Vertrauen und Geborgenheit: Dina ist zehn Jahre alt und schon eine richtige Pferdeexpertin. Sie weiß genau, was Shetlandpony Alaska ihr sagen will und schreibt auch wunderschöne Geschichte über Pferde und ihre Abenteuer. Wichtiger als das Reiten ist ihr, etwas gemeinsam zu erleben – mit Alaska ist alles noch einmal so schön. © Aleksandra Pawloff
Draußen ist ein trüber Novembertag, in der großzügigen Reithalle ist es hell und freundlich, im Hallensand sind bunte Hindernisse, Burgen aus weichen Schaumstoffklötzen und Stangenlabyrinthe aufgebaut. Konzentriert arbeiten Dina, Simone und Rafaela mit ihren Pferden Alaska, Tamino und El buena Felicità, liebevoll Flitzi genannt. Die drei Mädchen, zwischen zehn und 13 Jahren alt, sind eifrig bei der Sache, sie sind ganz bei sich und dem was sie tun: Dina übt mit Alaska Burgen zerstören und sich dann hinzulegen, Rafaela spielt mit Flitzi fangen, und Simone motiviert Tamino dazu, die Pylone neu zu ordnen. Roswitha, die zweibeinige Therapeutin in der Bahn, hat ein wachsames Auge auf die sechs, sie ermuntert, gibt Tipps und vermittelt, wenn Sand ins Kommunikationsgetriebe gerät.
Was hier so spielerisch und heiter, ja manchmal sogar lustig anmutet, hat einen sehr ernsten Hintergrund: Die Kinder, die regelmäßig in den Verein e.motion kommen, haben in ihrem Leben große Herausforderungen zu bewältigen, lebensbedrohende Erkrankungen, schwere Traumata, Gewalterfahrungen, an denen ihre Seelen zu zerbrechen drohen. Und die Pferde, die sie hier finden und von denen sie gefunden werden, sind nicht nur starke Spielkameraden mit warmen weichen Nasen, sondern höchst spezifisch ausgebildete Therapeuten.
Ich möchte lieber mehr was mit den Pferden machen als nur reiten. Alaska gefällt mir am besten, weil sie ihren eigenen Kopf hat, weil sie sie selbst ist. Mit ihr zusammen bin ich mutiger, weil das ein schöneres Gefühl ist, wenn man noch jemanden an der Seite hat.
Seit 1997 gibt es im Sozialmedizinischen Zentrum Otto Wagner Spital auf der Baumgartner Höhe in Wien Pferde, die ersten vierbeinigen Therapeuten hatte die Grande Dame der Hippotherapie in Österreich, Gundula Hauser, in Pavillon 17 untergebracht. Im Jahr 2004 konnte der Verein e.motion den Standort übernehmen, Gundula Hauser ist dem Verein bis heute als Präsidentin verbunden. Nach und nach übersiedelten die Pferde in die anstaltseigene Gärtnerei am Rande des weitläufigen Geländes, seit 2007 leben die plüschigen Therapeuten in einem vorbildlichen Offenstall, der heuer ausgezeichnet wurde (siehe Pferderevue 12/2010). Und seit Anfang April 2008 steht auch die neue, wunderschöne Therapiehalle, die dank vieler freiwilliger HelferInnen und großzügiger UnterstützerInnen wahr werden konnte.
Heute betreuen hier 16 Pferde und zwölf Therapeutinnen rund 400 Kinder und Jugendliche im Jahr, im Durchschnitt dauert eine therapeutische Begleitung zwei Jahre, viele der jungen Menschen, die hier Kraft und Lebensmut gewonnen haben, bleiben dem Verein verbunden, entweder als Helferkinder oder in einer Pferdekraftgruppe – wie zum Beispiel Simone, Rafaela und Dina – oder einfach als FreundInnen, die hier immer eine offene Tür und eine pelzige Schulter zum Anlehnen finden.
Wie alles begann
Der gemeinnützige Verein e.motion (von equus, das Pferd, und motion, Bewegung) wurde im Jahr 2000 gegründet, zunächst arbeitete er am Steinbachhof bei Böheimkirchen (NÖ), dem heutigen Sommersitz von e.motion, wo Sommercamps, sogenannte „Impulswochen“, und Familienwochenenden angeboten werden, aber auch Trekkings, bei denen die Kinder, Betreuerinnen und Pferde mehrere Tage autonom unterwegs sind. Seit 2004 bietet der Verein seine Equotherapie auch in Wien an, was den Vorteil hat, dass die Kinder in ihrem Alltagsleben begleitet werden können.
