AUSBILDUNG

Gedächtniskünstler Pferd

Ein Artikel von Romo Schmidt | 11.10.2021 - 16:22
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Pferde haben ein erstaunliches Gedächtnis. Einmal gemachte Erfahrungen bleiben ein Leben lang gespeichert. © www.slawik.com

Viele zunächst unerklärliche Verhaltensweisen haben ihre Ursache häufig in dem exzellenten Erinnerungsvermögen des Pferdes. Eine einzige negative Erfahrung mit dem Menschen oder einer bestimmten Begebenheit an einem bestimmten Ort reicht oft aus, um in vergleichbaren Situationen heftige Reaktionen auszulösen. Bei einer besonders gravierend schlechten Erfahrung prägt sich das Pferd diese aufgrund seines Überlebensinstinktes in seinem Gedächtnis so stark ein, dass es sich auch noch nach vielen Jahren – ja bis an sein Lebensende – in vergleichbaren Umständen daran erinnert. Viele aus heiterem Himmel gefährliche und für den Pferdebesitzer nicht nachvollziehbare Verhaltensweisen wie zum Beispiel plötzliches Steigen, Durchgehen oder Ausschlagen haben ihren Ursprung in solchen früheren Erfahrungen. Da ein Pferdebesitzer oftmals nichts von diesen während der Aufzucht oder der Grundausbildung gemachten Erfahrungen seines Pferdes weiß, erscheint ihm die heftige Reaktion seines Pferdes als unverständlich oder sogar widersetzlich. Aus Sicht des Pferdes gesehen handelt es sich jedoch um eine für sein Überleben notwendige, wichtige und sehr kluge Vorsichtsmaßnahme.


Die Rolle der Sinneswahrnehmungen

Alle Handlungen des Pferdes basieren auf der Verknüpfung momentaner Sinneswahrnehmungen wie Sehen, Hören, Riechen und Fühlen mit langfristig erworbenen Erfahrungen, die in seinem Erinnerungsvermögen gespeichert sind. Dabei entwickelte sich beim Beutetier Pferd in 65 Millionen Jahren eine enorme Gedächtnisleistung, die ihm das Überleben ermöglichte. Wenn beispielsweise ein Raubtier bei der Jagd auf seine Beute einen Fehler gemacht hatte, stellte das kein gravierendes Problem dar. Denn dann war einfach nur die Beute weg – und es suchte sich eine neue. Machte das Pferd allerdings bei Gefahr einen Fehler aufgrund falscher Einschätzungen oder schlechtem Erinnerungsvermögen, ging das meist tödlich für das Pferd aus.

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Beim Flehmen werden Gerüche intensiv untersucht und tief im Gedächtnis abgespeichert. Ähnliche Gerüche rufen die damit verbundene Erinnerung wach und provozieren damit auch das entsprechende Verhalten - ein Leben lang. © www.slawik.com

Im Gegensatz zum Menschen ist das Pferd bereits unmittelbar nach seiner Geburt in der Lage, Erfahrungen in seinem Gedächtnis zu speichern, um diese jederzeit wieder aufzurufen und in einer neuen Situation nutzbringend einzusetzen. Diese frühe Fähigkeit des Pferdes wird daher von vielen Pferdezüchtern dahingehend genutzt, das Fohlen schon nach wenigen Lebenstagen zu „prägen“, um es so auf ein Leben mit dem Menschen vorzubereiten. Diese Prägung sollte aber ausnahmslos friedlicher und freundlicher Natur sein, damit sich das Pferd grundsätzlich zeitlebens positiv an den Umgang mit dem Menschen erinnert.

Die Art und Weise der gedächtnisorientierten „Grundimmunisierung“ durch Imprinting wird allerdings im Laufe der Erfahrungssammlungen eines Pferdes mit dem Menschen durch eine Vielzahl neuer Erfahrungen überdeckt und positiv wie negativ in seinem Erinnerungsvermögen überlagert.

