In den Picos de Europa gibt es zahlreiche Aussichtspunkte, die einen spaktakulären Panoramablick auf die Bergmassive des Nationalparks biete. © Carola Leitner
Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Weder das Pferd der Rittführerin Urszula noch jenes der Mitreiterin Morgan, die an zweiter Stelle reitet, wollen die gefährliche Stelle passieren. Die enge Einfriedung des Weges durch einen Holzzaun, ein Verkehrsschild und ein flatterndes rot-weißes Absperrband bieten Grund zum Fürchten. Ich wittere meine Chance und treibe meine ohnehin nach vorne drängende Schimmelstute mit den Worten „Ich probiere es!“ voran. Anfangs ist Nec noch unsicher und angespannt. Viel Freude hat sie mit dem Absperrband nicht und scheut, doch ich bleibe mit dem Schenkel dran – und sie fasst sich ein Herz. Wenig später hat sie sich etwas beruhigt und geht trotz Unsicherheit mutig mit gespitzten Ohren voran. Sie scheint ebenso froh über den Lead zu sein wie ich … Die Stute, die noch kurz zuvor nervös im Pulk das Hinterteil von einer Seite auf die andere gedreht und unwillig mit dem Kopf geschlagen hat, ist kaum wieder zu erkennen. Zufrieden und entspannt folgen wir dem gewundenen Weg durch die regenverschleierte Landschaft.
Die tief ins Gesicht gezogene Kapuze meines Reitregenmantels schirmt mich von der Außenwelt ab. Doch Nec lässt mich ohnehin sofort wissen, wenn hinter uns getrabt wird. Der Sprühregen legt sich wie ein weißer Vorhang über die Wiesen und den Covadonga See. Als wir vor dem Refugio de la Vega de Enol absteigen und Urszulas Mitarbeiter Paco die Pferde in Empfang nimmt, freuen wir uns bereits auf die trockene Stube. Im Gastraum wird groß aufgetischt: Es gibt mehrere Käse, Brot, Salate und vieles mehr. Doch das Highlight ist die Fabada, ein Eintopf aus weißen Bohnen, zu der Blutwurst, gekochtes Fleisch und Chorizo gereicht werden. Am Weg zum Hotel machen wir noch einen Zwischenstopp bei der Basilika in Covadonga und die in eine Felsengrotte gebaute Kapelle, ein Anziehungsort für viele Pilger.
5-Sterne-Genießer-Trail
Am nächsten Tag hat der starke Wind die dunklen Wolken verscheucht. Nach einem Besuch im Informationszentrum des Nationalparks Picos de Europa reiten wir von Oseja de Sajambre bei blauem Himmel los. Heute gibt es einige Änderungen in unserer siebenköpfigen Gruppe, bestehend aus Morgan, Becca, André, Walter, Verena, Marion und mir. Unsere Rittführerin übernimmt meine Porzellanscheckstute, ich reite den Wallach von André und er erhält im Gegenzug das gestrige Guidepferd. Mein neues Pferd Chop ist vorwärtsgehend und schnell – was wohl an seinem Vater, einem Englischen Vollblüter, liegt. Der lange Zügel mit leichter Verbindung zum Maul, wie bei vielen Trails üblich, ist bei dem Wallach nicht möglich, da er jeden Millimeter Zügel für ein Überholmanöver zu nutzen versucht.
Urszula fragt, ob jemand Höhenangst hat und ist zufrieden als alle verneinen. Die folgende Passage bietet einen atemberaubenden Blick auf die umliegenden Berge. Der Weg hat in etwa die Breite einer einspurigen Straße und fällt zur rechten Seite wohl mehr als hundert Meter steil ab. Wir reiten durch Buchenwälder, lassen die Pferde an den die Wege kreuzenden Bächen oder Tränken saufen und traben und galoppieren immer wieder, wenn der Boden es erlaubt.
Wir können uns gar nicht sattsehen an den großartigen Ausblicken, die uns dieser Trail bietet. © Carola Leitner
Als wir in Posada de Valdeon ankommen, stoßen wir in der einzig geöffneten Bar des Ortes auf unseren gelungenen Tag an, bevor wir uns beim Abendessen den Bauch vollschlagen. Erneut biegt sich die Tafel unter den aufgetischten Speisen und uns wird klar: Dies ist ein 5-Sterne-Genießer-Trail. Die Stimmung im Gastraum ist feucht-fröhlich. Immer wieder wird großzügig der dem Trail namengebende Apfelwein eingeschenkt. Das Einschenken ist nicht nur eine alte Tradition, sondern auch eine Kunst, die etwas Übung erfordert: Es gilt den Sidra aus maximaler Höhe treffsicher ins Glas zu schütten und dabei möglichst viel prickelnden Sauerstoff ins Getränk zu bringen. Immer wieder probieren wir es selbst aus, dass dabei einiges daneben geht, stört niemanden und scheint normal zu sein. Während wir beim Kauf des gewöhnungsbedürftigen Sidras zurückhaltend sind, füllt sich die bereitgestellte Kühlbox zusehends mit regional produziertem Käse.