Angefangen hat alles mit vier engagierten Frauen, die an unterschiedlichen Standorten mit Pferden arbeiteten. Gemeinsam war ihnen das Interesse an therapeutischer Arbeit, eine hoch professionelle Einstellung, große Offenheit und der ausgeprägte Wunsch, sich immer weiter zu entwickeln und vieles anders zu machen. Mag. Roswitha Zink, Geschäftsführerin von e.motion und eine der vier Begründerinnen, diplomierte Biologin und Psychologin mit etlichen Zusatzausbildungen, erklärt nicht ohne Humor und Selbstironie, wie schwer es manchmal ist, den eigenen Prinzipien treu zu bleiben: „Ich muss ehrlich zugeben, dass es bei ganz vielem sehr viel schwerer ist, es anders zu machen, als man es sich als Jugendliche und junge Frau vorstellt. Und es gibt Tage, an denen denke ich mir: Warum eigentlich anders machen, ich kann nimmer…“ Die Arbeit an Idealen ist zugleich auch immer Arbeit an sich selbst, auch das durfte sie bald erkennen: „Als ich begonnen hatte, professionell in einem Betrieb zu arbeiten, habe ich sofort gemerkt, dass mein Umgang und mein Achten auf das Wohl der Pferde ganz anders waren, je nachdem, ob das meine Pferde oder Schulpferde waren. Da bin ich so vor mir selbst erschrocken, dass ich mir geschworen habe: wenn ich einmal einen Betrieb habe, gibt es dort nur Herzenspferde.“
Wenn man die Pferde von e.motion sieht, wenn man den Umgang der Menschen mit ihnen erlebt, dann spürt man: der Schwur wurde gehalten. „Wir haben dieses Problem gelöst, indem wir das sogenannte Bezugspferdesystem kreiert haben, d. h. jedes Pferd gehört einer Privatperson, die dafür letztverantwortlich ist und für die dieses Tier ein Herzenstier ist. Es gibt also keine vereinseigenen Pferde, denn ich finde es würdelos für Tiere, Eigentum zu sein. Wenn Tiere schon in Besitz von jemandem sind, dann wenigstens so, dass sie zu einer Familie gehören.“ Dass Herzenstiere nicht in Boxen gesperrt werden, sondern artgerecht in der Herde leben, versteht sich von selbst. Und nicht zuletzt ist der achtsame Umgang mit den Pferden wesentliche Grundlage der therapeutischen Arbeit: Nur Pferde, die in ihrem Pferd-Sein wahrgenommen und respektiert werden, können ihr Potenzial entfalten und mit dem Menschen eine heilsame Beziehung eingehen.
Wir können keine Kinder gesund machen. Was wir aber können, auch bei schwerkranken Kindern: wir können viel von ihrer Einsamkeit abnehmen.
Eine neue Therapie
Nicht nur der Umgang mit den Pferden weicht vom weithin Üblichen ab, auch die Therapie an sich geht eigene, neue, aber gut fundierte Wege. Die Equotherapie, wie diese spezielle Therapierichtung mit Pferden genannt wird, wurde im Verein e.motion entwickelt und verfeinert, wobei man auch im ständigen Austausch mit anderen therapeutischen Einrichtungen steht und die Praxis durch wissenschaftliche Arbeiten untermauert.
