INTERVIEW

„Wir sind nicht nur Sponsor – wir sind Partner des Sports“

Ein Artikel von Ernst Kopica | 05.10.2026 - 11:07

Anlässlich der Global Champions Tour vor dem Schloss Schönbrunn besuchte auch Patrick Aoun, der CEO von Longines, die Bewerbe. Der weltweit tätige Uhrenhersteller ist seit vielen Jahren bei den wichtigsten Pferdesportevents präsent, und die Pferderevue nutzte die Gelegenheit für ein Interview mit seinem Chief Executive Officer, der seit 2025 an der Spitze des Schweizer Uhrenherstellers steht. Der gebürtige Libanese spricht fließend Englisch, Französisch und Arabisch. Für die Pferderevue führte Ernst Kopica gemeinsam mit Fotografin Helene Iljazovic im Parkhotel Schönbrunn das Interview.

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Helene Iljazovic

Pferderevue: Was sind die historischen Wurzeln von Longines im Reitsport?

Patrick Aoun: Die Wurzeln reichen bis in die späten 1880er-Jahre zurück. Die allererste Zeitmessung einer Reitsportveranstaltung war 1881 bei Pferderennen in New York. Das verdankten wir einem Chronographen, den wir erstmals 1878 entwickelt hatten. Das Uhrwerk dieses Chronographen war in einer silbernen Taschenuhr untergebracht, und auf dem Gehäuseboden hatten wir – noch bevor wir überhaupt eine Beziehung zu Zeitmessungs-Events hatten – ein Pferd und einen Jockey eingraviert. Die Beziehung zur Reitsportwelt ist also tief in unserem Wesen verwurzelt. Im Laufe der Unternehmensgeschichte haben wir Anfang des 20. Jahrhunderts auch Springreitbewerbe gemessen.

Nun fragen Sie zu Recht: „Warum Reitsport?“ Ich halte es für wichtig, dass wir an unsere Werte denken, denn was wir tun, muss wirklich widerspiegeln, wer wir sind. Es muss perfekt zusammenpassen. Wenn wir an Longines denken, denken wir an drei Hauptpfeiler und Werte: Nummer eins ist Tradition. Nummer zwei ist Eleganz und Nummer drei ist Performance, also Leistung.

Wenn wir an diese drei Werte denken, finden wir sofort dieselben gemeinsamen Werte in der Reitsportwelt wieder – und insbesondere beim Springreiten. Der Grund, warum wir heute hier sind. Es geht um Leistung, es geht um Eleganz, und für mich ist es auch sehr wichtig, was das Pferd als Tier symbolisiert. Für mich ist das Pferd ein Tier, das loyal ist, das stark ist und das immer vorwärts trabt. Man sieht nie ein Pferd rückwärts traben. Als Mentalität oder Symbolik steht es also für das Vorwärtskommen, das Überspringen von Hindernissen, Eleganz bei dem, was man tut, sowie Leistungsfähigkeit und Effizienz. All diese Werte passen perfekt zu dem, wer wir sind. Deshalb haben wir eine perfekte Übereinstimmung zwischen dem Reitsport und Longines gefunden, und deshalb machen wir das nun schon seit fast 150 Jahren.

Pferderevue: Und mit welchen anderen Sportarten hat Longines Partnerschaften?

Patrick Aoun: Derzeit haben wir auch Partnerschaften im Skisport. Wir messen Skiveranstaltungen seit mehr als 100 Jahren. Und dieses Jahr haben wir auch die Commonwealth Games in Glasgow gemessen, wo 3.000 Athleten angetreten sind. Das sind also die Hauptsäulen an Sportarten, in denen wir engagiert sind. Historisch gesehen hat Longines jedoch viele Sportarten abgedeckt, darunter zum Beispiel auch den Motorsport. Wie Sie wahrscheinlich wissen, war Longines zwischen 1982 und 1991 der offizielle Zeitnehmer aller Formel-1-Rennen. Wir blicken also auf eine lange Geschichte der Zeitmessung in verschiedensten Sportarten zurück – von Ski- über Reitsport und Motorsport bis hin zu Turnen und vielen anderen.

Pferderevue: Und wie funktionieren diese Partnerschaften? Würden Sie sagen, es sind Sponsoringverträge, Marketing-Kooperationen, Werbeaktivitäten oder etwas anderes?

