Kairo. Das Brustgeschirr meines Schimmels scheppert und klingelt bei jedem Schritt wie bei einer orientalischen Bauchtänzerin. Als wenig später das Signal zum Galopp, ein anfeuerndes „Yalla Yalla“, zu hören ist, prescht mein reinblütiger Araberwallach aus dem Stand los … Schnell lassen wir die Pyramiden von Gizeh im gestreckten Galopp hinter uns.
Auf unserem Ritt begegnen wir bunt bemalten Kutschen und mehreren Kamelkarawanen, auf denen sich überforderte Touristen in kurzen Hosen und Sandalen verkrampft an das Sattelhorn klammern. Von einer Anhöhe haben wir nicht nur die Pyramiden im Blick, sondern auch die Millionenstadt Kairo, die sogenannte „Umm el Dunya“: Mutter der Welt.
Obschon die übermächtige Größe der Pyramiden beeindruckend ist, merke ich, wie meine Begeisterung „wandert“: weg vom siebten Weltwunder hin zu meinem Schimmel.
An der Westbank: wie im Dorf
Luxor. Nach dem einstündigen Flug trifft unsere neunköpfige sowie internationale Frauenrunde abends auf die Britin Emma Jane Levin. Die Besitzerin von Ride Egypt leistet uns beim Essen Gesellschaft und erzählt von Gründung, Verlust und Wiederaufbau des Unternehmens und ihrem Herzenspferd, dem Rapphengst Belal, mit dem alles begann … Tags darauf zeigt sie uns Stall, Weiden und Sattelkammer, wo einige besonders schön verzierte Sättel auf ihren Einsatz warten. Danach geht es los: Mein sechsjähriger schwarzer Hengst Hamza ist ein Mix aus Englischem Vollblut und Araber. Hengstmanieren kennt er keine. Als wir an einer Engstelle von einer Reiterin im Galopp überholt werden und ich ihn ausweichend auf eine Böschung dirigiere, bleibt er überraschend gelassen. Hamza ist leichtrittig, weich im Maul und reagiert sofort auf Schenkel und Stimme. Die Guides, wie Yousef und Tommy, kümmern sich nicht nur bestens um die Pferde, sondern auch um uns. Yousef, der an einem Tag eine vierjährige Stute reitet, die kaum fünf Meter Schritt gehen kann – sie piaffiert und cantert in Zeitlupe – zeigt an diesem Tag Pferdefachverstand und Einfühlungsvermögen.
Wir reiten durch die Straßen und Dörfer an der Westbank, des dörflichen Teils von Luxor, wo sich unser Hotel befindet. Auf einige Hausfassaden sind Flugzeuge, Kamele, Eisenbahnzüge, Betende und sogar die Kasbah gepinselt, als Zeichen dafür, dass sich ein Bewohner auf dem Hadsch, der Pilgerreise nach Mekka, befindet. Wir passieren von Pferden gezogene Karren, die Unmengen an Zwiebel, Knoblauch oder geschnittenes Schilf geladen haben. Mopeds knattern an uns vorbei, ab und an ein Auto. Am Wegesrand angebundene Esel warten schicksalsergeben auf den nächsten Arbeitsauftrag, während daneben die Wäsche zum Trocknen im Wind flattert. Immer wieder stehen Kinder winkend in Hauseingängen oder rufen uns aus Fenstern und Balkonen ein „Hello!“ entgegen.
Die Berge bleiben für uns unerreichbar - sie dienen lediglich als hübscher Fotohintergrund. © Carola Leitner
Zwischen Fotostopps & Kulturhighlight
Nach zwei Tagen wird mir ein neues Pferd zugeteilt. Mit dem siebenjährigen Rapphengst Drago reite ich weiter vorne, gleich hinter der Amerikanerin Amy und ihrem Ramses. Die Tatsache, dass der Fliegenschimmel ebenfalls ein Hengst ist, scheint niemanden zu irritieren – außer mich. Aber da Drago gut zu kontrollieren ist und ich ohnehin für Abstand sorge, klappt es bis auf einen glimpflich verlaufenden Zwischenfall, bei dem Ramses etwas die Nerven verliert, gut. Am Nachmittag steht ein Ritt in den Bergen auf dem Programm – als dieser auf einem wüstenartigen Plateau endet, bin ich enttäuscht, denn die Berge bleiben weit entfernt und dienen nur als majestätischer Bildhintergrund. Nach dem obligaten Sonnenuntergangs-Hugging und Arme-in-die-Höhe verzichte ich bei allen weiteren Fotostopps auf Posing und Bilder … andere Reiterinnen genießen die sorgfältig von den Guides orchestrierten Shootings mehr als ich.