Wetterkapriolen
Als wir am nächsten Morgen aufstehen ist der Regen so stark, dass sich sogar die Kühe, die dicht aneinander gedrängt durchs Dorf wandern, lautstark beschweren. Obwohl mir mein Mantel schon gute Dienste geleistet hat, bin ich nicht sicher, ob er der Wassersäule bei einem sechsstündigen Ritt standhalten wird. Als wir demütig unter einem Dachvorsprung auf die Pferde warten, die von Paco und Urszula vorbereitet werden, hört der Regen wie auf Knopfdruck plötzlich auf. Wir reiten durch Dörfer, in denen sich steingemauerte Häuser mit roten Schindeldächern aneinander drängen. Immer wieder passieren wir die typischen Kornspeicher, sogenannte „hórreos“, die aussehen als würden sie auf das nächste Hochwasser warten. Die Scheunen thronen auf schweren Holzpfeilern, auf deren oberen Enden breite, flache Steine aufliegen, um die Mäuse am Hochklettern zu hindern.
Wir reiten über Wiesen und durch lichten Wald, wo in den Bäumen Fetzen von grauem Moos hängen, wie zurückgelassene Kostüme einer Halloweenparty. Die Flechten seien laut Urszula Anzeichen für eine gute Luftqualität. Unsere Rittführerin weist uns auf Bärendung hin sowie auf die Hinterlassenschaften eines Wolfes. Je höher wir in Richtung des auf 1566 Meter liegenden Pandetrave-Passes steigen, desto beeindruckender präsentiert sich das Panorama. Auf einer Anhöhe wartet Paco bereits mit dem Picknick auf uns. Die Aussicht ist nicht nur wegen des schnell wechselnden Wolkenspiels beeindruckend, sondern auch weil einer der Abhänge in apokalyptisches Schwarz getaucht ist. Sträucher und Bäume sind nur mehr Strünke, die tot aus dem Boden ragen. Bei einem Brand war eine Vielzahl an Feuerwehrleuten und sogar das Militär im Einsatz, um die Flammen unter Kontrolle zu bringen.
Graue Gefahr
Am nächsten Morgen erwartet uns ein überirdisch schöner Regenbogen, der seine Farben fototechnisch perfekt über die Weide spannt. Verunsichert vom gestrigen Tag schlüpfen alle Mitreiter:innen vor dem Aufsteigen noch rasch in die Regenkleidung, doch wir haben Glück und die Sonne begleitet uns von Espinama bis nach Sotres. Kurz hinter der Passhöhe von 1668 Meter wird es bei einem Weiderost Dank einer Eselgruppe spannend. Die Pferde sind aufgeregt und vor allem Chop kann dem herzzerreißend-dröhnenden I-ahhhh wenig abgewinnen. Urszula steigt ab, öffnet das Gatter und drängt lachend die Esel zurück, um uns Platz zu verschaffen. Chop tänzelt über Stock und Stein, um möglichst viel Abstand zur grauen Gefahr zu bringen und schnaubt dabei trompetenartig wie ein Elefantenjunges. Es dauert eine Weile, bis sich der Angsthase wieder einigermaßen beruhigt hat.
Wenig später passieren wir einige Steinhäuser, in deren Nähe eine Schafherde grast. Unaufgeregt lotsen zwei Hirtenhunde ihre Schützlinge auf die andere Seite des Weges. Als ein Mutterschaf mit einem rabenschwarzen Neugeborenen etwas zurückbleibt, trottet einer der Hunde fürsorglich, und nur etwa einen Meter hinter den beiden her, wie um zu zeigen: Alles gut, ich passe auf! Derweil macht der zweite bellend klar, dass wir nur geduldet, aber nicht willkommen sind. In Sotres angekommen, spazieren wir zum Hotel Peña Castil, von dem es heißt: Hier sei der beste Küchenchef des Trails am Werk. Salat mit Käse, Nüssen und Weintrauben, danach kommen Schweinerippchen und Erdäpfel auf die Teller. Das Sidra-Sorbet zerfließt im Mund.
