Sexualisierte Gewalt im Pferdesport

Es gibt kein Kavaliersdelikt!

Ein Artikel von Redaktion | 24.03.2026 - 11:59
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Sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und Übergriffe im Sport sind keine Einzelfälle. Die wichtigste Regel, wenn es zu einem Zwischenfall kommt ist, es nicht für sich zu behalten! © doidam10 | stock.adobe.com (bearbeitet)

Bei einer Umfrage mit über 700 Pferdesportlerinnen aus ganz Österreich (mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel Frauensache(n)) gaben 157 Teilnehmerinnen an, selbst einmal Opfer von sexueller Belästigung im Umfeld des Pferdesports geworden zu sein. Ganze 153 wussten von betroffenen Frauen in ihrem Umkreis. Wo fängt es an? Der „freundschaftliche“ Kuss des Stallbetreibers bei der Geburtstagsfeier, die besonders berührungsintensive Sitzkorrektur des Reitlehrers, die anzügliche Bemerkung des Richters – all das sind unerlaubte Übergriffe gegenüber Mädchen und Frauen. Und doch zögern viele Pferdesportlerinnen, solche Vorfälle zu melden, weil sie Angst haben, sich lächerlich zu machen. Schließlich ist nichts Schlimmes passiert – oder?

Die deutsche FN zählt auf ihrer Homepage bewusst alle Aspekte sexualisierter Gewalt auf, und diese beginnen nun mal mit anzüglichen Blicken, herabwürdigenden Kommentaren und unangenehmen Berührungen. Sexuelle Nötigung und Vergewaltigung stellen natürlich die schwerste Art des Vergehens dar, doch auch schon Vorstufen müssen und sollen keinesfalls geduldet werden. Selbst wenn sie immer wieder achselzuckend in die Rubrik „Kavaliersdelikt“ verortet werden.

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© www.Slawik.com

Frauensache(n)

Wie geht es Frauen im Pferdesport? In einer Umfrage haben uns 715 Pferdesportlerinnen ihre Wünsche verraten und Verbesserungspotential aufgezeigt. Mehr lesen ...

Keine Frau ist allein mit diesen Erfahrungen

Wenn frau sich im Pferdesport mit Übergriffen konfrontiert sieht, kann sie sich sicher sein: Sie steht nicht allein da – auch wenn man(n) ihr das weismachen möchte. In dem ausgezeichneten HORSEJournals-Artikel #MeToo In The Horse Industry aus dem Jahr 2019 erzählt Margaret Evans von dem schrecklichen Gefühl der Ohnmacht, als sie einem Springrichter einen Tag nach einem Übergriff auf dem Turnier wiederbegegnet.

Und in der sehenswerten WDR-Dokumentation Gegen die Wand – aber nicht gebrochen (auf Youtube frei verfügbar) beschreibt eine missbrauchte Reitschülerin den steinigen – aber erfolgreichen – Weg bis zur Anzeige und zur Verurteilung des schuldigen Reitlehrers. Ein Fall, der auch den Umgang der deutschen FN mit diesem Thema nachhaltig geprägt hat: Sie änderte ihre Bestimmungen und installierte den BetroffenenRat, wo Menschen, die selbst Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, ihre Perspektiven direkt in die Verbandsarbeit einbringen können. Man setzt jetzt auf Aufklärung, Schulungsmaßnahmen und rasches Eingreifen bei gemeldeten Vorfällen.


Es gibt anonyme Anlaufstellen für Pferdesportlerinnen

Auch im OEPS gibt es einen Ehrenkodex für ein respektvolles, wertschätzendes und diskriminierungsfreies Miteinander im Pferdesport, den alle Ausbilder:innen unterschreiben müssen. Das ist bereits ein guter Ansatz, jedoch offensichtlich nicht ausreichend. Darauf deuten sowohl die genannten Umfrageergebnisse hin als auch zahlreiche Kommentare: „Es sind meistens Personen/Trainer, von denen schon länger hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird, wo viele Bescheid wissen, und die teilweise noch bestärkt werden, weil sie ja so cool sind.“ Oder: „Schwierig, da man den Reitlehrer ja nicht verärgern möchte.“ Oder: „Aus eigener Erfahrung heraus versucht man, das Ganze etwas runterzuspielen und es nicht so ernst zu nehmen. Denn wenn man es meldet, streiten die Personen es meistens sowieso ab.“

Zahlreiche Umfrageteilnehmerinnen wünschten sich daher auch in Österreich eine anonyme Anlaufstelle für Pferdesportlerinnen, an die frau sich vertrauensvoll wenden kann und bei der sie ernst genommen wird. Dass es diese Anlaufstellen für Pferdesportlerinnen bereits gibt, wird leider viel zu wenig publik gemacht!

