Interview

Sportpferde im Offenstall: „Wenn man es richtig macht, gibt es nichts Besseres“

Ein Artikel von Pamela Sladky | 19.02.2026 - 11:43
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Daniel Schneiders und seine holländischen Füchse bilden eines der weltbesten Gespanne im internationalen Vierspänner-Sport. © FEI | Massimo Argenziano

Während das Gros der Fahrszene auf klassische Boxenhaltung setzt, geht Daniel Schneiders einen anderen Weg: Seine Championatspferde leben im Offenstall – und sind trotzdem ganz vorne mit dabei. Der international erfolgreiche Fahrer gehört seit Jahren zur Weltspitze. Schon bei seinem ersten Championat 2009 holte er WM-Gold im Pony-Zweispänner, später folgten unter anderem WM-Bronze im Pony-Vierspänner, sowie Platz zwei im Weltcupfinale in Bordeaux 2014 und zahlreiche Top-Ten-Resultate bei Welt- und Europameisterschaften mit dem Großpferde-Vierspänner.

Trotz dieser Bilanz ist Schneiders eine Ausnahmeerscheinung in der Szene: Er betreibt den zeit- und kostenintensiven Sport als Amateur und finanziert ihn mit seinem Beruf als Hufschmied. Auch in der Pferdehaltung schwimmt er gegen den Strom. Sein Beispiel zeigt: Offenstall kann selbst im Spitzensport funktionieren. Wie, das verrät er im Interview.

Pferderevue: Daniel, deine Pferde gehören zur Weltspitze – und leben im Offenstall. Wie kam es dazu?

Schneiders: Das hat sich entwickelt. Früher standen sie ganz normal in Boxen mit Weidegang. Dann haben wir gemerkt, dass sie draußen als Gruppe unglaublich gut funktionieren. Anfangs haben wir sie nur spät abends reingeholt, irgendwann auch über Nacht draußen gelassen – und gesehen, dass sie am zufriedensten sind, wenn sie komplett draußen bleiben. Heute sind sie richtige Offenstall-Profis und stehen selbst bei minus zehn Grad glücklich draußen.

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Schneiders Championatspferde haben im Winter Pause. Sie bleiben ungeschoren und tragen einen einfachen Wetterschutz.  © privat

Pferderevue: Ist das im Winter für Sportpferde nicht schwierig?

Schneiders: Entscheidend ist die Infrastruktur. Wir haben ein großes beheiztes Wasserbecken – das ist extrem wichtig, weil Pferde bei Kälte oft zu wenig trinken. Außerdem ist die Liegehalle dick eingestreut und hat zwei Ausgänge. Früher hatte sie nur einen, da ging nur ein Pferd rein. Seit sie rundlaufen können, nutzen alle den Bereich entspannt. Insgesamt sind die Pferde dank Offenstallhaltung topfit und glücklich – das war unser Hauptmotiv für die Umstellung. Der positive Nebeneffekt ist eine unfassbare Fitness. Die haben eine Grundkondition, einfach unglaublich.

Pferderevue: Viele glauben, Boxenhaltung spart Energie für den Sport.

Schneiders: Das hängt stark von der Herde ab. Wenn die Gruppendynamik nicht passt, kann ein rangniedriges Pferd tatsächlich Stress haben. Wir haben hier bei uns drei Herden, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Passt die Gruppendynamik, sind die Pferde ausgeglichen, fit und überhaupt nicht müde. Deshalb ist es wichtig, dass man das Herdengefüge sehr genau beobachtet.

Pferderevue: Ein Vorteil der Boxenhaltung ist die Möglichkeit zur individuellen Fütterung. Wie handhabst du das in deinen Offenstallgruppen?

Schneiders: Kraftfutter gibt es zweimal täglich in Fressständen, damit jeder in Ruhe fressen kann. Heu steht den Pferden rund um die Uhr an mehreren Stellen zur Verfügung und macht den Großteil der Ration aus. Selbst im Volltraining bekommen unsere Pferde nur etwa zwei Kilo Kraftfutter täglich. Damit fahren wir hervorragend – wir hatten noch nie eine Kolik.

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Kraftfutter wird bei Schneiders zweimal täglich in eigenen Fresständen verabreicht. So ist sichergestellt, dass jedes Pferd in Ruhe seine ihm zugedachte Ration fressen kann.  © privat

Pferderevue: Kommen alle Pferde gleich gut mit der Offenstallhaltung zurecht?

Schneiders: Meistens ja, aber es gibt Ausnahmen. Der Herdenchef meiner Füchse war anfangs zu wachsam. Er hat immer auf seine Herde aufgepasst und kam nicht richtig zur Ruhe. Während der Turniersaison haben wir ihn nachts mit einem Kumpel in die Box gestellt. In der Winterpause war er wieder komplett draußen, inzwischen legt er sich mit den anderen hin. Wir werden beobachten, ob das auch während der Turniersaison so bleibt, sonst stallen wir ihn über Nacht wieder auf. Man muss flexibel bleiben und auf jedes Pferd individuell eingehen.

Pferderevue: Am Turnier sind die Pferde in Boxen untergebracht – wie kommen deine Offenstaller damit klar?

