Gesundheit

Was Fohlenhufe brauchen

Ein Artikel von Claudia Götz | 28.04.2026 - 13:19
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Im ersten Lebensjahr findet das stärkste Hufwachstum statt. © Polina | stock.adobe.com

Ein Fohlenhuf ist in höchstem Maße formbar – im Guten wie im Schlechten. Die inneren Strukturen eines Hufes wachsen, bis das Pferd vollständig ausgewachsen ist. Jedoch findet das stärkste Wachstum der Hufe im ersten Lebensjahr statt.

Fohlen werden mit voll entwickelten Hufen geboren und die wachsen rasant. Eine Hufwand, die bei der Geburt knapp vier Zentimeter lang ist, ist mit einem Jahr sechs Zentimeter lang. Den Huf mit dem sie zur Welt kommen erneuern Fohlen doppelt so schnell wie ein ausgewachsenes Pferd. Dafür muss das Fohlen extrem viel Material bilden, denn sein täglich steigendes Körpergewicht erhöht den Abrieb stetig. Fohlenhufe wachsen etwa 2 mm pro Tag, ein erwachsener Pferdehuf nur noch 0,2 mm.

Doch es gibt weitere Besonderheiten, die den Huf eines Fohlens von dem eines ausgewachsenen Pferdes unterscheiden: Vor und bei der Geburt ist der Huf weich und von der Fohlenkappe, auch Fohlenkissen genannt, umgeben. Das Material ähnelt dem des Strahls und schützt die Stute während der Trächtigkeit und Geburt. Nach der Geburt härtet es aus und fällt zumeist einige Tage später von selber ab. Mit dem weiteren Hufwachstum wird der sogenannte Fohlenschnabel sichtbar. Dieser – und mit ihm der Huf der bei der Geburt existierte – ist je nach Rasse nach einigen Monaten herausgewachsen. Das ist auch der Zeitpunkt an dem der deutsche Biologe und Huftechniker Martin Bösel aus Herzberg am Harz, in der Regel bei „einer normalen gesunden Hufentwicklung“ mit der Hufbearbeitung beginnt, „es gibt aber auch manchmal Behandlungsbedarf wenige Tage nach der Geburt.“ Er hält eine Kontrolle kurz nach der Geburt für sinnvoll, die aber eventuell auch der Tierarzt abdecken kann: „Danach sollte der Tierarzt oder Hufbearbeiter alle drei Wochen mal draufschauen, um eventuelle Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und bearbeiten zu können.“

Erwin Hartner, Hufschmied mit Qualitätsgütesiegelprüfung aus Schöngrabern (NÖ), beginnt in der Regel mit der Hufbearbeitung spätestens nach acht Wochen, „denn da wird die Mutterstute wieder zur Hufkorrektur am Plan stehen. Und frühestens nach zwei bis vier Wochen, denn solange gebe ich der Natur im Durchschnitt Zeit um Stellungsfehler wieder zu korrigieren. Wenn sich Fohlen ordentlich bewegen können, wird in dieser Zeit vieles, nicht alles, von alleine gerichtet. Ist das Fohlen nach vier Wochen z. B. hinten noch immer durchtrittig, sollte man sich schon einen Plan überlegen um ihm etwas unter die Arme zu greifen, Stichwort Fohlenkorrekturschuh.“ Er beobachtet, dass viele Fohlen erst nach etwa einem halben Jahr die Hufe bearbeitet bekommen: „Bei den meisten wird das gutgehen, aber grobe Stellungsfehler der Gliedmaßen zu korrigieren kann dann schon schwieriger werden.“

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Für eine gesunde (Huf-)Entwicklung benötigen Fohlen viel Auslauf - idealerweise auf unterschiedlichen Böden und abwechslungsreichem Terrain.  © Oliver Seitz from Pixaba