Wollte man die Equotherapie in das Raster der gängigen Therapien mit Pferden einordnen, so wäre sie am ehesten eine Unterart des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens, mit dem großen Unterschied, dass weder das Voltigieren noch das Reiten im Mittelpunkt steht. Roswitha Zink bringt es auf den Punkt: „Unser Ziel ist die Interaktion zwischen Pferd und Klient. Unser Schwerpunkt ist die Psyche und die Emotionalität von Kindern und Jugendlichen – und weniger eine bestimmte Fertigkeit.“
Um das Konzept und seine Wirkweise zu veranschaulichen, erzählt Roswitha von einem Mädchen, das vor kurzem seine Schwester verloren hatte. Als es sich im Turnunterricht die Hand brach, bemerkten die Eltern dies erst drei Tage später. Das Kind selbst hatte nichts gespürt. „Kinder in seelischen Extremsituationen schalten sich ab, weil sie das Leid in diesem Moment nicht bewältigen können.“ Sie werden zu kleinen Maschinen, funktionieren nur noch. Um wieder in Verbindung mit den eigenen Gefühlen zu kommen, beginnt die Therapie am Fundament, an den Grundemotionen. „Pferde sind uns in den Grundemotionen sehr, sehr ähnlich. Ursprünglich lernen Säuglinge über die Interaktion mit ihren Eltern die eigene Emotion wahrzunehmen. Das lehrt uns, nach außen hin zu interagieren, aber auch, das eigene emotionale System aufzubauen. Das Schöne ist: Diese Säuglingsphase kann ich mit Pferden wieder erleben. Pferde sind Meister im Spüren dessen, was der Mensch körpersprachlich ausdrückt, und melden ihm ihre Wahrnehmung zurück, wenn sie darauf trainiert worden sind.“ Während der gesamten Therapiezeit wird das Kind von ein und demselben Pferd begleitet, für das es auch zuständig ist. Es lernt, Verantwortung übernehmen und an der Beziehung zu arbeiten, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Aber auch die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren und durchzusetzen, ist ein wichtiger Teil der Therapie.
Die vier Phasen
Die Equotherapie gliedert sich in vier ineinander übergreifende Phasen:
Begegnungsphase
Am Beginn werden alle notwendigen Fähigkeiten zur gemeinsamen Therapie aufgebaut.
Motorische Phase
Danach gilt es, den eigenen Körper zu spüren und seine motorischen Fähigkeiten zu trainieren.
Dialogphase
Nun wird die erlernte Motorik und Körperwahrnehmung im Bewegungsdialog mit dem Tier verfeinert.
Sprachliche Phase
Zuletzt wird der Einsatz von Körpersprache um die analoge Sprache, Wörter und Gespräche erweitert.
Simone und der Criollo Tamino sind ein eingespieltes Paar. Der Wallach, der mit einem Massentransport aus Argentinien kam, ist sehr hingewendet und liebevoll, aufmerksam beobachtet er Simone und liest ihre Körpersignale.
© Aleksandra Pawloff
Was die Equotherapie wesentlich vor anderen Therapieformen auszeichnet, ist ihre hohe Erfolgsrate. „Wir haben eine sehr hohe Transferrate, d. h. die Kinder, die die Therapie abschließen, können das Gelernte fast immer in ihrem Leben umsetzen. Das ist das Um und Auf jeder Therapie, aber kaum je gelingt das so gut wie hier.“ Die hohe Transferrate, so Roswitha Zink, lässt sich darauf zurückführen, dass die Equotherapie sehr handlungsorientiert ist. „Wir wechseln stark zwischen Hand und Kopf. Die Therapeutin spricht die Dinge an und bringt sie auf den Punkt, das Pferd ist auf der emotionalen Ebene präsent und fordert heraus. Es ermöglicht, die Erkenntnisse in die Körpersprache umzusetzen, in den Austausch, in den Umgang.“
Ein weiterer Grund, warum gerade die Therapie mit Pferden so viel bewegen kann, ist, dass sie ganz einfach Spaß macht und als etwas Angenehmes erlebt wird. „Therapie heißt, wenn man sie ernst nimmt: ,Verändere dich!‘ Und Veränderung ist einfach urschwer und total anstrengend. Therapie kann ziemlich hart sein – und deswegen ist es gut, dass die Pferde so ein unglaublicher Motivationsfaktor sind. Denn das ist das Problem vieler psychotherapeutischer Methoden: dass man in Wirklichkeit versucht, die Veränderung zu vermeiden.“
Manchmal aber gibt es keine Veränderung zum Positiven, keine Rückkehr ins Leben. Viele Kinder, die hier Hilfe suchen, sind todkrank, manche haben eine Schwester, einen Bruder verloren, andere haben zwar die tödliche Krankheit besiegt, mussten sich aber von Plänen und Hoffnungen verabschieden, die sich nie mehr erfüllen werden. „Wir können das Sterben nicht verhindern, wir können keine Kinder gesund machen. Was wir aber können, auch bei schwerkranken Kindern: wir können viel von der Einsamkeit abnehmen, die in dieser Phase automatisch entsteht. Hier darf für manche Kinder, die sehr isoliert leben, ein bisschen normales Leben stattfinden.“ Zentraler Ort für den zwanglosen Austausch unter den Eltern und Kindern ist die Küche, in der gemeinsam gekocht, gegessen, gelacht und geredet wird. Alle sind willkommen. Auch das schwarz-weiße Pony, das seinen Kopf zur Tür hereinsteckt und sich einen Apfel aus dem Korb stibitzt.
