Besser reiten

Studie: Selbstwertgefühl beeinflusst, wie pferdegerecht wir reiten

Ein Artikel von Margarete Donner | 16.04.2026 - 12:44
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Die eigene Persönlichkeit hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Art des Reitens und den Umgang mit Pferden allgemein. 

Sie trösten verzweifelte Erwachsene, sie beruhigen hyperaktive Kinder und sie stärken unser Selbstbewusstsein: Pferdemenschen wissen um die positive Wirkung der Vierbeiner auf ihre Psyche, und diese ist sehr gut wissenschaftlich belegt. Wie aber wirken sich unsere Persönlichkeitsmerkmale auf den Umgang mit den Vierbeinern aus? Als Reiterin und Reittherapeutin ging Prof. Dr. mult. Manuela Kesselmann der Frage nach, inwieweit die Persönlichkeit der Reiterinnen ihre Beziehung zum Pferd sowie ihre Art Pferde auszubilden und zu reiten beeinflusst. Und tatsächlich – ihre Studie „Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter:innen für die Pferd-Mensch-Beziehung und pferdegerechtes Reiten“ brachte bemerkenswerte Zusammenhänge zutage.

Mehr Selbstwertgefühl, weniger Einsatz von Druck

Unter den 484 befragten Reiter:innen zeigen nämlich jene mit höherem Selbstwertgefühl ein deutlich besseres, pferdegerechteres Reiten. Das bedeutet, sie bemühten sich auf der Basis der klassischen Reitlehre um ein losgelassenes Pferd und suchten bei Widersetzlichkeit zuerst einmal nach Ursachen wie Schmerz oder Überforderung. Außerdem konnte jene Gruppe eine vertrauensvollere Pferd-Mensch-Beziehung aufbauen. Die Gruppe mit weniger Selbstwertgefühl hingegen tendierte zu mehr Dominanzverhalten und dem Einsatz von Druckmitteln sowohl beim Reiten als auch im Umgang mit den Vierbeinern. All das erscheint bei näherem Hinsehen einleuchtend: Wer sich selbst schätzt und akzeptiert, begegnet wohl auch anderen Lebewesen mit mehr Respekt und Verständnis.
 

Reiten ist lebenslanges Lernen

Auffallend – und durchaus bahnbrechend – ist jedoch der Zusammenhang zwischen dem Willen zur Veränderung auf der einen Seite und pferdegerechtem Reiten sowie positivem Umgang mit dem Tier auf der anderen. Reiter, denen es leichtfiel, sich zu verändern, die offen für Kritik waren und aufgeschlossen gegenüber Weiterbildungen, schnitten eindeutig besser ab. Die Bereitschaft, immer wieder über neue Wege nachzudenken und Kritik von außen als Bereicherung zu sehen, steht also in enger Wechselwirkung mit korrektem Reiten und pferdefreundlichem Verhalten. Umgekehrt neigen offensichtlich Personen mit weniger Selbstreflexion dazu, die Bedürfnisse ihrer Pferde zu ignorieren und Probleme mit dem Einsatz härterer Mittel zu lösen. Wenn das kein Aufruf zur Arbeit an der eigenen Persönlichkeit im Sinne des Tierwohls ist! Außerdem scheint wohl eine gewisse Skepsis gegenüber Trainern angebracht, die behaupten die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben.

„Die Pferde machen das für uns“

Da an der Umfrage von Prof. Kesselmann sowohl Freizeit- als auch Turnierreiterinnen (Amateure und Profis) teilnahmen, konnte sie zwischen diesen Gruppen spannende Vergleiche ziehen: Denn die Pferdesportlerinnen aus dem Freizeitbereich berichteten über eine signifikant positivere Pferd-Mensch-Beziehung als jene im Wettkampfgeschehen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Freizeitreiterinnen häufig ihr Pferd als besten Freund und Kraftquelle, also als positive Ressource und nicht als Mittel zum Zweck empfinden. Zudem war das Selbstwertgefühl bei den Turnierreiterinnen deutlich schlechter ausgeprägt, was durch Konkurrenz, Leistungsdruck sowie den ständigen Vergleich in sozialen Medien bedingt sein könnte.

Die Studie „Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter:innen für die Pferd-Mensch-Beziehung und pferdegerechtes Reiten“ öffnet einen ganz neuen Blickwinkel auf die Ausbildung und das Training von Pferden, indem sie neben den altbekannten fachlichen Kriterien das persönliche Wachstum des Reiters als entscheidenden Faktor für das Tierwohl in den Mittelpunkt rückt. „Demut dem Pferd gegenüber“, wünscht sich demnach auch Manuela Kesselmann von den Reiterinnen und schließt mit: „Reiten ist ein Privileg. Die Pferde machen das für uns.“