Haltung

Stressfaktor Boxennachbar: Wenn sich zwei streiten ...

Ein Artikel von Claudia Götz | 03.03.2026 - 15:08
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Wer nebeneinander lebt, sollte sich auch mögen. Das scheint bei diesen beiden nicht der Fall zu sein. © kichigin19 - fotolia.com - stock.adobe.com

Jeder hat es schon erlebt: Pferde die sich nicht mögen, die aber dennoch nebeneinanderstehen. Da werden Ohren angelegt, Zähne gebleckt und Gitterstäbe gewetzt. Es wird mit den Hufen in Richtung Nachbar gedroht oder an Wände gedonnert. Das Problem dabei ist: In der freien Wildbahn aber auch bereits auf der Koppel oder in einem Offenstall können Pferde erstens genau sehen, was ein anderes Pferd körpersprachlich gerade macht. Das wird durch Boxenwände vor allem bei tiefer Kopfhaltung verdeckt. Zweitens haben sie draußen mehr Möglichkeiten, wie sie mit dem anderen Pferd umgehen. In erster Linie heißt das, sie können sich besser entscheiden, ob sie dem jeweiligen Pferd und damit einer Begegnung oder einem Konflikt aus dem Weg gehen oder sich darauf einlassen.

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Gute Nachbarschaft sorgt für mehr Wohlbefinden.  © Image by Rebecca Scholz from Pixabay

Die Zeichen richtig deuten

Während im Offen- oder Laufstall schnell klar wird, wenn zwei Vierbeiner nicht miteinander können oder ihren Rang erst einmal klären müssen, finden Animositäten, Befindlichkeiten oder Feindschaften zwischen Pferden in Boxenhaltung oft nicht genügend Beachtung. Hier wird häufig toleriert, dass Pferde sich nicht wirklich mögen oder sogar Angst voreinander haben. Einfach weil es der Mensch so beschlossen hat oder er nicht auf die Signale achtet, sie missversteht oder hofft, dass sich die Situation auf Dauer beruhigt. Leider ist die Erfahrung nicht immer so groß wie etwa bei den Hengsten der Spanischen. Und manchmal sind die Zeichen der Pferde weniger offensichtlich.

Mag Ihr Pferd seine Boxennachbarn oder können sich die beiden nicht ab? Ein paar recht eindeutige Anzeichen für letzteres sind, wenn ihr Pferd …

  • beim Hinein- oder Hinausführen aus der Box vom Nachbarn angegiftet wird.
  • beim Hinein- oder Hinausführen den Nachbarn angiftet.
  • beim Fressen jede Bewegung in der Nachbarbox beobachten möchte und dafür auch ab und an das Fressen unterbricht.
  • bei jedem Blickkontakt des Nachbarn Unwillen, Abwehr oder Zeichen der Beunruhigung zeigt.
  • jedem Blickkontakt des Nachbarn ausweicht.
  • einen Teil oder eine Seite seiner Box meidet.
  • oft mit dem Gesicht zur Wand in der Box steht.

Wichtig ist, dass man bei der Einschätzung bedenkt, dass es auch beim Boxen-Nebeneinander zweier Pferde die sich nicht mögen höchstwahrscheinlich einen gibt, der ranghöher und einen, der rangnieder ist. Oder anders ausgedrückt: einen, von dem das Anfeinden ausgeht und einen der eigentlich weichen würde.

Dennoch: Ganz einfach ist eine Animosität leider nicht immer zu erkennen, denn viele Pferde fressen den Frust im wahrsten Sinne des Wortes nach einer Weile in sich hinein. Zwar merkt man dann eventuell immer noch, dass etwa bei der Fütterung zwischen einzelnen Pferden mehr Unruhe ist, aber sind die Pferde erst einmal am Fressen kann eine trügerische Ruhe herrschen, die keiner mitbekommt. Schaut man genauer hin, respektive über die Boxenwand, dann sieht man vielleicht, dass das eine Pferd ständig die Hinterhand in Richtung Artgenosse schwenkt oder sogar mit einem Huf droht. Oder man bemerkt, dass ein Pferd sich an die abgewandte Wand quetscht oder auf Habacht und mit mehr als nur einem Ohr ständig in der Nachbarbox ist: entspanntes, gründliches Einspeicheln und Kauen adé.