Ich mochte Pferde immer schon gerne, vor allem die Abwechslung zwischen Reiten und Bodenarbeit gefällt mir. Die Pferde geben mir immer Kraft.
Apropos diebisches Pony: Es ist gut möglich, dass Sie den einen oder anderen vierbeinigen Therapeuten bereits in einer ganz anderen Rolle kennenlernen durften. Seit zehn Jahren schon gibt es nämlich die Integrative Showgruppe e.motion, die das Publikum unter anderem bei der Fachmesse Apropos Pferd in Wiener Neustadt, beim Fest der Pferde in der Wiener Stadthalle oder auch beim Pferdefest auf Schloss Hof begeisterte. In dieser Gruppe bilden 16 Kinder und Jugendliche mit Behinderung gemeinsam mit Menschen, die eine Krankheit oder ein traumatisches Erlebnis hatten, ein freundschaftliches Netzwerk. Jedes Jahr wird gemeinsam eine neue Show erarbeitet, die eine kleine Geschichte erzählt, zum Beispiel von der kleinen Raupe Nimmersatt, den fünf Elementen oder zuletzt den „Helden von heute“. Und Helden sind sie alle, die Kinder und Jugendlichen, die im Spiel über sich hinauswachsen und sich und anderen Freude bereiten.
Dina zeigt uns, wie Kinder im Rolli mit Pferden kommunizieren können. Dazu wird Sheltandpony Daisy in den Therapieraum geführt. © Aleksandra Pawloff
Das leidige Geld
Das alles wäre nicht möglich ohne den großen Einsatz der zwölf Therapeutinnen und ihrer zahllosen großen und kleinen Helferinnen und Helfer. „Therapie mit Pferden steht unter einem immensen finanziellen Druck und kann deswegen nie als Brotberuf ausgeübt werden. Ich kann nie soviel einnehmen, wie mich diese Anlage hier kostet.“ So wie Geschäftsführerin Roswitha Zink leben auch die anderen Therapeutinnen nicht von der Equotherapie, sondern für die Equotherapie. „Es ist ein Herzensprojekt für viele, sonst gäbe es dieses Projekt nicht. Das Projekt gäbe es aber auch nicht ohne eine sehr wertschätzende und fachlich sehr bereichernde Kooperation mit dem Tiergarten Schönbrunn.“ Den Grund und Boden, auf dem der Verein sein Zuhause gefunden hat, stellt die Stadt Wien zur Verfügung, auch übernimmt sie die laufenden Betriebskosten für die Halle. Alles andere aber, Futter, Einstreu, Tierarztkosten, Sand für die Halle, diverse Materialien und Werkzeug vom Hammer bis zum Minibagger – einfach alles, was das Projekt am Leben und Laufen hält, muss verdient werden. Und wenn man es nicht verdienen kann, weil zum Beispiel Krankenkassen die Equotherapie nicht bezahlen und Familien mit kranken Kindern ohnehin meist finanziell unter Druck geraten, dann muss man darauf vertrauen, dass hilft, wer helfen kann. Oft schon wurde dieses Vertrauen erfüllt, dennoch ist die Situation immer ein wenig prekär: „Im Bereich Professionalität und Therapie sind wir sehr gut, im Bereich Marketing und Spendenakquisition weniger“, bemerkt Roswitha Zink selbstkritisch. „Da können wir noch viel von anderen Projekten lernen. Bei uns stehen leider immer noch Ausgaben von 230.000,– Euro im Jahr Spendeneinnahmen von 20.000,– Euro gegenüber.“
Ich mag am Tamino am meisten, dass er so frech ist und so aufgeweckt. Ich mach auch sehr gerne Bodenarbeit und Freiarbeit mit ihm und reite auch gern auf ihm.
