Ausbildung

Pferde denken mit – und genau das ignorieren wir häufig

Ein Artikel von Susanne Kreuer | 20.05.2026 - 12:00
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Pferde sind weit mehr als instinktgetriebene Nutztiere. Sie verfügen über eine ausgeprägte Fähigkeit zur Problemlösung, ein tiefes emotionales Verständnis und die Fähigkeit, Konsequenzen ihrer Handlungen situativ abzuwägen. © pixabay

Dass Pferde emotionale und soziale Fähigkeiten haben, lässt sich leicht innerhalb einer Herde beobachten. Und auch der Einsatz der Tiere beim therapeutischen Reiten spricht eine klare Sprache. Obgleich das Spektrum ihrer Sensibilität keinesfalls ausreichend erforscht ist, würde ihnen wohl kaum jemand mehr eine Gefühlswelt vollends absprechen. Strategische Planung und vorausschauendes Denken hingegen schon.

In vielen Köpfen herrscht nach wie vor folgendes Narrativ: Pferde lernen aus der Vergangenheit, leben in der Gegenwart und interessieren sich nicht für die Zukunft. Letzteres vor allem deshalb, weil sie schlicht nicht fähig dazu seien. Das kann so allerdings nicht stehenbleiben, denn die Forschung hat zunehmend die Pferdeintelligenz in den Fokus genommen und dabei herausgefunden, dass die Tiere vorausplanen, wenn es ihnen angebracht erscheint. Wer darüber kurz nachdenkt, wird feststellen, dass das Warum selbsterklärend ist. Immerhin sind Pferde in der freien Wildbahn mit stetigen Herausforderungen konfrontiert, die nicht nur Entscheidungs- und Lernfähigkeiten fordern, sondern auch gezielte Überlegungen, um das Überleben der Herde zu sichern.       

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Pferde begreifen oft schneller als sie zeigen. © Image by Susanne Edele from Pixabay

Pferde entwerfen strategische Pläne

Dass Pferde Opportunisten im besten Wortsinn sind, ist keine Neuigkeit. Da ist es wenig überraschend, dass sie sich bei ausreichend Motivation effizient mit einer „Gewinnmaximierung“ und einer Zustandsverbesserung auseinandersetzen. Mehrere Studien konnten bereits nachweisen, wie zielgerichtet die Tiere vorgehen, wenn sie etwas wollen. Haben bisherige Forschungen nahegelegt, dass Pferde einfach nur auf Reize im Moment reagieren und nicht proaktiv vorausdenken oder Handlungsweisen planen, so zeigen neue Ergebnisse, dass sie dies sehr wohl tuen, wenn es ihnen nützt. Sprich: Es muss ihnen auch die Möglichkeit dazu gegeben werden.

Eine Studie der Nottingham Trent University, die die Reaktionen der Tiere auf ein belohnungsbasiertes Spiel analysierte konnte nachweisen, dass Pferde ihre Herangehensweise geschickt anpassten, um die meisten Leckereien bei geringstem Aufwand zu bekommen. Entsprechend scheinen sie ein Bewusstsein für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen und ihrer Verhaltensweisen zu haben. Im Kontext speichern sie diese ab und können sie jederzeit wieder abrufen, wenn es ihnen nötig oder sinnvoll erscheint. Auch zeigten die Tiere einen schnellen Wechsel ihrer Handlungen, wenn eine Belohnung zu erwarten war. Blieb diese aus, suchten sie nach Lösungen. Und auch das ist interessant: Tatsächlich begreifen Pferde Regeln viel schneller, als sie dies oft zeigen.

In verschiedenen Versuchsdurchläufen wurde deutlich, dass die Tiere ihr Verhalten entsprechend der Bedingungen erst dann anpassten, wenn es ihnen nötig erschien. Zunächst sahen sie schlicht keinen Grund, sich an Bestimmungen zu orientieren oder diesen ausreichend Beachtung zu schenken. Erst wenn sie sich einen Vorteil versprachen oder einen Nachteil in Kauf nehmen mussten, stiegen sie wieder ins „Spiel“ ein. Dazu passten sie plötzlich besser auf und schalteten um, damit ihnen nichts entging. Ein solcher Strategiewechsel, um bessere Ergebnisse zu erzielen, zeigt von einem höheren Maß an kognitiven Fähigkeiten, als bisher angenommen wurde. Dieses Verhalten erfordert das zielgerichtete Denken in die Zukunft.

Gleiches gilt für die Lernfähigkeit: Haben Pferde eine Lösung oder eine Herangehensweise einmal begriffen und Erfolge für sich verbucht, können sie diese nicht nur lebenslang abrufen, sondern sogar auf ähnliche bzw. vergleichbare Ausgangslagen anwenden. Das ist eine beachtliche Transferleistung, die wir zukünftig im Umgang und im Training beachten sollten. 