Erinnern und Vergessen

Der „Pferde-Psychologe“ Wilhelm Blendinger hat in seinem Buch „Psychologie und Verhaltensweisen des Pferdes“ die Bedeutung des Gedächtnisses für die Lernfähigkeit des Pferdes während seiner Ausbildung beschrieben.

Durch experimentelle Untersuchungen haben Blendinger und andere nachgewiesen, dass das Einprägen einer Fertigkeit beim Pferd schneller geht und vor allem besser behalten wird, wenn die Lektionen nur kurze Zeit geübt, dafür aber häufiger und mit Pausen wiederholt werden. Bei langdauernden Übungen ohne Wiederholungen dauern das Einprägen und das Erinnern hingegen wesentlich länger.

Zusätzlich spielt die Individualität eines Pferdes mit unterschiedlich stark entwickeltem Erinnerungsvermögen eine große Rolle bei Lernen und Behalten der Übungen. Hierbei kommt Blendinger zu dem Schluss, dass zum Erlernen einfacherer Lektionen im Mittel fünf bis sechs Übungen ausreichen.

Die Anzahl der Übungen hängt daneben auch von der Konzentrationsfähigkeit und der Aufmerksamkeit des jeweiligen Pferdes ab, die auch rassetypisch unterschiedlich sein sollen.

Die Fähigkeit zur aufmerksamen und konzentrierten Durchführung einer Lektion reicht beim Pferd maximal zwanzig Minuten.

Die günstigsten Zeitintervalle und die Dauer von beispielsweise Dressur- oder Springlektionen sind gemäß Blendinger zwei- bis dreimal täglich zehn bis zwanzig Minuten lang – und das dann drei bis vier Mal pro Woche. Dabei darf das Pferd weder körperlich noch geistig überfordert werden. Wurde eine Lektion einmal mit Erfolg durchgeführt und im Gedächtnis eingeprägt, hat eine Fortsetzung dieser Übung (= Kumulierung) für die Dauer des Behaltens keine Bedeutung mehr. Mit anderen Worten: Hat ein Pferd eine neue Dressurlektion – zum Beispiel Schenkelweichen – gelernt und behalten, sollte man die Übung einstellen und sich einer anderen Lektion zuwenden. Erst später kann das Schenkelweichen durch Wiederholung wieder aktualisiert und im Gedächtnis aufgefrischt werden, damit die Lektion nicht vergessen wird.

Das Einprägen von Lektionen mit gleichzeitiger Festigung im Erinnerungsvermögen wird zudem verbessert, wenn mehrere Sinne des Pferdes gleichzeitig angesprochen werden. Eine einfache Form dieser sinnenunterstützten Gedächtnis-Lektionen ist beispielsweise das Angaloppieren aus der kurzen Ecke des Dressurvierecks. Hier werden die Sinne „Sehen“ (Ort des Angalopps), „Hören“ (Stimmaufforderung, Zunge schnalzen) und „Fühlen“ (entsprechende Schenkelhilfen) miteinander in kürzester Zeit aktiviert und in ihrer Kombination dem Gedächtnis zugeordnet. Ist diese Lektion erfolgreich vom Pferd erlernt worden, reichen bei späteren Übungen nur noch zwei Sinnesreize (also: Angalopp in der Ecke mit Schenkelhilfe), zur Ausführung, oftmals auch nur noch eine.

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In Ruhe anschauen und einprägen dürfen - so verlieren unbekannte, neue Dinge ihren Schrecken. © www.Slawik.com

Gedächtnissteigernde und -hemmende Einflüsse

Die Gedächtnisleistungen eines Pferdes werden verbessert, wenn es mit Interesse, Engagement und Freude bei der Sache ist und eine ausgeglichene Stimmungslage hat, so das Ergebnis einer Studie der „Equine Research Foundation“ in Kalifornien. Der Schlüssel dazu heißt: das Training abwechslungsreich gestalten und das Lerntempo individuell an die Bedürfnisse des Pferdes anzupassen. Auch Leckerli stellen eine ausgezeichnete Gedächtnisstütze dar, wie Wissenschaftler der französischen Universität Rennes bei einer Vergleichsstudie herausfanden. Denn die mit Futter belohnten Pferde lernten nicht nur schneller, sondern behielten das Erlernte auch wesentlich besser im Gedächtnis als die Vergleichsgruppe ohne Futterbelohnung.