Abschied und Neuanfang
Inzwischen haben Dina, Simone und Rafaela ihre Pferde Alaska, Tamino und El buena Felicità zurück in den Stall begleitet, der gleich an die Halle anschließt. Der obere Bereich der Abtrennung ist offen gestaltet, so dass man von der Halle aus den Pferden zuschauen kann, wie sie am Heu zupfen, entspannt in der tiefen Einstreu liegen und schlafen, im Stehen dösen oder einander freundschaftlich das Fell kraulen. Dann und wann kommt ein weiteres Pferd durch den Streifenvorhang hereingeschlurft, insgesamt können die Pferde zwischen vier Ställen wählen, einer dient im Moment als Heulager. Die Szene strahlt eine große Ruhe und Frieden aus. Im März wird hier ein Fohlen zur Welt kommen, die Bezugskinder von Atacama und die Therapeutinnen werden wieder mit der werdenden Mutter wachen und bei ihr im Stroh schlafen, so wie vor drei Jahren, als Soritas Sohn geboren wurde.
Zwei der Mädchen haben noch einen Helferauftrag: Einmal in der Woche putzen sie den Hasen- und Meerschweinchenstall, für die Helferstunden können sie sich Reitstunden kaufen. Wir gehen inzwischen auf eine wärmende Tasse Tee in die Küche. Plötzlich steht Dina wieder in der Tür, aufgeregt und traurig. Ihr Lieblingsmeerschweinchen ist tot. Gemeinsam gehen wir zum Stall hinaus, auf den sich schon die Dämmerung senkt. Roswitha holt den leblosen, noch warmen kleinen Körper aus dem Häuschen und hält ihn behutsam in der offenen Hand. „Wir können die Kinder nicht vor Schmerz und Trauer bewahren. Aber wir können ihnen helfen, damit zu leben.“
Kommunikationsexperten mit vier Hufen
Pferde sind von Natur aus Meister der nonverbalen Kommunikation und Experten im Lesen der Körpersprache ihres Gegenübers. Dies macht sich die Equotherapie zunutze, indem sie das natürliche Potenzial bestimmter Pferde trainiert und zum hoch sensiblen Instrument verfeinert. Grundvoraussetzung für ein Equotherapiepferd ist, dass es ein hohes Interesse an Interaktion und Kommunikation hat, daran, fürsorglich zu agieren und sich für andere einzusetzen, auch in der Pferdeherde.
Die eigentliche Ausbildung ist in vier Phasen geteilt, die jeweils etwa ein Jahr dauern. In der ersten Phase werden zunächst die Grundfertigkeiten geübt, die jedes gut ausgebildete Freizeitpferd beherrschen soll (z. B. Hilfengebung). Im Fach „Materialkunde“ wird das Pferd mit unterschiedlichen Werkstoffen (Karton, Kunststoff…) konfrontiert, es soll sich damit auseinandersetzen, um seine Scheu davor zu verlieren. Wichtig ist in dieser Phase Selbstwahrnehmung und Körperkompetenz, das Pferd lernt, sich selbst zu spüren und zu koordinieren. Es entwickelt eine Beziehung zu sich selbst.
In der zweiten Phase rücken die körpersprachlichen Signale in den Vordergrund. Die Pferde lernen nun, den Menschen in Analogie zum Pferd zu sehen, d. h. sie lernen, wie der menschliche Körper verschiedene Emotionen und Befindlichkeiten ausdrückt. Das Pferd baut in dieser Phase eine sehr enge Bindung mit einem Menschen auf, den es sehr detailliert kennenlernt. Mindestens einmal am Tag wird mit der Bezugsperson und dem Pferd trainiert. Gegen Ende der zweiten Phase wird das Spektrum um einen weiteren Therapeuten, schließlich um die ersten Jugendlichen und Kinder erweitert. Anfänglich ist die Kommunikation mit Menschen für Pferde sehr anstrengend, da sie sehr viel „umrechnen“ müssen. Konzentration ist das Stichwort der zweiten Phase: Die Pferde lernen, die Zeitspanne, in der sie sich auf die Beziehung zum Menschen konzentrieren können, zu verlängern.
