Wer die sieben Schlüsselpunkte des Vorwärts versteht, gewinnt als Reiter mehr Gefühl, Harmonie und Leichtigkeit im Sattel. © entnommen aus „Vorwärts - aber klassisch", mit freundlicher Genehmigung von KOSMOS
Die erste nähere Bekanntschaft mit Pferden machte Michael Laußegger in einem Springstall, wo er sich mit 14 Jahren vom Trocken-Führen der Springpferde bis zum Vorstellen der Verkaufspferde am Turnier hocharbeitete. Seine wahre Berufung fand er aber während den 13 Jahren als Eleve und Bereiter an der Spanischen Hofreitschule in Wien. Seither gibt er seinen Zugang zur klassischen Dressur und sein tiefgreifendes Verständnis für die Ausbildung von Pferden als gefragter Dressurtrainer national und international weiter.
Auszüge aus diesem großen Wissensschatz gibt es auch in Buchform: In „Vorwärts – aber klassisch! Traditionelles Wissen für eine zeitgemäße Reitpraxis“ präsentiert sich Laußegger unterhaltsam für die Leser:innen, immer achtsam im Umgang mit dem Pferd und behutsam, aber ehrlich in der Kritik an der Entwicklung der Wiener Hofreitschule.
Michael Laußegger stand 13 Jahre im Dienst der Lipizzaner an der Spanischen Hofreitschule. © entnommen aus „Vorwärts - aber klassisch", mit freundlicher Genehmigung von KOSMOS
Den Fluss des Pferdes zulassen und nicht ersticken
Das gut zu lesende Werk beginnt mit der Ausbildung von Eleven und Pferden, beschreibt die Entwicklung der ersten Lektionen unter dem Reiter, entfaltet dann klassische Dressurlektionen wie Galoppwechsel oder Piaffe, um schließlich bei den Lektionen der Hohen Schule zu enden.
Was können sich Freizeit- oder Dressurreiter mitnehmen? Eine ganze Menge: Das beginnt damit, wie in der Spanischen das Freilaufen der Jungpferde praktiziert wurde. Nämlich nicht als wildes, unkontrolliertes Rasen und Abstoppen, sondern als kontrollierte Vorbereitung für das richtige Longieren. Man liest weiters staunend, dass das Regulieren des Tempos und das Durchparieren der weißen Hengste – zumindest zu Laußeggers Zeit – über die Atmung funktionierte. Und dass die Remonten in der Ausbildung niemals mit dem Schenkel vorwärtsgetrieben wurden, um nicht „im schlimmsten Fall ein von Anfang an schenkelfaules Pferd zu provozieren, […]“. Ziel war vielmehr der freiwillige und freudige „Fluss nach vorne“.
Überhaupt zieht sich dieser Fluss wie ein roter Faden durch Laußeggers Buch. Ein Fluss, der weder mit Schwung oder Hinterhandaktivität verwechselt werden darf noch mit Tempo oder eiligem Gestrampel. Es geht hier vielmehr darum, dass die Pferde gehen wollen, ohne gezwungen zu werden, ohne mit dem Schenkel traktiert zu werden oder sich willenlos zu ergeben. Der Reiter – der sich so naturgemäß besser auf seinen Sitz konzentrieren kann – muss „diesen inneren Flow des Pferdes zulassen, darf ihn nicht ersticken, sondern muss ihn behutsam formen und fördern“. Aktueller kann ein Buch für die heutige Dressurreiterei wohl kaum sein, selbst wenn es sich als „klassisch“ bezeichnet.
Geschichten aus der Wiener Schule
Dass der Autor nebenbei persönliche Geschichten aus seiner Zeit in der Spanischen Reitschule erzählt, macht dieses Buch obendrein sehr flüssig zu lesen. Man erhält einen spannenden Einblick in die durchaus strenge Ausbildung in der Stallburg sowie in die Lernmethoden der Wiener Schule, die damals sehr stark von der Vorbildwirkung erfahrener Bereiter und Oberbereiter geprägt waren. Wer weiterkommen wollte, musste genau hinsehen, sich die wahren Feinheiten abschauen und durch Nachahmen lernen. Wortmeldungen der Eleven waren hingegen selten erwünscht. Als Laußegger sich in einer der ersten Reitlektionen verhört hatte und nachfragte, donnerte es aus der Hallenmitte: „Absitzen! 14 Tage nur führen!“
Persönliche Anekdoten geben interessante Einblicke in den Alltag an der Spanischen Hofreitschule. © entnommen aus „Vorwärts - aber klassisch", mit freundlicher Genehmigung von KOSMOS
Um den militärischen Tonfall ist es vermutlich nicht schade, wohl aber um das Aufweichen der klassischen Grundlagen, das laut Laußegger seit den auslaufenden 80ern und beginnenden 90ern zu beobachten ist. Immer wieder weist er in seinem Werk auf Tabubrüche hin, auf den Verlust von fundiertem Wissen, auf die Angleichung an den modernen Dressursport – und die daraus resultierenden Veränderungen in der Ausbildung und Präsentation der weißen Hengste.
Mag das Insiderwissen des ehemaligen Bereiters auch noch so interessant sein, so lenkt Laußegger mit seiner Kritik nie von seiner wahren Mission ab: „Meine Vision ist es, eine ganzheitlich harmonische Beziehung zwischen Pferd, Reiter und Umwelt zu schaffen, welche zu mehr Schönheit, Ausdruck und Ausgeglichenheit führen soll.“ (dressur.at)