Kann man die Auswirkungen einer Haltung hinter der Senkrechten (Behind the Vertical, BTV) eindeutig von den Einwirkungen trennen, mit denen diese Haltung häufig erzeugt wird?
Diese Frage ist legitim.
Aus der methodischen Kritik lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Hyperflexionsdebatte beendet oder die Haltung hinter der Senkrechten grundsätzlich unproblematisch wäre. Eine solche Schlussfolgerung wird durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt.
Was die Meta-Analyse tatsächlich zeigt
Die Meta-Analyse von König von Borstel, Kienapfel und Kollegen wertete die vorhandene wissenschaftliche Literatur zu Kopf-Hals-Positionen beim Pferd aus.
Die Meta-Analyse zeigt Assoziationen zwischen BTV-Haltungen und Belastungsindikatoren. Über zahlreiche Studien hinweg zeigten Pferde in Positionen hinter der Senkrechten häufiger Konfliktverhalten, Stressindikatoren, erhöhte Zügeleinwirkung, Veränderungen der Atemwege sowie weitere Hinweise auf eine Beeinträchtigung des Tierwohls.
Assoziation bedeutet dabei nicht automatisch Kausalität. Sie bedeutet jedoch, dass zwei Phänomene wiederholt gemeinsam auftreten. Genau diese wiederkehrenden Zusammenhänge sind der Grund, warum Kopf-Hals-Positionen hinter der Senkrechten wissenschaftlich weiterhin kritisch diskutiert werden.
Der eigentliche Streitpunkt ist inzwischen nicht mehr, ob diese Befunde existieren. Der Streitpunkt ist, warum sie auftreten.
Die Diskussion betrifft den Mechanismus – nicht die Existenz der Belastung
Die aktuelle Kritik argumentiert, Position und Einwirkung seien nicht immer eindeutig voneinander zu trennen. Selbst wenn man diesen Einwand akzeptiert, folgt daraus jedoch nicht, dass die beobachteten Belastungen verschwinden. Vereinfacht gesagt: Wenn ein Mensch Rückenschmerzen hat, kann man darüber diskutieren, ob sie vom Bürostuhl oder von der Sitzhaltung verursacht werden. Die Schmerzen werden dadurch weder weniger noch weniger real.
Genauso verhält es sich hier. Die Diskussion betrifft den Mechanismus, nicht die Existenz der Belastung.
Anatomische Möglichkeit ist nicht gleich praktische Relevanz
Kritiker der Meta-Analyse argumentieren, die Anatomie des Pferdes erlaube es, dass die Nase bei korrekter Dehnung zeitweise hinter die Senkrechte gerät. Das mag biomechanisch theoretisch möglich sein. Doch aus einer anatomischen Möglichkeit folgt keinesfalls automatisch praktische Relevanz. Entscheidend ist nicht, was theoretisch möglich ist, sondern was Pferde tatsächlich tun.
Bislang liegen kaum systematische Beobachtungen vor, die zeigen, dass Pferde ohne äußere Einwirkung über relevante Zeiträume freiwillig hinter der Senkrechten laufen. Ein Mensch kann sein Kinn ebenfalls auf die Brust drücken. Daraus folgt nicht, dass dies eine physiologisch sinnvolle Dauerhaltung wäre. Zwischen „kann vorkommen“ und „ist funktionell unproblematisch“ besteht ein erheblicher Unterschied.
Viele Pferde werden zu Beginn ihrer Ausbildung mit Hilfszügeln bzw. bestimmten Kopf-Hals-Haltungen gearbeitet. © matilda553 | stock.adobe.com
Der blinde Fleck: Die Trainingsgeschichte des Pferdes
Ein weiterer Aspekt wird in der aktuellen Diskussion erstaunlich selten berücksichtigt. Die meisten modernen Sportpferde sind keine unbeschriebenen Blätter. Viele werden bereits in jungen Jahren mit Ausbindern, Hilfszügeln oder bestimmten Kopf-Hals-Haltungen gearbeitet. Wer später ein erwachsenes Pferd beobachtet, das scheinbar „freiwillig“ hinter der Senkrechten läuft, beobachtet deshalb nicht zwangsläufig eine natürliche Selbsthaltung. Die Trainingsgeschichte stellt einen potenziellen Einflussfaktor dar, der bislang kaum untersucht wurde.