Patrick Aoun: Wissen Sie, wir werden nicht besonders gerne einfach nur als „Sponsor“ wahrgenommen. Denn meiner Meinung nach kann jeder ein Sponsor sein, aber nicht jeder kann ein Zeitnehmer sein. Was wir tun, ist: Wir sind ein Dienstleister. Wir bringen die Zeitmessung zu den Veranstaltungen, wir bringen unsere Expertise ein. Diese Expertise ist tief in uns verwurzelt, weil Longines 1878 den Chronographen erfunden hat. Im weiteren Verlauf haben wir diese Chronographen weiterentwickelt und verbessert, um 1911 auf eine Zehntelsekunde genau und 1916 auf eine Hundertstelsekunde genau zu messen.

Zu sagen, wir seien nur ein Sponsor, schmälert daher unsere Rolle und den Wert, den wir dem Sport bringen. Deshalb sehe ich Longines eher als echten Partner – als Partner, der dem Sport einen Mehrwert bringt, und als Partner, der Expertise einbringt. Ein Partner, dem Athleten, Verbände, Sportorganisationen und Zuschauer vertrauen können. Sie können sich darauf verlassen, dass die von uns gelieferten Zeiten und Daten stimmen, weil wir seit 150 Jahren ein vertrauenswürdiger Partner bei Zeitmessungen sind.

Es ist also viel mehr als nur Sponsoring. Und natürlich gibt es zusätzlich zu all dem noch die Sichtbarkeit, die Medienpräsenz, die Aktivierung und das, was ich Erlebnisse nenne, die man mit Geld nicht kaufen kann. Nehmen Sie zum Beispiel die Parcoursbegehung vor einem Fünf-Sterne-Springreiten. Wenn wir mit unseren Gästen und den Parcoursbauern den Parcours begehen und erklären, wie der Sport funktioniert – das nenne ich ein Erlebnis, das man mit Geld nicht kaufen kann. Und das bieten wir unseren Partnern, Konsumenten und Medienpartnern durch unsere Sportpartnerschaften.

Pferderevue: Aber Ihr Unternehmen ist ein kommerzielles Unternehmen und Sie müssen Geld verdienen. Wie messen Sie den Ertrag dieser Aktivitäten im Sport?

Patrick Aoun: Natürlich braucht jede Investition eine Rendite. Wenn wir kurzsichtig wären – also nach einem Event zwei Tage später analysieren würden, ob die Verkäufe gestiegen sind –, wäre das meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Der Ansatz muss langfristig sein, indem man ein Vermächtnis aufbaut.

Wenn man ein Vermächtnis aufbaut und die Leute wissen, dass man eine vertrauenswürdige Marke ist, dann sagen sie: „Ich weiß, dass Longines eine Marke ist, der ich vertrauen kann. Wenn sie Zeitnehmer bei globalen internationalen Events sind, weiß ich, dass ihre Uhren zuverlässig sind. Ich weiß, dass ich ihre Uhren kaufen kann und mit der Präzision und Qualität zufrieden sein werde.“

Was die Verkäufe angeht, erfordert die Rendite also Geduld. Denn der Aufbau von Vertrauen geschieht nicht über Nacht, das braucht Zeit. Ein solches Vermächtnis aufzubauen ist das, was wir seit über 150 Jahren tun. Und natürlich hat es sich ausgezahlt. Andernfalls gehörten wir heute nicht zu den zehn größten Marken der Welt. Es hat sich also definitiv ausgezahlt, denn wir genießen eine sehr solide kommerzielle Position – in den Köpfen der Menschen und in den Geschäften der Händler.

Pferderevue: Sie haben Botschafter im Sport, etwa den Springreiter Christian Kukuk, sehr bekannt und hoch dekoriert. Welche Rolle spielen diese Botschafter für Ihr Unternehmen?

Patrick Aoun: Für mich gilt bei Botschaftern zuallererst: Wir binden uns nicht wahllos an irgendjemanden, selbst wenn die Person super erfolgreich ist. Wonach wir suchen, sind gemeinsame Werte. Wir suchen nach Authentizität in der Beziehung. Denn wenn die Beziehung aufgesetzt ist oder wie ein Mitläufer-Ansatz wirkt, dann ist es nicht mehr authentisch.

In der Beziehung zu unseren Botschaftern suchen wir also Authentizität. Können sich diese Menschen wirklich mit dem identifizieren, wofür wir stehen? Sprechen sie wirklich unsere Sprache? Haben wir eine gemeinsame Kultur? Verkörpern sie wirklich „Eleganz ist eine Haltung“, so wie wir es formulieren? Die Beziehung wird also durch gemeinsame Werte bestimmt; das ist das Kriterium Nummer eins.

