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Züchterfamilie wird bei dramatischer Fohlengeburt selbst zum Chirurgen

Ein Artikel von Pamela Sladky | 20.05.2019 - 12:20
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Die Geburt war zweifellos dramatisch, für die Stute und ihr Fohlen ist zum Glück aber alles gut ausgegangen.
© Wilfried Pointecker

Eigentlich hatten Wilfried Pointecker und seine Frau das Thema züchten für sich bereits ad acta gelegt. Vor sechs Jahren war eine ihrer hoch dekorierten Zuchtstuten bei der Geburt gestorben, und das Fohlen musste mit der Flasche aufgezogen werden. Danach stand für das Züchterehepaar fest, dass es kein weiteres Fohlen auf seinem Hof in der Südoststeiermark mehr geben würde.

Doch dann sah sich das Ehepaar im Sommer 2018 gezwungen, eine seiner Pachtstuten vorzeitig zurückzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt war die stationsgeprüfte Sir-Donnerhall-Tochter bereits tragend von Olympiahengst und Weltmeister-Vater Jaguar Mail. Und so kam es, dass Familie Pointecker Ende März dann doch wieder eine Fohlengeburt ins Haus stand. Die Trächtigkeit war problemlos verlaufen, und zunächst deutete alles auf eine ebensolche Geburt hin, als am 20. März gegen 23 Uhr die Wehen einsetzten. Wenig später kamen auch schon ordnungsgemäß die Vorderbeine des Fohlens zum Vorschein. Was dann folgte, hört sich nach einem handfesten Albtraum an: „Noch eingehüllt in die Fruchtblase erschien der Oberkiefer des Fohlens aus dem After, der Unterkiefer kam aus der Scheide – und die Dammmuskulatur und der Schließmuskel lagen straff gespannt wie eine große Trense im Maul des Fohlens. Offensichtlich hatte der Kopf des Fohlens während der Geburt das Scheidendach zum Enddarm hin durchstoßen“, schildert Wilfried Pointecker den beängstigenden Anblick, der sich der Familie in diesem Moment bot.
 

Stanleymesser statt Skalpell

Unverzüglich verständigt man den Tierarzt und informierte über die Notlage, doch den erfahrenen Züchtern war schnell klar, dass die mehr als halbstündige Anfahrtszeit des Veterinärs zu lange dauern würde. Die ständigen Presswehen der Stute und das festsitzende Fohlen machten ein sofortiges Handeln notwendig. „Unser zukünftiger Schwiegersohn, der von Natur aus eigentlich nicht mit Pferdegenen ausgestattet ist, hat daraufhin schnell ein neues Stanley-Messer aus der Werkstatt besorgt, in der Hoffnung auf weitgehende Sterilität.“ Mit vereinten Kräften versuchte man, den Damm der Stute zu durchtrennen. Ohne Sedierung reagierte die Stute auf diese Bemühungen verständlicherweise mit kräftigem Ausschlagen der Hinterbeine, was den Amateurchirurgen in arge Bedrängnis brachte.

Zum Schutz des Schwiegersohnes in spe rammte Wilfried Pointecker deshalb kurz entschlossen eine Heugabel in die Boxenmatte, um die Hinterbeine der Stute fernzuhalten. „So hat David die stabile Muskulatur langsam Faser für Faser durchtrennen können. Dabei hat er immer darauf geachtet, den Kopf des Fohlens in der Fruchtblase nicht zu verletzen. Kaum war die letzte Muskelfaser durchtrennt, kam das Fohlen mit einem deutlich vernehmbaren Plopp aus der Stute und halb in der Box, halb auf der Boxengasse zum Liegen“, so Pointecker.

Mit vereinten Kräften wurde das Fohlen aus der Fruchtblase befreit. „Schon da war zu erkennen, dass das Fohlen trotz der dramatischen Vorgänge während seiner Geburt keinen Schaden genommen hatte.“ Wenig später stand dann auch die Stute wieder auf allen Vieren.
 

Noch eine Hiobsbotschaft

„Kurz darauf ist der Tierarzt eingetroffen und hat die Stute mit Antibiotika und einer Schmerzspritze versorgt. Zu unserer Erleichterung hat er uns die Richtigkeit unseres Handelns bestätigt“, erzählt Wilfried Pointecker. Die bangen Momente waren damit aber noch nicht ausgestanden, denn die Nachgeburt war nur zur Hälfte sichtbar und hing zum Teil aus dem Geburtskanal. „Der Tierarzt hat uns den strikten Auftrag erteilt, ihn noch einmal zu kontaktieren, falls die Nachgeburt nicht innerhalb von drei Stunden abgehen sollte. Und so war es dann auch. Um 3 Uhr in der Nacht mussten wir dem Tierarzt die weiter festsitzende Nachgeburt melden. Daraufhin hat er sich wieder auf den Weg gemacht, um dann aus der sedierten Stute die festsitzende Nachgeburt aus der Gebärmutter zu schälen. In solchen Situationen weiß man erst wieder richtig zu schätzen, wie wertvoll ein zuverlässiger Tierarzt im Notfall sein kann!“, berichtet Wilfried Pointecker.

Die klaffende Wunde mit durchbrochenem Scheidendach und durchtrenntem Schließmuskel konnte nicht sofort operativ versorgt werden. Es folgten 48 Stunden Schlaflosigkeit und bange Tage, ob die Stute die Strapazen der Geburt unbeschadet überleben würde.
 

Mutter und Kind wohl auf

Zumindest das Fohlen bereitete der Familie vom ersten Moment an Freude. „Es ist nicht nur korrekt und vital, sondern ein wahrer Ausbund von Temperament und Übermut, wie wir es während der 20 vorangegangenen Fohlengeburten in unserer Obhut noch nie erlebt haben.“ Zum großen Glück der Züchter erholte sich auch die Stute rasch von der traumatischen Geburt. „Es gab zu keiner Zeit eine Infektion der Wunden, inzwischen granuliert das offene Gewebe weitgehend problemlos.“ Demnächst soll im Stall die operative Wiederherstellung der natürlichen Öffnungen erfolgen.

Trotz des glücklichen Ausgangs dieser dramatischen Fohlengeburt steht für Pointeckers eines mit Sicherheit fest: „Das war definitiv unser letztes Fohlen. In unserem Alter, ich bin 77 und meine Frau 66, werden wir mit Sicherheit nicht mehr züchten!“