So entwickelt sich der Fohlenhuf gesund

Bei der Frage, was Fohlenhufe in punkto Haltung und Pflege brauchen, sind sich die Fachmänner einig: „Die Fohlen müssen sich ordentlich bewegen dürfen und brauchen Auslauf auf sauberen, festen Böden“, erklärt Hartner, „Stallhygiene, regelmäßiges Hufeauskratzen wenn die Fohlen viel in Boxen stehen müssen oder keine sauberen Koppeln haben“, gehört für ihn ebenfalls dazu. Bösel betont die Abwechslung in der Belastung, „damit sich ein Huf gemäß seinen genetischen Möglichkeiten entwickeln kann. Optimal wäre eine Fläche mit vielen verschiedenen Böden und vielen unterschiedlichen motorischen Anforderungen“. Pflege ist für ihn ebenfalls nicht notwendig, „solange die Haltung keine Probleme mit sich bringt, wie Stehen im eigenen Kot oder extreme Matschbedingungen“.

Zu geringe motorische Belastung des Fohlen- und Jungpferdehufes hält er für extrem schädlich: „Wir ,vergessen‘ die Fohlen auf den motorisch gesehen eintönigen Aufzuchtwiesen und wundern uns dann, dass sich keine stabilen Hufe gebildet haben. Hufe haben aber Rezeptoren, die die Entwicklung steuern. Werden diese Rezeptoren nicht stimuliert, bilden sich keine starken Hufe. Wir sollten immer daran denken, dass Wildpferdefohlen oftmals schon am zweiten Tag viele Kilometer mit der Mutter mitlaufen müssen, etwa um zum Wasser zu kommen. Unter solchen Bedingungen bilden sich gute Hufe. Wir sollten vergleichbare Belastungen herstellen, soweit möglich.“

Die Fohlen müssen sich ordentlich bewegen dürfen und brauchen Auslauf auf sauberen, festen Böden.


Erwin Hartner, Hufschmied

Gut versorgt wachsen

Das Fohlen bekommt in der ersten Zeit seine Nahrung von der Mutterstute. Fohlen sollten rassetypisch und bedarfsgerecht gefüttert werden, um eine gesunde Entwicklung auch der Hufe zu ermöglichen. Qualitätvolles Grundfutter sowie eine gute Mineralversorgung sind das Wichtigste. Auch eine entsprechende Vorsorge gegen Darmparasiten gehört dazu. Sowohl Mangelernährung und Verwurmung als auch eine Überversorgung sind nicht förderlich.

Viele Fohlen fangen aber recht früh an es den erwachsenen Pferden gleich zu tun und grasen, gehen ans Heu und das Kraftfutter der Mutter. Vor allem das Grasen führt auf abgefressenen Koppeln schnell zu Problemen, so Bösel: „Besonders häufig ist die High-Low-Stellung der Hufe, sprich die Entwicklung eines großen flachen und eines kleinen steilen Vorderhufs. Um mit dem proportional kurzen Hals an das Gras zu kommen, stellen sie dann einen Huf weit nach vorne und den anderen nach hinten. Weil sie immer den gleichen nach vorne beziehungsweise hinten stellen, kommt es in wenigen Wochen zu einer unerwünschten Hufkapselveränderung, die gravierende Auswirkungen auf die Motorik hat.“

Seiner Erfahrung nach brauchen etwa zehn Prozent der Fohlen eine frühe Korrektur, weil Fehlentwicklungen auftreten. Hartner ist dabei folgendes wichtig: „Häufig hört man: ,Ach, das wächst sich schon wieder raus.‘ Und ich würde sagen, bei den meisten wird es auch akzeptabel besser. Wenn es so ist, super. Aber wenn nicht, dann hat man z. B. ein x-beiniges oder ein durchtrittiges Pferd. Natürlich kann man keine Garantie geben, dass alles perfekt wird. Aber wenn man weiß, was man wie macht, hat man zumindest eine Chance, dass es besser wird. Man hat halt nur die ersten sechs bis zwölf Monate Zeit. In diesem Zeitfenster schließen sich im Durchschnitt die Wachstumsfugen der Knochen und größere Korrekturen werden danach schwieriger.“

Hartners Leitlinie dabei: „Es macht mir nichts aus, wenn Fohlen bodenweit stehen (etwas gespreizt). Sie haben noch Probleme mit dem Gleichgewicht und stellen sich daher gerne etwas breiter hin. Solange das Bein inklusive Huf in einer geraden Linie steht, ist die Welt für mich in Ordnung. Wenn sie älter werden und die Brust breiter, wird sich das auch bessern.“

Intervalle und Handling

In der Regel wird man die Fohlen mit versorgen, wenn man die Hufe der Mütter bearbeitet. Das Fohlen kann sich hier viel Positives abschauen, aber auch besonders alarmiert sein, falls die Stute Probleme mit der Hufbearbeitung hat. Dann können andere brave Pferde der Herde mit gutem Beispiel vorangehen.