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Pferde lesen unsere Emotionen ungefiltert. © DWP | stock.adobe.com

Ein erstaunliches Spektrum  

Tatsächlich berücksichtigen wir im täglichen Miteinander die Bandbreite verschiedener Kognitionen kaum.

Pferde verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten, die nicht nur nach mehr Anerkennung verlangen, sondern sogar gefördert werden dürfen:

  • Soziales Lernen und Kommunikation
    Pferde sind in der Lage, durch Beobachtung von Artgenossen zu lernen. Studien haben gezeigt, dass Pferde die Mimik und Gestik ihrer Artgenossen erkennen und auf dieser Basis ihr eigenes Verhalten anpassen. Das gilt auch für uns Menschen. Offenbar beobachten und analysieren sie insbesondere unsere nonverbale Kommunikation so tiefgehend, dass sie uns „lesen“ können wie „offene Bücher“. Sich hier selber etwas kritischer und reflektierter in den Blick zu nehmen, stärkt die Beziehung zum Pferd. Vieles, was die Tiere uns zeigen, ist eine Spiegelung!

  • Gedächtnis
    Dass Pferde ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis haben, ist bekannt. Das bedeutet auch, dass sie negative bzw. für sie unangenehme Erfahrungen im Körpergedächtnis abspeichern. Zwar können diese „überschrieben“ werden, aber das ist ein oft langer und mühsamer Weg: Dysbalancen wollen sie stets ausgleichen, Ungleichgewicht erleben sie aus natürlichen Gründen als Gefahr. Entsprechend gilt es im Umgang und im Training feinfühlig auf Grenzen, Motivationslagen und Anzeichen für Unwohlsein oder Überforderung zu achten, denn diese Gefühle merken Pferde sich.  

  • Emotionen
    Menschliche Emotionen erkennen Pferde ungefiltert und können nicht nicht darauf reagieren. Studien haben gezeigt, dass sie nicht nur zwischen fröhlichen und ärgerlichen Gesichtsausdrücken unterscheiden können, sondern auch sensibler auf negative Emotionen „antworten“. Sowohl ihr Stresslevel als auch ihr Herzschlag steigen merklich. Gleichermaßen beruhigen sie sich bei freundlichen Gesichtern, Menschen mit positiver Ausstrahlung und friedfertigen Intentionen. Wer einem Pferd also intuitiv, offen und sanftmütig begegnet, der wird exakt so wahrgenommen. Als gefühlsbetonte Wesen, die jederzeit ihren aktuellen Zustand mitteilen, ist Pferden wichtig, gesehen und verstanden zu werden. Nicht selten werden sie uns wahrscheinlich als etwas grob oder ggf. sogar als begriffsstutzig erleben. Gleichermaßen bemerken sie aber auch unmittelbar, wenn wir souveräner, deutlicher oder klarer werden wollen, um das Kommunikationsniveau zu verbessern. 

Als gefühlsbetonte Wesen, die jederzeit ihren aktuellen Zustand mitteilen, ist Pferden wichtig, gesehen und verstanden zu werden. Nicht selten werden sie uns wahrscheinlich als etwas grob oder ggf. sogar als begriffsstutzig erleben.


  • Problemlösung
    Pferde sind in der Lage, Probleme zu lösen – insbesondere dann, wenn sie eine Belohnungs- oder Futtererwartung haben. In Experimenten haben Pferde gezeigt, dass sie verschiedene (und überraschend kreative) Wege ausprobieren, um ein Ziel zu erreichen. Das Öffnen von Verschlüssen oder das geschickte Umgehen von Hindernissen sowie das ausdrucksstarke und anpassungsfähige Kommunizieren mit Menschen, um diese von ihrer Motivation zu überzeugen, sind ohne Schwierigkeiten machbar. Dies gilt auch für Exemplare, die sich ansonsten im Alltag eher stoisch und unflexibel präsentieren. Um ihr breitgefächertes Repertoire an Problemlösestrategien zu zeigen, brauchen die Tiere offenbar ausreichend Anreize. Aus einer intrinsischen Motivation heraus zeigen sie ihre Ambitionen eher selten bis nie. Auch hat sich gezeigt, dass Intelligenz trainierbar ist. Wer seinen „phlegmatischen Wallach“ also in dessen Gleichgültigkeit zu schätzen weiß, der sollte es nicht auf die Spitze treiben. Wird er „aufgeweckt“ und auf den Geschmack gebracht, stehen die Chancen gut, dass er herausgefordert werden will.

