MENSCH-PFERD-BEZIEHUNG   

Übungsserie: So lernst du die Persönlichkeit deines Pferdes wirklich kennen

Ein Artikel von Eva Schweiger | 03.01.2022 - 17:15
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© www.Slawik.com

Die Persönlichkeiten der Pferde und wie wir sie entdecken, fördern und stärken können – ein Thema, das uns seit unserem Artikel „Persönlichkeiten auf vier Beinen“ (Pferderevue-Ausgabe Dezember 2021, Seite 34) beschäftigt. Vielleicht hat er über die Zeit des Jahreswechsels auch euch schon dazu inspiriert, eure Pferde hier und da in einem anderen Licht zu sehen und euch zu fragen: Wer ist mein Pferd eigentlich wirklich? 

Einem Pferd auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet, in ihm ein eigenständiges Wesen zu sehen, das auch seinen eigenen Gesetzen folgen darf.

aus „Persönlichkeiten auf vier Beinen“, Pferderevue Dezember 2021

Wir wollen euch zum Start ins neue Jahr Möglichkeiten zeigen, wie ihr eine Antwort auf diese Frage findet. Oder vielleicht eher: viele Antworten. Pferde haben sehr facettenreiche Charaktere und stecken voller Überraschungen! Man kann sie eigentlich jeden Tag aufs Neue kennenlernen. Und aus diesem ständigen Entdecken kann sich auch ein abwechslungsreicher, vielleicht unkonventioneller (Trainings-)Ablauf entwickeln.

Wir werden euch einige einfache, aber sehr eindrucksvolle Übungen vorstellen, die euch ein Gefühl für euer vierbeiniges Gegenüber vermitteln. Und vielleicht noch viel wichtiger: Im Laufe der Übungszeit wird dadurch auch das Pferd, mit dem ihr arbeitet, offener kommunizieren. Es lernt, dass der Mensch an seiner Seite nicht nur seine eigenen Vorstellungen verfolgt, sondern ehrliches Interesse bekundet. Es geht plötzlich auch darum, wie es selbst die Welt wahrnimmt. Es entsteht ein richtiger Dialog, in dem das Pferd „mitreden“ kann und von uns gehört wird. 

Der Schlüssel für diesen Dialog liegt in der Begegnung mit dem Pferd jenseits von Vorurteilen. Sich von Vorurteilen freizumachen ist schwierig, sehr schwierig sogar. Aber es ist ein Weg zu einer echten, ehrlichen Verbundenheit zwischen zwei Persönlichkeiten. Die Mühe lohnt sich also allemal.

Wer den Charakter eines Pferdes erspüren und vielleicht sogar stärken will, hat echte Pionierarbeit vor sich.

aus: „Persönlichkeiten auf vier Beinen“, Pferderevue Dezember 2021
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Übung 1: Der freie Blick

Heute schlagen wir euch zum Einstieg eine kurze Übung vor, die ihr am besten ein paar Mal in den kommenden Tagen wiederholt. Je öfter ihr sie macht, desto mehr wird sie in euch und zwischen euch und euren Pferden verändern. Nennen wir sie den „freien Blick“: Sie hilft euch dabei, zu lernen, einem Pferd so neutral gegenüber zu treten, dass ihr es überhaupt in seiner Persönlichkeit wahrnehmen könnt.  

  • Wähle einen Tag, an dem du dich ruhig und gelassen fühlst. Wenn du angespannt bist, überdreht oder sehr müde, wird die Übung dir keine Freude machen. Vielleicht kommst du irgendwann einmal in den Stall und merkst: Heute ist der richtige Tag. Dann kannst du so beginnen:
  • Egal ob dein Pferd gerade auf der Koppel, in der Box oder anderswo ist: Positioniere dich so, dass du es sehen kannst, aber zugleich so weit entfernt bist, dass es nicht auf dich reagiert. Am besten funktioniert die Übung, wenn dein Pferd sich gerade mit anderen Pferden frei bewegen kann. Finde ein gemütliches Plätzchen, setz dich hin und mache eine Weile lang gar nichts. Wenn du nervös wirst, steh auf und beweg dich oder summe ein bisschen vor dich hin. Aber, ganz wichtig: Hol dir keinen Input, fange kein Gespräch mit jemandem an und schau nicht aufs Handy.
  • Vielleicht fällt dir schon das schwer: Nichts zu tun außer das Pferd zu beobachten. Du kannst beginnen, auch dich selbst zu beobachten: Welche Gedanken kommen in dir auf? Schwirren dir Urteile und Vorwürfe wie „Er ist so dick geworden, ich muss öfters reiten!“ oder „Warum zickt sie schon wieder so?“ oder „Er ist immer nur am Schlafen, sollte ich ihm mehr Kraftfutter geben?“ durch den Kopf?
  • Werde dir bewusst, dass diese Gedanken dir den freien, neutralen Blick auf dein Pferd verstellen. Wie du dein Pferd siehst, hat mit dem Pferd selbst nichts zu tun – in dieser Übung hast du nicht einmal Kontakt mit ihm aufgenommen, vielleicht hat es dich gar nicht bemerkt. Es ist also ausschließlich dein eigenes Bild von deinem Pferd, das du bisher gesehen hast.  
  • Wenn du kannst, lasse diese Gedanken nun beiseite. Beobachte dein Pferd weiterhin, nun ohne aus seinem Verhalten Schlüsse zu ziehen. So als wärst du ein Kind, das Pferde auf einer Weide entdeckt hat und sich einfach darüber freut, sie beobachten zu können. So, als würdest du dein Pferd noch gar nicht kennen oder als würdest du eine fremde Art beobachten, über die du nichts weißt. Du wirst nach einer Weile bemerken, dass du dich ganz im Beobachten verlierst und fasziniert bist von dem, was du siehst.  Und damit ist der erste und wichtigste Schritt zu einem ganz neuen Kennenlernen getan.

Die nächste Übung findet ihr in den kommenden Tagen hier auf unserer Website. Wir wünschen viel Freude und freuen uns darauf, von euren Erfahrungen zu lesen! Schreibt uns an redaktion@pferderevue.at!