Ich spaziere zur Quesería Maín um echten Cabrales zu kaufen, einen Blauschimmelkäse, der unter speziellen Bedingungen reift. Die Käsemacher des Ortes lagern die etwa 2,5 Kilo schweren Laibe nach der Herstellung entweder vier oder ganze zehn Monate in ihren Reifungshöhlen. Während eine Höhle nur wenige Minuten hinter dem Dorf liegt, ist eine andere fast eine Stunde Fußmarsch entfernt – im Winter eine Herausforderung. Obschon kaum mehr etwas in unsere immer noch vollen Bäuche passt, vertilgen wir Meeresfrüchte-Suppe, eine Cordon-bleu-Variation und Schoko-Mousse problemlos. Zum Abschluss applaudieren wir dem Küchenchef.
Amazone voraus
Das bekannte US-Magazin „Time Out“ wählte Mitte März den spanischen Nationalpark Picos de Europa zum schönsten Ort der Welt. Zu recht wie wir finden. Nach dem Frühstück brechen wir Richtung Tielve auf, das ebenfalls im Gebiet des Nationalparks und UNESCO-Biosphärenreservats liegt. Am letzten Reittag wird sich das beeindruckende Bergpanorama bei bester Sicht und Sonnenschein präsentieren, doch tags zuvor sehen wir kaum etwas von den umliegenden Gipfeln, denn es zieht dichter Nebel auf. Doch davon lassen wir uns nicht die Laune verderben.
Der Weg, der zur Linken immer wieder steil abfällt und manchmal ein einsam gelegenes Steinhaus erahnen lässt, ist seltsam breit ausgebaut. Grund dafür ist eine mittlerweile stillgelegte Mine, in der einst verschiedene Erze abgebaut wurden. Ein Förderwagen, der sogenannte „Grubenhund“, zeugt auf einer über den Weg gespannten Brücke, die zum Mineneingang führt, von der beschwerlichen Arbeit. Im Laufe des Ritts zerschmilzt der Nebel in der stärker werdenden Sonne.
Kurz vor dem Ziel bimmelt es leise … vor uns stehen etwa 50 Pferde auf einer Wiese. Urszula, die an der Spitze reitet, lotst unsere Truppe mit größtmöglichem Abstand an den fremden Tieren vorbei. Als es im Wald zu rumoren beginnt, kommt Unruhe auf. Ein rund 800 Kilo schwerer schwarzer Kaltbluthengst bricht im starken Trab durchs Unterholz, um seinen Harem zu beschützen. Doch er hat die Rechnung ohne unsere „Herdenchefin“ gemacht: Urszula wendet ihre Schimmelstute und prescht rufend und mit den Armen rudernd auf den Hengst zu. Dieser hat wohl noch nie eine echte Amazone gesehen, dreht ab und bleibt verdutzt stehen, während wir ehrfürchtig mit angehaltenem Atem die Szene beobachten. Mit Urszula kann uns nichts passieren – von der Gewichtszunahme abgesehen.
Cider Trail - Infobox
Reiseinfo: Anreise und Aufenthalt
Anreise: Flug nach Oviedo, Flughafentransfers inklusive
Dauer: 8 Tage, davon 6 Reittage
Termine: Mai bis Oktober
Verpflegung: Vollpension inklusive Tischwein
Unterbringung: in gemütlichen Hotels
Route: Von Demués führt der Trail zum Covadonga See. Später wird die Basilika besucht, anschließend Transfer nach Oseja de Sajambre. Durch das Kalksteinberge des Kantabrischen Massivs und die Buchen- und Eichenwälder geht es nach Posada de Valdeon. Der dritte Reittag führt über den 1566 Meter hohen Pandetrave-Pass nach Espinama. Von dort geht es weiter durch die beeindruckende Berglandschaft bis ins Dorf Sotres. Am nächsten Tag führt der Ritt nach Tielve, wo nach dem Transfer nach Póo de Llanes der Strand wartet. Am letzten Tag im Sattel führt der Weg zum Strand von Cuevas del Mar. Transfer nach Oviedo mit Stadtführung und Übernachtung im Hotel.
Besonderheiten: Der Trail bietet auch kulturell Interessierten einen Stadtspaziergang durch Oviedo sowie eine Führung in einer Käserei und einer Cider-Produktionsstätte.
Voraussetzungen: für erfahrene Reiter:innen mit Erfahrung im Gelände, 3–6 Stunden im Sattel, an manchen Passagen wird geführt; wegen des Geländes eher ruhiger Ritt, aber es wird auch, wenn möglich, Trab und Galopp geritten.
Pferde & Co: unterschiedliche Rassen und Kreuzungen, bis ca. 1,65 Stockmaß
Reitführung: Englisch
Kosten: 8 Tage und 7 Nächte ab 2500 EUR pro Person im Doppelzimmer
Buchen: reiterreisen.com