Wer sich nicht direkt an den Verband wenden möchte, kontaktiert 100% SPORT, Österreichs Zentrum für Genderkompetenz und SAFE SPORT. Dort werden bei der Vertrauensstelle vera* (Kontaktdaten siehe unten) alle Fälle von Belästigung und Gewalt im Sportumfeld sensibel und kompetent behandelt. Als Schnittstelle zwischen dem OEPS und 100% SPORT fungiert Danjela Weiss, Präventions- und Schutzbeauftragte im Generalsekretariat. Sie sichert allen Betroffenen Unterstützung zu: „Sobald wir von einem Vorkommnis wissen, setzen wir uns dafür ein, dass das aus dem Weg geräumt wird. Es werden beiden Seiten gehört und dann wird gehandelt.“

Hier gibt es Hilfe

vera* – Vertrauensstelle gegen Belästigung und Gewalt im Sport
Tel.: +43 1 39 39 100 (Dienstag: 10:00 – 13:00 Uhr; Donnerstag: 10:00 – 13:00 Uhr)
E-Mail: safesport@100prozent-sport.at
Web: vera-vertrauensstelle.at (mit Kontaktformular)

Danjela Weiss
(OEPS-Beauftragte für Genderthemen und Gewalt im Sport)
Tel.: +43 2236 710600 31
E-Mail: d.weiss@oeps.at
Web: ›Infoseite des OEPS zum Thema Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch

Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger, MSc
(Unabhängige Ansprechperson des OEPS)
E-Mail: martina.leibovici@fitforkids.at

 

Auf Missbrauch soll frühzeitig reagiert werden

Darüber hinaus hat der Pferdesportverband eine unabhängige Ansprechperson (Kontaktdaten siehe Kasten) nominiert, die jederzeit ein offenes Ohr für Betroffene, aber auch Zeuginnen oder Hinweisgeberinnen hat. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger ist Psychotherapeutin und Gynäkologin und macht Mädchen und Frauen Mut, sich bei ihr zu melden. „Es geht nicht nur um Übergriffe, sondern bereits um das Gefühl von Machtmissbrauch. Das ist ja oft der Einstieg für späteren sexuellen Missbrauch. Es ist wichtig, frühzeitig zu reagieren“, so Leibovici-Mühlberger. Und sie bekräftigt: „Es gibt kein Kavaliersdelikt, und du bist nicht allein, denn wir haben eine Stabsstelle.“

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Sportorganisationen wie dem OEPS stehen sportartspezifischen Sujets der Vertrauensstelle vera* zur Verfügung. Sie eigenen sich ideal zum Aushang im Vereinsstüberl oder der Turniertoilette.

Im Bereich der Jugendarbeit gilt es ebenfalls, möglichst offen mit den pferdebegeisterten Kindern und Jugendlichen zu sprechen und ihnen den Rücken zu stärken. Hier geht das OEPS Talente Team mit Vorbildwirkung voran. Bei regelmäßigen Workshops werden die Nachwuchssportler:innen nicht nur von Fachleuten informiert, sie kommen auch miteinander ins Gespräch und haben schließlich einen Handlungsleitfaden für den Notfall parat. Dabei sei, so Talente-Team-Verantwortliche Judith Eisnecker-Trausner, „die wichtigste Botschaft, es nicht für sich zu behalten.“
 

Solidarität schafft Sicherheit

Nur wenn nichts mehr unter die Stallplanken gekehrt wird, kann man Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen im sportlichen Umfeld wirkungsvoll entgegentreten. Dazu müssen die möglichen Anlaufstellen auf breiter Basis bekannt gemacht werden. (Die Pferdesportposter von 100% Sport können beim OEPS geordert werden. Sie eignen sich ideal zum Aushang im Vereinsstüberl oder auf der Turniertoilette.) Weiters braucht es Zusammenhalt zwischen den zahlreichen Stallmädchen und -frauen, sodass sie nicht wegschauen, sondern einander ermutigen und unterstützen. Betroffene dürfen für ihre Offenheit niemals mit Spott, Zweifeln oder Schuldzuweisungen bestraft werden, vielmehr verdienen sie uneingeschränkte Solidarität. Schließlich soll ein Reitstall vor allem eines sein: Ein sicherer Ort für Mädchen und Frauen, die allesamt das höchste Glück der Erde in der Nähe der Pferde gefunden haben.