Mensch-Pferd-Beziehung

Übungsserie "Persönlichkeiten" – Teil 2: So erkennst du einen perfekten Augenblick

Ein Artikel von Eva Schweiger | 05.01.2022 - 12:14
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Im Grunde geht es in der Arbeit mit Pferden um Synergie: Das Zusammenspiel von zwei Individuen mit all ihren persönlichen Eigenschaften, Stärken und Schwächen. Der Austausch zwischen Pferd und Mensch soll vor allem Freude machen und uns voneinander lernen lassen. Deshalb setzen wir uns zum Ziel, uns gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Wie genau das bei einem Pferd-Mensch-Paar funktionieren kann, dafür gibt es nur zwei Expert:innen: Genau dieses Pferd und genau diesen Menschen.

Deshalb ist es so wichtig, sich selbst und sein Pferd so gut wie möglich zu kennen. Und zwar jenseits von fremden Vorgaben, denn diese stammen immer von einem anderen Menschen, der mit anderen Pferden seine Erfahrungen gemacht hat. Methoden anderer können hilfreiche Werkzeuge liefern und grundsätzliches Wissen vermitteln, aber sie können keine individuelle Verbundenheit und kein gegenseitiges Verstehen ersetzen. 

Ein motiviertes, glückliches Pferd ist eines, dessen individuelle Bedürfnisse berücksichtigt werden.

aus: „Persönlichkeiten auf vier Beinen“, Pferderevue Dezember 2021

Wir suchen also nach einem Dialog mit unseren Pferden. Um so einen Dialog überhaupt führen zu können, müssen wir zuerst die Sprache des Pferdes verstehen (und dann auch „sprechen“) lernen. Wer schon seit vielen Jahren mit Pferden zu tun haben, vielleicht seit Kindertagen auch reitet, ist oft schon sehr vertraut mit der Pferdesprache. Wir kennen die Mimik, die verbale Kommunikation, die Körpersprache, die ein Pferd zeigt. Wir wissen, was es bedeutet, wenn es beim Spaziergang mit gespitzten Ohren auf ein Grasbüschel zusteuert und auch, was es uns sagen will, wenn es uns in der Box das Hinterteil zudreht.

Wir verstehen das Pferd also ganz gut – aber Hand aufs Herz: Nehmen wir seine Aussagen auch ernst? Lassen wir es einen Happen Gras nehmen, wenn es möchte, und begnügen wir uns mit einem trainingsfreien Tag, wenn es offenbar seine Ruhe braucht? 

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Übung 2: Stimmungen erkennen

Nachdem du mit der Übung „freier Blick“ schon die ideale Voraussetzung geschaffen hast, um dein Pferd ganz frisch kennenzulernen, gehen wir heute einen Schritt weiter. Du wirst lernen, die Stimmungen deines Pferdes zu erkennen, um daraus später harmonisch eure Zusammenarbeit zu entwickeln. Du könntest so beginnen:

  • Auch für diese Übung funktioniert am besten, wenn du dich entspannt und zufrieden fühlst. Wähle einen Tag, an dem du kein starkes Bedürfnis hast, dein Pferd zu bewegen, ihm etwas Spezielles beizubringen oder an einer Sache weiterzuarbeiten, die du begonnen hast. Denk daran: Wir versuchen, ganz ohne Erwartungen an das Pferd heranzugehen.
  • Setz oder stell dich wieder für einen Augenblick so hin, wie du es für den „freien Blick“ getan hast – also ohne, dass dein Pferd auf dich reagiert – und beobachte die Situation: Wo ist dein Pferd, was tut es gerade? Lass ein paar Minuten vergehen und setz deinen „freien Blick“ auf. Werde wieder zum Kind, das fasziniert von einem fremden Pferd ist
  • Dann konzentrierst du dich auf dein Pferd: Beobachte es ganz genau. Registriere jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck, jedes Geräusch. In welcher Stimmung scheint es zu sein? Ist es entspannt und ausgeglichen oder eher aufgekratzt? Hält es gerade ein Schläfchen, sucht es Futter, kaut es langsam sein Heu oder rupft es ungeduldig Halme aus einem Heunetz? Wie wirkt sein Blick, wie verzieht es seine Nüstern, was zeigt das Ohrenspiel? Es gibt unendlich viele Details, die du als Informationsquelle nutzen kannst. Vieles bleibt uns im Alltag verborgen, nur weil wir nicht richtig hinschauen!
  • Wenn du eine Weile lang beobachtet hast, wirst du ein Gefühl für die Stimmung deines Pferdes bekommen. Besonders leicht ist das, wenn es Artgenossen um sich hat. Dann kannst du aus seiner Interaktion mit ihnen viel herauslesen. Sucht es sich ein abgelegenes Plätzchen auf der Koppel aus oder animiert es andere zum Spielen? Bringt es Bewegung in die Gruppe oder ist es eher ein Ruhepol? Freut es sich über die Gesellschaft anderer Pferde oder legt es ständig die Ohren an, vertreibt sie oder weicht selbst aus?
  • Wenn du längere Zeit zusiehst, wirst du bemerken, dass sich die Stimmungen auch schnell verändern können. Den Tagesablauf deines Pferdes zu beobachten oder auch nur eine Stunde lang zu verfolgen, was es aus eigenem Antrieb tut, kann ein echter Augenöffner sein. Schon beginnt dein Pferd in deinen Augen eine eigene Persönlichkeit zu werden, die eigene Motive verfolgt und in der Lage ist, selbst zu entscheiden, worauf es wann Lust hat. Damit hast du die Basis für eure Zusammenarbeit weiter ausgebaut: Du erkennst nun die Stimmungen deines Pferdes und kannst die Zusammenarbeit später ganz leicht so anpassen, dass sich eine produktive Harmonie ergibt!

Die nächste Übung findet ihr wieder in den kommenden Tagen hier auf unserer Website. Wir wünschen viel Freude und freuen uns darauf, von euren Erfahrungen zu lesen! Schreibt uns an redaktion@pferderevue.at!