Als wir am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang losreiten, um die Heißluftballone aufsteigen zu sehen, werden meine Reitkolleginnen erneut samt Pferd Social-Media-tauglich in Szene gesetzt. Ich beobachte währenddessen eine Gruppe Männer, die ebenso hektisch wie erfolglos versuchen, einen am Boden dahin wabernden Ballon in die richtige Lage zu zerren. Bis auf diesen entschweben alle der riesenhaften Ballone direkt über unsere Köpfe hinweg in das nahe Tal der Könige.
Pling-pling-pling. In der WhatsApp-Gruppe klingelt es im Sekundentakt. Es gilt wieder einmal Eintrittskarten online zu kaufen. Das Karten-Kaufen ist aufgrund des schlechten Wlans eine aufreibende Angelegenheit. Nach zwanzig Minuten erfolglosem Bemühen schreibe ich entnervt an Gemma, Emmas rechte Organisationshand, die fortan alle weiteren Ticketkäufe übernimmt. Dass die Tickets nicht im hochpreisigen Gesamtpaket enthalten sind, ebenso wie das fix vorgegebene Trinkgeld, ist eine andere Geschichte. Tahib, unser Guide in Luxor, begleitet uns zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie den riesigen Totentempel von Hatschepsut, das Tal der Könige, wo drei Gräber besucht werden, oder den Karnak-Tempel. Letzteren erreichen wir nach einer Nil-Bootsfahrt mit Abendessen, wo während einer nächtlichen Sound und Lichtshow die Geschichte des Tempels erzählt wird.
Poor Sunshine …
Hurghada. Nach dem ersten Frühstück im Hotel, das direkt am Strand liegt, bereiten sich April und die Schwestern Shannon und Natasha für das gebuchte Shooting vor. Sie tragen lange, weich fließende Kleider in Wunschfarbe und galoppieren vor dem Fotografen am Strand auf und ab. Dazwischen gibt es Kommandos für Wallach Prince und Guide Tommy: Prince steigt und Tommy wirft den Stoff des Kleides, das dem Wallach weit über die Hinterhand fließt, in die Höhe … Nach dem Mittagessen werden wir zum Stall gebracht. Der mir zugedachte Braunschecke Sunshine ist so hart im Maul, dass ich beim ersten Fotostopp, die anderen im Schritt umkreise, da ich die Stute nur unter Gewaltanwendung zum Stehen bringen könnte.
Während andere Reiterinnen mit der Pferdezuteilung mehr Glück haben, macht der Ritt auf der abgestumpften Sunshine keine Freude. Darüber hinaus wirken die Ritte wenig abwechslungsreich und haben meist nur das Erreichen des nächsten Video- und Fotospots zum Ziel. Für mich ist dieser Fokus suboptimal, da mir trotz Kulturprogramms etwas Wesentliches fehlt. Ich versuche es der Stute so angenehm wie möglich zu machen und lasse die Zügel lang. Auch vom Stall gibt es wenig Schönes zu berichten: Ein Fohlen hat eitrigen Nasenausfluss, ein anderes Pferd ein entzündetes Auge. Und die „Reiter:innen“? In FlipFlops, kurzen Hosen, ohne Helm. Sie fallen den Pferden beim Aufsteigen in den Rücken, reißen an den Zügeln – kurzum: Das Pferd ist Fotoobjekt am Strand, reiterliches Können Fehlanzeige.
Kann zugebucht werden: Fotoshooting am Strand mit steigendem Pferd und wehendem Gewand. © Carola Leitner
In Hurghada findet an einem reitfreien Tag, das als Zusatz gebuchte, Delphinschwimmen statt, an dem ich, verkühlt, nicht teilnehme. Der hohe Preis suggeriert: kleines Boot, wenige Menschen, fantastisches Naturerlebnis. Die Realität liefert das Gegenteil: zu viele große Boote, noch mehr Menschen und in die Enge getriebene Delfine. Meine Reitkolleginnen sind entsetzt. Natasha hat einen Tour-Mitarbeiter gefilmt, wie er sich an der Rückenflosse eines Tieres festhält und durchs Wasser ziehen lässt. Das Berühren der Delfine ist aus vielerlei Gründen verboten, u. a. haben sie empfindliche Haut, die durch einen Fingernagel schnell verletzt werden kann. Mittlerweile ist uns klar, dass dieser Trip online für einen Bruchteil des von uns vorab verlangten Preises angeboten wird – ich bin froh, im Hotel geblieben zu sein.