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© www.slawik.com

Pferde lernen am besten mit Futterlob

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Gedächtnishemmend sind im Gegensatz zur erinnerungsfördernden Konzentration Ablenkungen wie zum Beispiel Unkonzentriertheit, Nervosität und Unausgeglichenheit des Reiters, aber auch visuelle und akustische Störungen neben und auf dem Übungsplatz. Solche sind das Pferd nervende Außenreize wie Hundegebell, Geklapper, Maschinengeräusche, aber auch überlaute Äußerungen von Ausbildern oder gutgemeinte Ratschläge von Außenstehenden.

Störende Ablenkungen durch Außenreize können übrigens durch eine artgerechte Pferdehaltung vermindert werden, weil die Reizschwelle bei Pferden in der Paddockbox oder Gruppenauslaufhaltung durch kontinuierliche Sinnesreize dauerhaft herabgesetzt wird. Im Unterschied dazu muss bei Pferden, die ausschließlich in Innenboxen gehalten werden, die Reizschwelle dann bei jeder Übung immer wieder abgebaut werden.

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Konzentration ist wichtig, ablenkende Geräusche oder andere Außenreize stören das Lernen, Einprägen und Erinnern. © www.Slawik.com

Veranlagung und Aufzucht

Bedeutsam für die Leistungsfähigkeit eines Pferdes – also die Umsetzung erlernter und im Gedächtnis eingeprägter Lektionen – ist außerdem die psychische Kondition. Unter psychischer Kondition versteht man Wesensmerkmale, die durch Umwelt und Vererbung beeinflusst werden (Haltung, Pflege, Training, vererbte Anlagen und Aufzucht). Dabei spielen physische und psychische Einflüsse in den ersten zwei Lebensjahren eine erhebliche Rolle. Schlechte Aufzuchtbedingungen, mangelnde oder falsche Ernährung, das Fehlen sozialer Wechselbeziehungen oder krankmachende Einflüsse spiegeln sich bei einem Pferd in allen relevanten Abschnitten der Ausbildung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit mittelbar wider. Nicht nur die anfänglich erwähnten unverständlichen und heftigen Reaktionen bei scheinbar normalen Verhältnissen im Umfeld einer bestimmten Situation lassen sich daraus ableiten. Es ist vor allem die durch eine mangelhafte Aufzucht entstandene Gesamtheit der Beeinträchtigungen, die ein junges Pferd in seiner Ausbildung behindern. Einmal tief im Gedächtnis verankerte Fehleinschätzungen werden immer wieder bei den verschiedenen Lektionen oder Aktionen vom Pferd hervorgeholt und missverständlich interpretiert, was gefährliche Folgen für Reiter und Pferd haben kann.

Aber auch vererbte Anlagen können einen großen Einfluss auf die psychische Kondition eines Pferdes haben. So hat sich beispielsweise das süddeutsche Haupt- und Landgestüt Marbach seit vielen Jahrzehnten zum Ziel seiner Zuchtpolitik gemacht, nicht nur leistungsorientiert und exterieurrelevant zu züchten, sondern vor allem bei der Auswahl der Zuchttiere auch auf das Interieur zu achten. Dabei standen und stehen Ausgeglichenheit, Nervenstärke und Rittigkeit im Vordergrund. Solche Pferde werden in der Regel insgesamt weniger von äußeren Störfaktoren beim Lernen und Behalten irritiert und sind in der Ausbildung nicht nur leichter zu handeln, sondern zeichnen sich auch durch schnellere Lernfähigkeit und höhere Gedächtnisleistung aus.