In Phase drei lernt das Pferd, seine Analysefähigkeit von dem geschlossenen Personenfeld auf eine x-beliebige andere Person auszuweiten. Mit dem Pferd wird möglichst viel unternommen, mindestens einmal im Monat findet ein Ausflug in ein Einkaufszentrum, auf ein Fest oder ähnliches statt. Die Pferde erweitern so auch ihre Sachkompetenz. War in Phase zwei noch die unmittelbare Antwort des Pferdes auf seine Wahrnehmung gefragt, so lernt es jetzt, sich noch einmal rückzuversichern, ob eine Reaktion gewünscht ist oder nicht. In der dritten Phase wird die Beziehung auf eine Dreierbeziehung erweitert, wie sie später mit der Therapeutin alltäglich ist. Roswitha Zink: „Die Pferde werden im Laufe der Ausbildung mehr und mehr ermutigt, ihre eigene Wahrnehmung einzubringen, und das unterscheidet uns von anderen ,Pferdenutzern‘. Das Wesen eines Therapiepferdes muss bei maximaler Einschätzbarkeit für seine Therapeuten dennoch maximale Eigenständigkeit sein, es muss sich trauen, seine Wahrnehmungen rückzumelden, im Sinne von ,ich nehme wahr, da passt was nicht – und ich sag das auch‘. Das ist das Gegenteil von dem, was man von den meisten Reitpferden haben möchte.“
Die vierte Phase ist das höchste Niveau, auf dem Pferde lernen, mit Menschen mit einem anderen Körperbild, mit Behinderung, mit anderen Köperspannungen in Interaktion zu treten und sich dabei auf das wesentliche, nämlich die intentionale Bewegung zu konzentrieren.
Was streckenweise wie Magie klingt und in der direkten Anschauung auch so aussieht, baut vor allem auf einem auf: auf dem vorbehaltlosen Wahr-Nehmen des Pferdes zugleich als Zweck, und niemals bloß als Mittel: „Die Ausbildung verfolgt einen konsequenten Gedanken: Mein Gegenüber hat ein Bewusstsein und eine Intention. Damit wird jede Handlung von einer reinen Aktion zu einer Beziehungsinteraktion – und diese Beziehungsinteraktion versuche ich, zu perfektionieren. Unsere Pferde haben alle ein sehr großes Interesse daran, im Gespräch mit Menschen zu bleiben und nicht abzuschweifen. Das ist natürlich von den Erfahrungen in der Ausbildung getragen, dass Interaktion mit Menschen etwas Lustvolles und Schönes ist, das sich lohnt. Und lohnen tut es sich, weil eine stimmige Kommunikation etwas Befriedigendes ist, für Tiere wie für Menschen. Es geht um das einander Kennenlernen und miteinander im Bezug bleiben.“ (Roswitha Zink)
Auf die Frage, ob diese Art der Therapie auch mit Hunden vorstellbar wäre, meint Roswitha Zink, ganz Biologin: „ Pferde haben einen sehr großen Vorteil Hunden gegenüber: Hunde haben in ihrem Rudel eine sehr enge Bindung an die einzelnen Rudelmitglieder, und Wolfsrudel sind gar nicht dafür gemacht, dass andere Wölfe dazukommen. Therapie aber heißt, jeden Tag zehn verschiedene Menschen, die man kurz sieht, zu akzeptieren, immer neue Beziehungen aufzubauen und abzuschließen. Pferdeherden sind sehr dynamische Gebilde, die auch stark vom Austausch mit anderen Gruppen leben. Das ermöglicht Pferden schon von der biologischen Grundausstattung her eine ganz andere Weltoffenheit in Bezug auf Kontakt mit verschiedenen Persönlichkeiten.“
Und nicht zuletzt haben Pferde noch einen ganz entscheidenden Vorteil: Pferde können Menschen tragen und sie im Rhythmus ihres Schritts wiegen. „Manchmal bedeutet Therapie, in Decken gehüllt am Pferd einfach aufzutanken.“
Helfen Sie helfen
Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie schwerkranken oder traumatisierten Kindern und Jugendlichen therapeutische Begleitung, neue Hoffnung in Krisensituationen und unbeschwerte Momente.
Der Lichtblickhof finanziert sich zum Großteil aus Spendengeldern. Weitere Informationen finden Sie unter lichtblickhof.at