Müssen Stellungsfehler korrigiert werden, muss das Fohlen häufiger bearbeitet werden. „Eine Faustregel ist: Je größer die Abweichung, desto kürzer das Intervall. Hat das Fohlen eine regelmäßige Gliedmaßenstellung kann man sich an ein normales Intervall von sechs bis acht Wochen halten“, erklärt Hartner.

Um die ersten Bearbeitungsschritte beim hufgesunden Fohlen durchführen zu können braucht es lediglich Pferdeverstand, sind sich beide Fachmänner einig: „Die Fohlen früh daran gewöhnen, dass die Hufe gegeben werden und dass diese und andere Anpassungen stressfrei erfolgen. Nach Möglichkeit nichts erzwingen, sondern mit viel Geduld umsetzen. Wenn ein Fohlen z. B. die beiden Vorderhufe gegeben hat belohnen und nicht gleich einfordern, dass das mit den Hinterhufen jetzt auch funktioniert. Lieber am nächsten Tag probieren“, empfiehlt Bösel.

Auch Hartner ist bei der Handhabung der Fohlen durch den Besitzer wichtig, „mit den Fohlen von klein auf zu üben: Hufe heben, ruhig stehenbleiben. Mit Fohlen muss man geduldig sein. Die wissen ja noch nicht was da passiert. Ich persönlich mache bei der ersten Hufkorrektur nur das Notwendigste. Einfach mal zum Kennenlernen.“ Er beobachtet, dass viele Menschen sofort an die Beine greifen: „Für das Fohlen ist das, als würde es ein Raubtier angreifen. Es ist also kein Wunder, wenn es dann erstmal flüchten will.“

Die Züchter wissen gar nicht, wie ein gesunder Huf aussieht und damit ist ein guter Huf oftmals kein Zuchtkriterium


Martin Bösel , Biologe und Huftechniker

Die Rolle der Genetik

Als Biologe ist Bösel der genetische Aspekt wichtig, genauer eine gute genetische Grundlage im Rahmen der Zucht. „Hier weisen viele deutsche Zuchten eklatante Mängel auf. Die Züchter wissen gar nicht, wie ein gesunder Huf aussieht und damit ist ein guter Huf oftmals kein Zuchtkriterium“, fasst er die Problematik zusammen. Ist aber die genetische Grundlage nicht optimal, wird die Aufzucht noch bedeutender, erklärt er: „In diesem Fall müssen die maximalen genetischen Grenzen erreicht werden. Ein genetisch schwacher Fohlenhuf, der zudem nicht trainiert und stimuliert wird, wird ein Dauerproblem beim Hufschmied.“

Um die Entwicklung der Hufe auch bei guter genetischer Grundlage zu fördern, empfiehlt er Bewegung auf unterschiedlichen Böden – beim Fohlen gerne schon beim Ausritt neben der Mutter, beim Jungpferd nach Möglichkeit barhuf, „denn dann entwickeln sich neben den knöchernen Strukturen auch starke Bindegewebe und ausgedehnte Gefäßsysteme – alles mindestens so wichtig, wie der Huf selbst oder die muskuläre Entwicklung.“

Wenn der Nachwuchs dann zum Reitpferd hat der Huf seine Entwicklung in der Regel noch nicht beendet – das passiert erst zwischen fünf und sieben Jahren. Deshalb ist es wichtig, ein Jungpferd so lange wie möglich barhuf zu lassen. Dann können Hufschutz oder Hufstärkung von außen helfen, bis sich der Huf auf die Belastungssteigerung von Aufzucht zum Reiten gewöhnt hat.