EPG oder wird ein sonstiger Parasitenbefall nachgewiesen, wird das Pferd entsprechend entwurmt.

Unabhängig von den Ergebnissen der Kotuntersuchung wird für jedes Pferd eine einmalige jährliche Entwurmung empfohlen. Sollte bei einem Pferd ein Befall durch große Strongyliden nachgewiesen werden, wird für die betroffene Pferdehaltung von einer selektiven Entwurmung abgeraten. Stattdessen sollte dann zweimal jährlich (Frühjahr und Herbst/Winter) entwurmt werden, bis kein Befall mehr nachgewiesen werden kann.

Besonders wichtig bei der selektiven Entwurmung ist die Einhaltung von Hygiene- und Quarantänemaßnahmen, wenn neue Pferde zum Bestand hinzukommen.

Vorteile

  • Pferde werden nur entwurmt, wenn es tatsächlich notwendig ist.
  • Der Bildung von Resistenzen wird durch den maßvollen Einsatz von Anti-Wurm-Präparaten entgegengewirkt.
  • Pferdebesitzer:innen erhalten regelmäßig ein klares Bild darüber, welche Parasiten genau den Tieren zu schaffen machen.

Nachteile

  • hoher Aufwand für die Diagnostik
  • Die Wurmeizahl ist kein verlässlicher Indikator für die tatsächliche Verwurmung. Sie gibt nur an, wie stark das untersuchte Pferd die Umgebung mit Wurmeiern und daher mit weiteren Infektionstadien verunreinigt.
  • nur für erwachsene Pferde in stabilen Haltungsformen geeignet

Strategisches Entwurmen

Unter dem Begriff der strategischen Entwurmung versteht man das bis zu viermal jährliche Entwurmen der Pferde ihrer Altersgruppe entsprechend. So beinhaltet das Behandlungsschema bei Fohlen und Jungpferden bis zum Alter von fünf Jahren kürzere Entwurmungsintervalle und geht beim erwachsenen Pferd auf zweimal jährliche Wurmkuren zurück.

Zusätzlich werden Kotproben zur Kontrolle entnommen, bei adulten Pferden beispielsweise im Frühling und am Ende des Sommers. Hier ist es auch möglich mittels Sammelkotproben von bis zu fünf Pferden aus derselben Altersgruppe die Kosten für die Kotprobenuntersuchung zu senken.

Das Abwechseln der Wirkstoffe je nach Jahreszeit wird unbedingt empfohlen, Quarantäne- und Hygienemaßnahmen sollten wie bei der selektiven Entwurmung getroffen werden.

Vorteile

  • Durch die mindestens zweimal jährliche Entwurmung wird einer Infektion mit großen Strongyliden vorgebeugt, da deren Entwicklungszeit bei sechs Monaten liegt.
  • gut geeignet für Aufzuchtbetriebe
  • bei Verwendung von Sammelkotproben weniger aufwendig und kostenintensiv als die selektive Entwurmung

Nachteile

  • Pferde werden unabhängig von ihrem Infektionsstatus (und daher u. U. unnötig) mit einem Medikament gegen Würmer behandelt.
  • kein bremsender Effekt auf Resistenzbildung

Periodisches Entwurmen

Wenn man so möchte, das „traditionelle“ Entwurmungsschema: die Pferde werden typischerweise viermal jährlich meist im Februar/ März, nach Weidebeginn im Mai/Juni, im August/September und nochmals bei Aufstallung im November mit Wurmmitteln aus unterschiedlichen Wirkstoffgruppen entwurmt. Meist findet hier auch keine Kotprobenuntersuchung statt.

Vorteile

  • günstig und einfach
  • auch bei hoher Frequenz an Zugängen zum Pferdebestand eines Betriebes möglich

Nachteile

  • Die Anti-Wurm-Medikamente werden den Pferden unabhängig von ihrem Infektionsstatus (daher u. U. unnötig) verabreicht.
  • Je nach Auswahl des Wirkstoffs entstehen Resistenzen leichter.
  • keine Kontrolle auf Wirksamkeit
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Parasitologin Dr. Anja Joachim   © Michael Bernkopf/Vetmeduni Wien

Unsere Expertin

Univ.-Prof. Dr. med. vet. Anja Joachim ist Leiterin des Instituts für Parasitologie der Vetmeduni Wien. Außerdem ist sie Diplomate EVPC (European Veterinary Parasitolgy College) sowie aktuelle österreichische Ansprechpartnerin des ESCCAP (European Scientific Counsel Companion Animal Parasites, esccap.de). Diese Vereinigung von Veterinärparasitolog:innen bietet Beratung an und veröffentlicht aktuelle Erkenntnisse rund um Parasiten bei Hund, Katze, Pferd und Co. Umfangreiche Guidelines für die Parasitenkontrolle beim Pferd finden Sie auf hier. Auch an das Institut für Parasitologie der Vetmeduni Wien können sich Pferdehalter:innen, Reitstallbetreiber:innen und Züchter:innen direkt wenden unter vetmeduni.ac.at.