Ebenso denkbar ist, dass beobachtete Kopf-Hals-Haltungen zumindest teilweise durch langjährige Ausbildung beeinflusst werden. Verhalten, das über Jahre erlernt und verstärkt wurde, kann deshalb nicht automatisch als Beweis für eine natürliche Präferenz des Pferdes gewertet werden. Genau dieser Aspekt der Trainingsbiografie verdient künftig deutlich mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit.
Vor allem bei Hengsten lassen sich im freien Spiel und Imponierverhalten Momente starker Halsflexion beobachten – in der Regel dauern sie jedoch nur wenige Sekunden an. © Osetrik | stock.adobe.com
Das Friesen- und Hengstargument
Häufig wird in der Debatte auf Friesen oder imponierende Hengste verwiesen. Tatsächlich lassen sich bei Hengsten im Imponierverhalten gelegentlich Momente starker Halsflexion beobachten. Auch Friesen zeigen aufgrund ihrer besonderen Halskonformation gelegentlich eine ausgeprägte Rundung. Der entscheidende Punkt ist jedoch die Dauer.
Frame-by-frame-Analysen solcher Verhaltensweisen zeigen, dass die Nase – wenn überhaupt – meist nur für Sekundenbruchteile oder wenige Sekunden hinter die Senkrechte gelangt. Genau hier wird in der aktuellen Debatte häufig eine über die Daten hinausgehende Interpretation vorgenommen. Ein Verhalten, das im natürlichen Ausdrucksverhalten für Sekundenbruchteile auftritt, wird als Argument für eine Trainingshaltung herangezogen, die unter Reitergewicht über deutlich längere Zeiträume gezeigt wird. Beide Phänomene wissenschaftlich gleichzusetzen wird der Komplexität der Fragestellung nicht gerecht. Ein Pferd kann steigen, bocken, sich auf den Rücken werfen oder den Hals maximal beugen, ohne dass daraus folgt, dass diese Bewegungen als Dauerzustand anzustreben wären. In der Verhaltensbiologie ist die Zeitdimension entscheidend.
Die Frage lautet nicht, ob eine Haltung kurzzeitig vorkommen kann. Die wissenschaftlich relevante Frage lautet, wie lange, wie häufig und unter welchen Bedingungen sie auftritt. Wer kurzzeitige Bewegungen im natürlichen Ausdrucksverhalten mit systematisch trainierten Arbeitshaltungen gleichsetzt, vergleicht zwei grundsätzlich unterschiedliche Situationen. Für diese Gleichsetzung gibt es bislang keine belastbare wissenschaftliche Grundlage. Für die Behauptung einer regelmäßig auftretenden freiwilligen BTV-Haltung unter Trainingsbedingungen fehlen bislang belastbare Daten.
Die Debatte ist größer als der Genickwinkel
Aus der methodischen Kritik wird teilweise die Schlussfolgerung gezogen, die Diskussion ließe sich auf den Genickwinkel oder die Atemwege reduzieren. Der atlanto-okzipitale Winkel spielt zweifellos eine wichtige Rolle für die Platzverhältnisse im Bereich von Pharynx und Larynx. Reiten in Hyperflexion betrifft jedoch deutlich mehr Strukturen und Welfare-Parameter des Pferdes als lediglich die Atemwege.
Studien und Diskussion umfassen unter anderem:
- Einschränkungen des Sichtfeldes,
- Veränderungen der Muskelaktivität,
- veränderte Bewegungsmuster,
- Zügeleinwirkung,
- Konfliktverhalten,
- physiologische Stressreaktionen,
- und nicht zuletzt das daraus resultierende Wohlbefinden des Pferdes.
Wer die gesamte Debatte auf einen einzelnen anatomischen Parameter reduziert, greift wissenschaftlich zu kurz und blendet wesentliche Aspekte des Tierwohls aus.