Preisverdächtig?
Ride Egypt wurde wiederholt von Tripadvisor ausgezeichnet, preiswürdig ist dieser Ritt – vor allem wegen des Kooperationsstalls in Hurghada – leider nicht. Und das ist schade, da so auf Emmas gut ausgebildete Pferde und Guides wie Yousef und Tommy ein Schatten fällt. Wer buchen will, sollte einen der Ritte wählen, bei denen ausschließlich Emmas Pferde zum Einsatz kommen.
Abzocke
Als einige einen Sonnenaufgangsritt planen, wollen wir für ein Pferd vom miesen Touristen-Stall keine 88 Euro an Gemma überweisen. Wir reservieren online günstiger bei einem anderen Stall mit guten Bewertungen. Als ich sehe, wie die mir zugeteilte Stute autistisch den Kopf auf und ab bewegt, schwant mir Übles. Ich kann Leyla kaum in den Canter treiben – und will es nach dem ersten Mal auch nicht mehr. Als der Guide wissen will, wie ich mein Pferd finde, sage ich ausweichend: „Sleepy and slow.“ Das harte Maul und die Abgestumpftheit des armen Tieres spreche ich nicht an. Er fragt, ob ich zum ersten Mal reiten würde. Ich verneine lachend. Er lässt nicht locker und erklärt, dass es ein gutes Pferd sei und ich wohl einfach nicht gut genug reiten würde. Ich habe keine Lust auf das Gespräch und beende es mit: „Maybe she just had a bad dream yesterday.“
Auf dem Weg zurück zum Stall verliert Natasha im Galopp ihre Satteldecke. Sie ist ob der gefährlichen Situation stinksauer, zudem hat sie den Guide mehrfach und erfolglos um eine Gurtkontrolle gebeten. Doch noch unglaublicher ist der Umstand, dass er nun der Reiterin die Schuld in die Stiefel schiebt.
Nach dem Frühstück plantschen wir ein letztes Mal mit den Pferden von Emmas Kooperationsstall ohne Sattel im Meer. Der sattellose, direkte Kontakt zu meiner wendigen Schimmelstute, die freudig durch die Wellen pflügt, stimmt mich versöhnlich.
Das für den letzten Tag gebuchte Fotoshooting sagen meine Reitfreundin Marion und ich ab. Denn mittlerweile wissen wir, dass der von Ride Egypt verlangte Preis von 220 Dollar nahe am Wucher schrammt. Am Strand zahlt man für ein fotogen aufgebretzeltes Kamel wohlfeile 10 Dollar, für jedes übermittelte Foto weitere 5-10 Dollar und das Kleid ist inklusive.
Wir genießen den letzten Tag im alten Bazar: kaufen süße Basbousa, probieren Beduinen-Kaffee und staunen über abgeschnittene Hammelköpfe und frisches Engelshaar für Baklava. Zum Abschluss gönnen wir uns im Hotel noch ein Kamelsteak. Denn fürs Ärgern haben wir nicht bezahlt.
Palmen, Pyramiden und Pharaos - Reiseinfos
Reiseinfo: Anreise und Aufenthalt
Anreise: Hinflug nach Kairo, Rückflug von Hurghada
Dauer: 8 Tage, davon 7 Reittage
Reisezeit: Mai bis Ende Oktober
Verpflegung & Unterkünfte: Vollpension und Wasser inklusive; Nächtigungen in Hotels
Route: In Kairo startet die Reise mit einem Ritt bei den Pyramiden und dem Grand Egyptian Museum. Danach geht es für vier Tage nach Luxor (1 h Flug), wo täglich geritten und der Totentempel von Hatschepsut, das Tal der Könige, das Luxor Museum sowie Luxor-, Habu- und Karnak-Tempel besucht werden. Im Minibus (3,5 h) geht es für zwei weitere Tage nach Hurghada, wo ein Ritt und am letzten Tag Schwimmen mit den Pferden auf dem Programm stehen.
Voraussetzungen: für erfahrene Reiter:innen, die sicher in allen Gangarten sind, pro Tag ca. 2-3 Stunden im Sattel
Zusatzkosten: Luxor-Inlandsflug, Eintritte für Museen und Tempel sowie Flughafentransfers; Trinkgeld-Fixum (ca. 130 Euro)
Pferde & Co: Araber, Araber-Mix, Baladi; englische Sättel
Reitführung: Englisch
Kosten: ca. 2770 Euro pro Person im Doppelzimmer
Buchen: www.rideegypt.com