Wurde das Problem längere Zeit ignoriert, etwa weil es nicht besonders offensichtlich war oder nur bei der Fütterung auftrat, dann können Pferde auch ein Verhalten zeigen, das man in der Verhaltensforschung als Learned Helplessness bezeichnet: Erlernte Hilflosigkeit führt auch bei Pferden dazu, dass sie aufgrund negativer Erfahrung ihr Verhalten verändern. Pferde, die erleben, dass sie unangenehmen oder für sie als gefährlich eingestuften Situationen nicht entkommen können, geben (sich) auf. Sie wirken dann oft teilnahmslos, unterwürfig und sogar depressiv, oft entstehen Falten um die Augen. Der Zustand kann sich auch auf ihr Verhalten in der Herde auf der Weide oder bei der Zusammenarbeit mit Menschen auswirken.
 

Stress macht krank

Stress schüttet Cortisol und Adrenalin aus. Dauerhafter Stress macht die Pferde krank. Einige bekommen Magengeschwüre, andere reagieren mit Koliken oder Kotwasser, wieder andere werden schreckhaft oder unkooperativ. Auch das Immunsystem leidet, sodass sogar die Entstehung von Allergien durch Stress getriggert werden kann. Auch der Bewegungsapparat kommt unter Dauerstress – da muss sich das Pferd nicht einmal seine Knochen durchs Treten an die Wände ruinieren oder beim Schlagen durch die Paddockstangen sich oder den Nachbarn verletzten. Denn Stress verspannt und der Muskelstoffwechsel kommt aus dem Gleichgewicht. Dies geht schlussendlich ebenfalls auf Kosten der Gelenke.

Der Gehalt an Stresshormon lässt keine gesicherte Aussage zu, ob und welche Art von Stress ein Pferd hat. Ein hoher Cortisolgehalt deutet typischerweise auf Stress hin. Aber auch ein besonders niedriger Gehalt des Stresshormons ist – vor allem bei besonders schwerem, chronischem Stress – möglich, wie Studien zeigten. Man vermutet, dass der anhaltende Stress dafür sorgt, dass das körpereigene Alarmsystem nicht mehr richtig funktioniert und so trotz Stress kein Stresshormon mehr ausgeschüttet wird. Als langfristige Folgen sind Entgleisungen im Hormonstoffwechsel zu erwarten, die, so wird vermutet, z. B. zu Cushing führen können.

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Ein Pferd, das in seiner Box dauerhaft unter Stress leidet, weil es sich mit seinem unmittelbaren Nachbarn nicht versteht, ist in seinem Wohlbefinden stark eingeschränkt - und kann auf Dauer krank davon werden. © Talitha Hoelscher - AdobeStock.com

Aus Tierschutzgründen: Abhilfe schaffen

Klar ist: Stress mit Artgenossen ist für Pferde ein so essentielles Problem, das er ihnen auf unterschiedliche Art sehr stark schaden kann. Besonders in der Box kann es diesem Problem nicht aus dem Weg gehen. Häufig wird erst reagiert, wenn eines oder sogar mehrere nebeneinander aufgestallte Pferde Leistungsabfall oder verminderte Rittigkeit zeigen oder andere stressbedingte Krankheitssymptome bekommen oder sich verletzen.

In den Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten, herausgegeben vom Referat Tierschutz des damaligen deutschen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) steht diesbezüglich ganz klar: „Zu beachten ist bei der Aufstallung in Einzelboxen, dass miteinander unverträgliche Pferde nicht nebeneinander aufgestallt werden. Erkennungsmerkmale für Unverträglichkeit sind z. B. häufiges Drohen gegen den Boxennachbarn oder Ausschlagen gegen die Trennwand.“ Die Sachverständigengruppe weißt zudem gesondert darauf hin, dass es auch wichtig ist, darauf zu achten, dass die Pferde beim Trinken nicht durch den Boxennachbarn gestört werden können.


Probleme in der Praxis

Werden unverträgliche Pferde neu sortiert, zieht das bei einem vollen Stall mindestens einen weiteren Tausch nach sich. Das kann nicht nur bei den Pferden für ordentlich Unruhe sorgen. Fragt man betroffene Pferdebesitzer:innen, wird schnell klar, dass die Gründe für ein Hinnehmen der Situation sowie für hinausgezögertes oder sogar verweigertes Handeln sehr oft „menscheln“: Da möchte man keinen Ärger riskieren, wenn man mit seinem Pferd gerade frisch in den Stall gezogen ist und keine andere Box frei ist. Oder man hängt selber oder die anderen Einsteller:innen an einer bestimmten Box – weil die so nah zur Sattelkammer liegt oder weil man von der trocken in die Halle kommt.