Warum die Nasenlinie weiterhin wichtig ist
Ein weiterer Kritikpunkt lautet, die Nasenlinie sei als Beurteilungsparameter ungeeignet, weil sie nicht identisch mit dem Genickwinkel ist. Die Aussage, dass Nasen- und Genickwinkel nicht identisch sind, ist korrekt. Ein Messwert muss jedoch nicht perfekt sein, um wissenschaftlich sinnvoll eingesetzt werden zu können. Der Genickwinkel ist im Alltag nur schwer zuverlässig zu beurteilen. Die Nasenlinie hingegen ist sichtbar, nachvollziehbar und reproduzierbar erfassbar. Deshalb eignet sie sich als praktischer Parameter für Regelwerke, Ausbildung und Beurteilung deutlich besser als ein Winkel, der im Feld kaum präzise gemessen werden kann.
Die Nasenlinie ist damit kein perfekter, aber ein praktikabler Marker.
Der Genickwinkel ist im Alltag nur schwer zuverlässig zu beurteilen. Die Nasenlinie hingegen ist sichtbar, nachvollziehbar und reproduzierbar erfassbar. © Rita Kochmarjova | stock.adobe.com
Was die Wissenschaft derzeit tatsächlich sagt
Die aktuelle Datenlage erlaubt nicht die Aussage:
„Jede Nase hinter der Senkrechten ist automatisch Tierquälerei.“
Ebenso wenig durch die derzeitige Datenlage gedeckt wäre jedoch die Aussage:
„Hinter der Senkrechten zu reiten ist grundsätzlich unproblematisch.“
Der wissenschaftliche Stand lautet vielmehr:
Kopf-Hals-Positionen hinter der Senkrechten sind mit einer Reihe potenziell negativer Auswirkungen auf das Pferdewohl assoziiert.
Die genaue Bedeutung von Dauer, Grad der Flexion, Einwirkung, Trainingsgeschichte und individueller Veranlagung wird weiterhin erforscht. Dies ist weder eine Dramatisierung noch ein Freispruch.
Was man aus der Debatte mitnehmen sollte
Die Kritik an der Meta-Analyse hat eine wichtige Frage aufgeworfen:
Wie groß ist der Anteil von Position, Einwirkung, Trainingsgeschichte und Dauer an den beobachteten Belastungen? Diese Frage ist wissenschaftlich interessant und verdient weitere Forschung.
Was die aktuelle Kritik jedoch nicht gezeigt hat, ist,
- dass Hyperflexion harmlos ist,
- dass Reiten hinter der Senkrechten unproblematisch ist,
- dass die beobachteten Belastungsindikatoren verschwinden,
- oder dass die bisherigen Befunde bedeutungslos wären.
Die wissenschaftliche Diskussion dreht sich heute nicht darum, ob Belastungsindikatoren bei Kopf-Hals-Positionen hinter der Senkrechten beobachtet werden. Sie dreht sich darum, wie diese Belastungen entstehen und wie groß der jeweilige Anteil von Position, Einwirkung, Trainingsgeschichte und Dauer ist. Damit verschiebt sich die wissenschaftliche Debatte von der Frage, ob Belastungen auftreten, hin zur Frage, wodurch sie verursacht werden. Die Existenz der beobachteten Belastungsindikatoren wird dadurch jedoch nicht in Frage gestellt. Die aktuelle Kritik formuliert alternative Erklärungsansätze. Diese müssen ihrerseits empirisch überprüft werden.
Zusammenfassend lässt sich festhalten
Die Reduktion der Debatte auf den AO-Winkel greift wissenschaftlich zu kurz.
Kurzzeitige Flexionsbewegungen im natürlichen Verhalten liefern keine ausreichende Grundlage, um daraus Rückschlüsse auf systematisch trainierte Arbeitshaltungen abzuleiten.
Und die Hypothese einer regelmäßig auftretenden, freiwilligen und stressfreien BTV-Haltung unter Trainingsbedingungen ist bislang nicht empirisch belegt.
Wissenschaftliche Kritik ist notwendig und wertvoll. Sie hilft, bestehende Erkenntnisse zu präzisieren und neue Forschungsfragen zu formulieren.
Sie ersetzt jedoch keine Daten.