Nummer zwei ist natürlich, dass sich diese Menschen bei uns zu Hause fühlen müssen. Teil von Longines zu sein, ist nicht nur ein Vertrag auf dem Papier. Sie müssen im Herzen spüren, dass die Marke sie anspricht, sodass wir eine gemeinsame Sprache sprechen.

Pferderevue: Sie haben die Zeitmessung erwähnt, die Hauptaufgabe bei Sportveranstaltungen. Wie wichtig ist die Zeitmessung beim Springreiten? In erster Linie geht es natürlich um die Fehlerpunkte.

Patrick Aoun: Ich halte sie für sehr wichtig. Ja, man hat die Berechnung der Fehlerpunkte, aber wie Sie auch sehr gut wissen, geht es im Stechen um die Fehlerpunkte und die Zeit. Und selbst in der ersten Runde muss man den Parcours innerhalb einer bestimmten Sekundenzahl beenden. Man hat nicht unendlich Zeit, da man auch mit einem Strafpunkt belegt werden kann, wenn man die erlaubte Zeit überschreitet.

Zeit ist also essenziell. Und tatsächlich erzeugt die Zeit Druck auf die Leistung, denn Fehler entstehen oft durch den Druck, der Schnellste oder Beste in der Klasse sein zu wollen.

Meiner Meinung nach verlieren viele Sportarten ohne die Komponente Zeit ihre Schärfe und die Emotion des Nervenkitzels beim Siegen. Denn wogegen tritt man an, wenn es keine Zeit gibt? Wogegen konkurriert man?

Pferderevue: Zum Beispiel in der Dressur, wo es nur die Richter gibt, richtig?

Patrick Aoun: Ja, genau. Es gibt einige solche Sportarten, aber genau deshalb sind wir stärker im Springreiten engagiert – weil beim Springreiten der Zeitfaktor essenziell ist.

Pferderevue: Und haben Sie spezielle Lösungen für die Zeitmessung beim Springreiten, und wie funktioniert das?

Patrick Aoun: Ja, absolut. Nicht nur beim Springreiten, sondern auch bei Galopprennen. Als Beispiel: 2018 haben wir beim Royal Ascot Meeting zum ersten Mal das sogenannte LPS eingeführt, das „Longines Positioning System“. Was bedeutet das? Heute ist Zeitmessung interaktiver. Wir möchten, dass die Zuschauer während des gesamten Wettkampfs mitfiebern können – und nicht nur beim Start zusehen und bis zur Ziellinie nicht wissen, was passiert. Das LPS-System bestimmt die Position jedes Pferdes – bezogen auf Flachrennen – zu jedem beliebigen Zeitpunkt während des Rennens.

Pferderevue: Wenn man also im Fernsehen zuschaut und die rote 1 und die blaue 2 sieht, wie sie die Plätze tauschen – das geht auf Longines zurück?

Patrick Aoun: Ja, ganz genau. Es gibt vielleicht auch andere, die das machen, aber das LPS wurde 2018 von Longines bei Royal Ascot eingeführt. Die Positionsbestimmung, die verstrichene Zeit, die verbleibende Zeit – all das wurde von uns eingeführt.

Wenn Sie sich heute oder dieses Wochenende die Springreiten-Events ansehen, sehen Sie auch Zwischenzeiten. Sie sehen, wie jeder Teilnehmer im Vergleich zum Führenden liegt – nicht nur vom Start bis zum Ziel, sondern auch an den Zwischenmesspunkten. Das ist eine Möglichkeit, die Zuschauer einzubinden. Diese Systeme haben wir, wir setzen sie ein und suchen immer nach noch besseren Lösungen.

Zum Beispiel die Technologie des „Schattenpferdes“ („Shadow Horse“). Ein Pferd springt einen Parcours, aber wie sieht der perfekte Parcours aus? Einem Interessierten oder Zuschauer können wir mit diesem Schattenpferd den perfekten Parcourslauf einblenden. Man vergleicht den tatsächlichen Sprung mit dem Schatten und sieht sofort: Ist er dahinter? Ist er voraus? Ist er wirklich auf Kurs zur Bestzeit? All das sind Technologien, über die wir verfügen.

Pferderevue: Herr Aoun, vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch – selbst für einen langjährigen Renn- und Reitsportjournalisten wie mich. Ich berichte seit 40 oder mehr Jahren über diesen Sport. Es war wirklich sehr interessant, und ich wünsche Ihnen viel Erfolg für diesen Abend, für Ihr Unternehmen und für die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen und Ihrer Firma.

Patrick Aoun: Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen. Danke, dass Sie hier bei uns sind.