Schneiders: Wir nutzen Stable Guards an den Boxen, damit sie rausschauen können, und gehen mehrmals täglich mit ihnen spazieren oder grasen. So bleiben sie mental entspannt.

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Die EM-Fünften beim Chillen im heimatlichen Offenstall © privat

Pferderevue: Wie viele Pferde hast du insgesamt bei dir zu Hause stehen?

Schneiders: Ich habe fünf holländische Füchse, fünf spanische Schimmel und fünf Shettys in insgesamt drei Gruppen. Einer der Spanier steht bei den Shettys. Vermutlich könnte man die Füchse und die Schimmel auch mixen, aber es hat sich einfach ergeben, sie getrennt zu halten. So passt die  Herdendynamik am besten.

Pferderevue: Was macht der eine Spanier bei den Shettys?

Bei ihm hat die Integration in die Schimmel-Herde nicht geklappt, wie geplant. Wenn wir ein neues Pferd integrieren, dann stellen wir im ersten Schritt ein rangniedriges Pferd dem Neuen zusammen. Sobald das gut klappt, stelle ich den Herdenchef dazu. Funktioniert diese Konstellation gut, ist normalerweise eigentlich alles geregelt und man kann alle zusammenlassen. Das hat mit dem neuesten Spanier nicht geklappt, obwohl er ein ganz liebes, verträgliches Pferd ist. Ausgerechnet der Rangniedrigste der Schimmeltruppe hat den Neuankömmling attackiert, sobald alle fünf zusammen waren. Deshalb steht der Neue vorübergehend bei den Shettys, dort ist er zufrieden. Sobald die Koppeln wieder auf sind und wir mehr Platz haben, starten wir einen neuen Versuch.

Pferderevue: Gibt es auch Nachteile an der Offenstallhaltung?

Schneiders: Nur wenn der Offenstall schlecht organisiert ist. In einem Pensionsstall ohne Kontrolle über Gruppen und Struktur kann es problematisch werden. Ein Offenstall muss schon gut gemacht sein. Aber wenn das gegeben ist, dann sehe ich da nur Vorteile. Natürlich müssen wir jeden Abend mit der Elektroschubkarre durch die Sandpaddocks juckeln und den ganzen Mist einsammeln. Das ist schon aufwendig. Aber man macht das gerne, weil die Pferde einfach so zufrieden sind. Zu sehen, wie alle meine Füchse gemeinsam liegen, das macht mich richtig glücklich.

Pferderevue: Sind deine Pferde im Winter trotz Offenstall geschoren?

Schneiders: Die Spanier sind mein Indoor-Gespann, die stehen auch im Winter im Training, deshalb sind sie geschoren. Sie tragen Decken mit Halsteil, die wir nach dem Zwiebelprinzip erweitern. Bei null Grad tragen sie 250 Gramm, bei minus zehn Grad waren sie mit rund 450 Gramm gut versorgt. Die Füchse hatten von September bis Weihnachten komplett frei – da haben wir die Eisen runtergemacht und die Pferde waren Tag und Nacht auf einer drei Hektar großen Weide mit Unterstand. Sie sind ungeschoren und haarig wie Isländer. Es funktioniert also beides – mit Schur oder ohne.

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Auch die spanischen Schimmel genießen ihre Freiheit und den Sozialkontakt im Offenstall. © privat

Pferderevue: Vier Monate Pause – das ist eine lange Zeit ohne Training. Wie klappt da der Wiedereinstieg?

Schneiders: Völlig problemlos. Ich spanne an und kann genau da weitermachen, wo ich im Herbst aufgehört habe. Das überrascht viele, aber dadurch, dass sich die Pferde draußen ständig bewegen und spielen, verlieren sie weder Kondition noch Muskulatur. Im Gegenteil. Die Pause tut sowohl den Pferden als auch uns unheimlich gut. Sie bringt neue Motivation.

Pferderevue: Sportlich steht ein wichtiges Jahr bevor. Wie sieht die Planung aus?

Schneiders: Saisonstart ist Ende April beim Nationenpreis in Kladruby, danach folgen weitere Turniere und als Höhepunkt die Weltmeisterschaft in Aachen. Vermutlich wird es meine letzte Saison als Vierspännerfahrer. Ich mache das seit 25 Jahren und investiere enorm viel an Zeit und Geld – ohne Sponsoren ist das schwer. Deshalb reduziere ich dieses Jahr meine Arbeit als Hufschmied etwas, um mehr Zeit ins Training zu stecken.

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Bei der EM in Lähden (GER) 2025 waren Daniel Schneiders und seine Füchse nicht zu schlagen im Marathon. Ein Gutteil ihrer hervorragend Kondition, Ausdauer und Motivation verdanken die Pferde der artgerechten Haltung.  © FEI | Massimo Argenziano

Pferderevue: Mit welchem Ziel gehst du in die WM?

Schneiders: Letztes Jahr waren wir auf der Europameisterschaft Fünfte, das würde ich gern auch in Aachen schaffen. Top 10 ist immer das Ziel, aber vielleicht kommen wir diesmal mit einer guten Dressur auch unter die besten Fünf. Das wäre ein schöner Abschluss.