Solange Kopf-Hals-Positionen hinter der Senkrechten wiederholt mit Belastungsindikatoren assoziiert werden und alternative Erklärungsmodelle ihrerseits noch nicht empirisch belegt sind, bleibt eine vorsichtige und sachlich-umsichtige Interpretation der Daten die wissenschaftlich angemessene Position.
Zur Person
Linda Weritz M. A. ist Kommunikationswissenschaftlerin und –psychologin, sowie Verhaltenstherapeutin, ihr Spezialgebiet ist die non-verbale Kommunikation von Pferden. 1998 lernte sie Monty Roberts kennen und unterrichtete einige Jahre auf dessen Farm in Kalifornien. In ihrer 2007 gegründeten Hippologischen Akademie bildete sie bis 2023 Pferdeverhaltenstherapeut:innen aus. Die passionierte Dressureiterin ist Autorin zahlreicher Fachbücher und entwickelt derzeit eine neue Kategorie (Human–Horse Interface) im Pferdesport.
Infos: www.iipkw.de
GEGENDARSTELLUNG
Herr Scheibenpflug, Autor des im obigen Artikel erwähnten Kommentars zu Meta-Analyse, begehrt folgende Gegendarstellung nach § 9 des österreichischen Mediengesetzes (MedienG).
1. Zur Darstellung meiner wissenschaftlichen Position
Der Artikel erweckt den Eindruck, meine Kritik an der Meta-Analyse ziele darauf ab, Hyperflexion als "grundsaetzlich unproblematisch" darzustellen. Das ist unzutreffend. Meine Kritik ist methodisch und praezise: Die Meta-Analyse von Koenig von Borstel & Kienapfel (2024) konfundiert Zwang mit Kopf-Hals-Position, weil in keiner Subgruppenanalyse Zwang vs. kein Zwang verglichen wurde - lediglich verschiedene Formen der Zwangsanwendung. Aus einer Analyse, die Zwang in allen Subgruppen voraussetzt, kann keine positionskausale Schlussfolgerung gezogen werden. Das ist eine wissenschaftstheoretische Grundregel - keine Schutzbehauptung fuer Rollkur.
2. Zur Symmetrie der Beweislast
Der Artikel behauptet, meine Hypothese einer freiwilligen, stressfreien BTV-Haltung unter Trainingsbedingungen sei "nicht empirisch belegt". Das ist korrekt - und ich habe dies explizit konzediert. Was der Artikel verschweigt: Die umgekehrte Kausalaussage der Meta-Analyse - dass Position unabhaengig von Zwang Stress verursacht - ist ebenfalls nicht empirisch belegt, weil die Studie Zwang nicht kontrolliert hat. Die Beweislast ist symmetrisch. Eine Studie, die ihre Variablen nicht trennt, darf keine isolierten Kausalaussagen treffen.
3. Zur Nasenlinie als Beurteilungsparameter
Ich habe nie behauptet, die Nasenlinie sei bedeutungslos. Mein Argument ist: Sie ist ein schlechtes Surrogat fuer den atlanto-okzipitalen Winkel, der der biomechanisch kritische Parameter ist. Cehak et al. (2010) belegen, dass pharyngeale Einengung primaer an den AO-Winkel gekoppelt ist, nicht linear an die Nasenebene. Ein praktikabler, aber konfundierter Messparameter produziert konfundierte Wissenschaft - und damit eine falsche Regulierungsgrundlage.
4. Zur Buerostuhl-Analogie im Originalartikel
Die Analogie im Artikel - Rueckenschmerzen entstehen unabhaengig davon, ob Buerostuhl oder Sitzhaltung die Ursache ist - stuetzt meine Position: Wenn Zwang das eigentliche Problem ist, reguliert man Zwang, nicht den Sitzwinkel. Eine Nasenlinien-Beschraenkung schuetzt das mit Zwang in eine "korrekte" Position gebrachte Pferd nicht.
Markus Scheibenpflug, Tierarzt
Tierarzt und Biomechanikexperte | Equinelibrium, Leuggern
office@equinelibrium.ch | ORCID: 0009-0000-7734-9305