Das Bild des Pferdesports wird heute maßgeblich durch das Bild des Pferdes geprägt. © FEI | Benjamin Clark
Der Pferdesport steht weltweit unter wachsender Beobachtung. Seine sogenannte „Social Licence to Operate“ – die gesellschaftliche Akzeptanz für den Einsatz von Pferden im Sport – gerät zunehmend unter Druck. Tierschutzdebatten, medienwirksame Kontroversen und kritische Diskussionen in sozialen Netzwerken haben die Erwartungen der Öffentlichkeit verändert. Transparenz, ethisches Handeln und ein glaubwürdiges Bekenntnis zum Pferdewohl werden heute stärker eingefordert denn je.
Prominente Vorfälle wirken in dieser Entwicklung als Brandbeschleuniger. Man denke nur an die öffentliche Empörung über Szenen beim Modernen Fünfkampf der Olympischen Spiele 2021 in Tokio, die letztlich dazu führten, dass das Reiten ab 2028 gänzlich aus der Disziplin gestrichen wird.
Auch die Suspendierung der britischen Dressur-Olympiasiegerin Charlotte Dujardin unmittelbar vor den Olympischen Spielen 2024 wegen des viel diskutierten Peitschen-Videos verdeutlichte, wie schnell Imageschäden für den Pferdesport entstehen können.
Dankbarkeit gegenüber dem Pferd kam bei den Studienteilnehmer:innen gut an - vorausgesetzt, der Ausdruck des Pferdes hinterließ einen positiven Eindruck. © FEI | Benjamin Clark
Pferdewohl rückt in den Fokus der Bildbetrachtung
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Bedeutung, welche Bilder den Pferdesport in der Öffentlichkeit repräsentieren. Eine aktuelle Studie zur Wahrnehmung von Fotos der Olympischen Reiterspiele 2024 in Paris zeigt nun, dass Pferdesportfans Bilder zunehmend durch die Brille des Pferdewohls betrachten.
Für die Untersuchung analysierten Forschende die Reaktionen von 514 Pferdesportinteressierten auf 30 ausgewählte Fotos aus Dressur, Springen und Vielseitigkeit. Die Bilder stammten aus einem Pool von mehr als 4.700 Aufnahmen, die während der Olympischen Spiele in Versailles entstanden waren.
Das zentrale Ergebnis: Die Befragten betrachteten die Fotos nicht als neutrale Sportaufnahmen, sondern als Ausdruck der Werte und Praktiken des Pferdesports. Besonders positiv bewertet wurden Bilder, die eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Pferd und Reiter zeigten – etwa durch sichtbare Anerkennung, Fürsorge oder harmonische Kommunikation.
In der Vielseitigkeit schätzten die Studienteilnehmer:innen durchaus die typischen spektakulären Momente, die den Vielseitigkeitssport letztlich auch ausmachen. Doch gleichzeitig achteten sie sehr genau auf Anzeichen von Ermüdung beim Pferd, das Equipment sowie pferdegerechtes Reiten. © FEI | Benjamin Clark
Der kritische Blick auf Reiter, Pferd und Ausrüstung
Große Aufmerksamkeit schenkten die Teilnehmer zudem der Körpersprache der Pferde. Entspannte Ohren, ein weicher Gesichtsausdruck und ein gelassener Gesamteindruck wurden als positive Signale gewertet. Bilder von angespannten, müden oder offensichtlich eingeschränkten Pferden hingegen lösten häufiger Kritik aus.
Auch die Einwirkung des Reiters spielte eine wichtige Rolle. Feine Hilfen, eine ausbalancierte Sitzposition und ein harmonisches Erscheinungsbild wurden positiv wahrgenommen. Sichtbar starker Zügelkontakt, Sporengebrauch oder andere als unangenehm empfundene Einwirkungen wirkten sich negativ auf die Bewertung aus.
Ebenso kritisch betrachteten viele Befragte die Ausrüstung. Nasenriemen, Kandaren, Martingale oder Schaum am Maul wurden häufig genau analysiert und konnten den Gesamteindruck eines Bildes deutlich beeinflussen.
Dressurfotos wurden besonders stark im Hinblick auf Biomechanik, die Kopf-Hals-Haltung des Pferdes und die Ausrüstung beurteilt. © FEI | Benjamin Clark
Andere Disziplinen, andere Maßstäbe
In der Dressur lag der Fokus auf der Biomechanik, der Kopf-Hals-Position und der Rolle der Richter. Die Teilnehmer:innen äußerten Unbehagen über Bilder, die Pferde hinter der Senkrechten, mit verspanntem Hals oder übertriebenen Bewegungen in Verbindung mit sichtbarer Anspannung zeigten. Anders als in anderen Disziplinen wurden Dressurbilder häufig als Beleg für systemische Probleme interpretiert, insbesondere dort, wo fehlerhafte Bewegungen als belohnt wahrgenommen wurden.
Im Springen gab es eine höhere Toleranz gegenüber Anstrengung und kurzzeitiger Anspannung, sofern der Reiter fair und das Pferd willig erschien. Athletik und dynamische Aktionen wurden geschätzt – allerdings nur, wenn sie mit deutlichen Zeichen von Fürsorge und Anerkennung einhergingen.
Ähnlich verhielt es sich bei den Bildern aus der Vielseitigkeit, insbesondere im Gelände – wenngleich Risiko und Erschöpfung eher als disziplinbedingt akzeptiert wurden. Dennoch blieben die Studien-Teilnehmer:innen sensibel für Anzeichen von Stress, unsicheren Landungen oder übermäßiger Risikobereitschaft und hinterfragten die ethischen Grenzen von Tapferkeit und Spektakel.
Sitzt die Reiterin balanciert im Sattel? Was macht der Unterschenkel? Ist die Verbindung zum Pferdemaul fein? Die Ausrüstung fair? Diese Punkte wurden bei Springbildern genau unter die Lupe genommen. © FEI | Benjamin Clark
Partnerschaft statt Spektakel
Die Untersuchung zeigt, dass selbst spektakuläre sportliche Leistungen für viele Pferdesportfans an Bedeutung verlieren, wenn Zweifel am Wohlbefinden des Pferdes entstehen. Entscheidend ist nicht mehr nur, was ein Pferd leistet, sondern wie es dabei wirkt. Damit werden Fotos zu weit mehr als bloßen Momentaufnahmen: Sie prägen die öffentliche Wahrnehmung des Sports und beeinflussen, ob der Pferdesport als fair, verantwortungsvoll und zeitgemäß wahrgenommen wird.
Für Verbände, Reiter, Fotografen und Medien bedeutet das: Die stärksten Bilder der Zukunft werden nicht zwangsläufig die spektakulärsten sein, sondern jene, die sportliche Leistung und Pferdewohl glaubwürdig miteinander verbinden.