Sogar wenn Pferde massiv gegen die Boxenwände Richtung Nachbar treten befestigen wir Menschen zumeist lieber Matten an den Wänden, als den Versuch zu machen, für dieses Pferd die Haltung zu optimieren. Als Notfallmaßnahme können Matten tatsächlich Schlimmeres verhindern, bis eine andere Lösung gefunden ist. Viele Pferde verletzten sich beim Schlagen gegen Trennwand oder Wände stark. Noch heftiger sind allerdings über längere Zeiträume (auch trotz Dämmung) entstandene Schäden an den Strukturen der Hinterhand – zumeist sind Sprung- und Fesselgelenke oder deren Band- und Sehnenapparat betroffen. Nicht nur deshalb sollte man Matten an Wänden nur als vorübergehenden Puffer tolerieren. Denn das Pferd, dem die Tritte gelten bekommt sie ja letztlich genauso ab wie ohne Matte.

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Auch wenn Unmut nur zur Fütterungszeit auftritt: Schauen sie genau hin! © www.Slawik.com

Weitere Möglichkeiten

Vieldiskutiert sind Methoden, wie man Pferde die sich nicht mögen aneinander gewöhnen kann. Häufig wird empfohlen, gemeinsam auszureiten oder die Pferde zusammen im Hänger zu transportieren und in fremde Umgebung zu bringen. Die Erfahrungswerte diesbezüglich reichen von: „funktioniert nicht“ bis zu „hat schon öfter super geklappt“.

Zumindest gegen das regelmäßige gemeinsame Ausreiten lässt sich absolut nichts sagen. Davon, selbst mit vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen wie Trenngitter und stabiler Trennwand, einen gemeinsamen Transportversuch zu wagen, ist eher abzuraten. Zu den Herausforderungen, die der Transport von Pferden mit sich bringt, und dem ohnehin laut Studien stets erhöhten Stresslevel, sollte man besser nicht noch eine weitere Gefahrenquelle hinzufügen. Allerdings gibt es Gründe, sich um eine Zusammenführung Gedanken zu machen: wenn es sich um die beiden eigenen Pferde handelt. Man kann z. B. mit den beiden „Feinden“ einen Lehrgang besuchen – dort eventuell noch getrennt anreisen – und versuchen, ob die Pferde sich in der Fremde in Boxen nebeneinander zusammenschließen.

Vielfach erprobt ist hingegen, dass bei leichter Aversion oder „Eifersüchteleien“ ganz einfache Maßnahmen fruchten. Dazu zählen, das eigene Pferd nicht in der Box oder in Sichtweite als Belohnung zu füttern, auch kein Leckerli. Beim Hinein- und Hinausführen hat man als Mensch für Ruhe zu sorgen – beim eigenen und körpersprachlich (z. B. erhobener Arm) auch beim gegebenenfalls angreifenden Nachbarn. Als Zwischenlösung sollte man dies auf alle Fälle machen. Langfristig sollte zumindest bei stärkerer Aversion und in Fällen, in denen es sich nicht um selbst provozierten Futterneid handelt, unbedingt eine andere Lösung her. Gerade weil in der dunklen Jahreszeit die Pferde erfahrungsgemäß noch länger in der Box stehen und damit im Zweifelsfall neben einem ungeliebten Nachbarn. Wer sich nicht sicher ist, wie es seinem Pferd mit den Boxennachbarn geht, kann sich fragen, ob er sie zusammen auf die Koppel stellen würde. Hilfreich kann auch eine vorübergehend angebrachte Kamera sein.

Da die Leitlinien nicht nur Ruhe für die Pferde, sondern auch „soziale Kontaktmöglichkeiten“ mit „mindestens Sicht-, Hör- und Geruchskontakt“ fordern, werden Boxensysteme die dies ermöglichen immer mehr. Im positiven Sinn eine Entwicklung, die auch dazu führt, dass auf Verträglichkeit der Nachbarn noch mehr geachtet werden muss.