  • Selbsterkenntnis
    Es gibt deutliche und nicht wegzudiskutierende Hinweise darauf, dass Pferde fähig dazu sind, ihr Spiegelbild zu erkennen. Demnach haben sie sehr wahrscheinlich ein Ich-Gefühl. Das bedeutet, dass sie sich darüber im Klaren sind, dass sie unabhängig von anderen Lebewesen existieren. Die meisten anderen Tierarten sind sich nach aktuellem Erkenntnisstand darüber nicht bewusst. Zwar gibt es bislang keine großangelegte Studie dazu, weil der übliche Spiegeltest nur bedingt aussagekräftig ist, aber etliche Pferde haben ihn bereits mit Leichtigkeit und Eindeutigkeit bestanden. Wenn Pferde ein Ich-Gefühl bzw. ein Selbstbewusstsein haben, dann sollte diese Erkenntnis im Zusammensein mit ihnen zukünftig beachtet werden. Die Tiere sind viel mehr als ihre Instinkte. Sie besitzen eine individuelle Persönlichkeit, der sie Ausdruck verleihen wollen. Was spricht dagegen, ihnen dies zuzugestehen?

  • Zeichen und Symbole
    In Studien konnte nachgewiesen werden, dass Pferden Zeichen und Symbole lernen können. Visuelle Symbole werden von den meisten Pferden sehr schnell erfasst, wenn diese ihnen ermöglichen, zwischen Futteroptionen zu wählen. Sind die Zeichen oder Symbole besonders klar bzw. kontrastreich, dann fällt ihnen die Unterscheidung noch leichter. Neben Helligkeit/Dunkelheit und Kontrasten sind die Tiere auch fähig, geometrische Formen wie Kreise, Dreiecke, Quadrate und sogar Pfeile oder Kreuze auseinanderzuhalten. Ihre Fähigkeit, Symbole zu erkennen, hängt allerdings stark von ihrer Erfahrung ab. Erst durch wiederholende Mustererkennung bauen sich Assoziationen auf.

  • Zeitgefühl
    Pferde haben ein ausgeprägtes Gefühl für Zeit und Routinen. In den letzten Jahren ist das Thema zunehmend wissenschaftlich untersucht worden. Studien haben gezeigt, dass Pferde empfindlich auf den Wechsel von Tag und Nacht reagieren und ihre Aktivitäten wie Fressen, Ruhen und Bewegung in regelmäßigen Mustern verteilen. Darüber hinaus sind die Tiere in der Lage dazu, kurze Zeitintervalle wahrzunehmen und zu unterscheiden. Experimente haben verdeutlicht, dass sie auch zwischen verschiedenen Zeitintervallen unterscheiden können und darauf basierend fähig sind, Entscheidungen zu treffen. Jede:r Reiter:in wird zudem bestätigen, dass Pferde häufig Erwartungshaltungen bei wiederkehrenden Ereignissen entwickeln. Werden sie beispielsweise immer zur gleichen Zeit gefüttert oder bewegt, zeigen sie häufig, dass sie diese Zeiten antizipieren können. Für den Umgang und das Training ist besonders wichtig zu berücksichtigen, dass Stress die Zeitwahrnehmung von Pferden negativ beeinflusst. Die Forschung konnte nachweisen, dass gestresste Pferde eine erhöhte Herzfrequenz aufweisen und ihre Zeitwahrnehmung gestört ist, was sich in der Folge durch verzögerte Reaktionen auf Reize äußert.
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© Image by Ludovic from Pixabay

Intelligenz und Sensibilität bedingen einander

Ein Blick auf die Sozialintelligenz von Pferden zeigt deutlich, wie komplex sich alleine die Herdendynamik gestalten kann, die wir bis heute nicht in ihrer Gänze begriffen haben. Die Kommunikationsstrukturen sind derart differenziert, zuverlässig und vielfältig, dass wir sie noch lange nicht entschlüsselt haben. Uns können Pferde hingegen mit Leichtigkeit durchschauen. Treffsicher ordnen sie menschliche Emotionen (und deren Folgen) ein und sind fähig, sich auf diese einzustellen bzw. ihr Verhalten anzupassen. So sind etliche Pferde in der Lage dazu, eine beruhigende Präsenz anzubieten, wenn sie Angst oder Stress bei ihrem Gegenüber wahrnehmen. Die Beziehungsstruktur der sozialen Bindungen kann so tief sein, dass Pferde nachweislich Anzeichen von Trauer zeigen, wenn ein ihnen vertrauter Artgenosse oder Mensch nicht mehr Teil ihrer Lebenswirklichkeit ist. Verluste können Pferde sehr bewegen und prägen.  

Insgesamt machen die aufgeführten Erkenntnisse deutlich: Mit den Fähigkeiten der Pferde im Kopf ist es notwendig, das Training und den Umgang mit ihnen so zu gestalten, dass ihre Intelligenz und Sensibilität respektiert und gefördert werden. Wenn wir Pferde als die intelligenten und emotional komplexen Wesen anerkennen, die sie sind, können wir ihre Lebensqualität erheblich verbessern und eine tiefere Verbindung zu ihnen aufbauen. Sie sind denkende, fühlende Wesen mit einer reichen inneren Welt, die es verdient, respektiert und verstanden zu werden. Die Wissenschaft beginnt gerade erst, die Tiefe dieser Intelligenz vollständig zu erfassen.