Haltung

Gar nicht wahr: 10 Irrtümer über den Pferdehuf

Ein Artikel von Regina Käsmayr | 04.02.2020 - 12:10
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Weiße Hufe sind nicht schlechter als dunkle, man sieht Veränderungen nur besser. ©www.Slawik.com

1. Weiße Hufe sind schlechter als dunkle

Ist ein Huf weiß, so liegt das daran, dass im Horn keine Farbpigmente enthalten sind. Somit sieht man Druckstellen, Hämatome und andere Veränderungen besser und schneller, die zahlreichen Schauergeschichten über weiße Hufe haben in erster Linie damit zu tun. „Weiße Hufe sind genauso gut oder schlecht wie dunkle Hufe“, weiß Hannes Hofer, Schmiedemeister, Hufschmied und Berufsschullehrer aus Großrußbach in Niederösterreich.
 

2. Der Strahl muss den Boden berühren

Bisher hat man angenommen, der Hufmechanismus entstünde allein dadurch, dass der Strahl und der Ballenpolster unter Belastung zusammengequetscht werden und dadurch der Huf durchblutet werde. Vielmehr scheint es aber so zu sein, dass beim Auffußen äußere Druckkräfte vom Boden her auf alle unteren Teile des Hufes einwirken und von innen heraus das Gewicht des Pferdes das Hufbein leicht nach unten drückt. Berührt der Strahl den Boden nicht, so leiten Tragrand, Sohle und eventuell Eckstreben die Druckkräfte weiter. Das heißt aber noch lange nicht, dass man den Strahl einfach nach Belieben tief ausschneiden darf. Damit nimmt man dem Huf eine wichtige Stoßdämpfung und begünstigt Zwanghufe und Stellungsfehler. Ein gesunder, mittragender Strahl ist also wünschenswert, aber nicht die einzige Voraussetzungen für einen funktionierenden Hufmechanismus. Zusätzlich wird der Strahl im Ballenbereich als Tastorgan verwendet.
 

3. Vorn 45 Grad – Hinten 55 Grad

Laut Fachbuch ist definiert, dass Vorderhufe einen Zehenwinkel von 45 Grad haben, Hinterhufe einen von 55 Grad. In der Realität sind allerdings Abweichungen bis zu 15 Grad völlig normal. Wichtig ist vor allem, dass der Winkel des Hufs mit dem der Fessel übereinstimmt. Der Huf ist für das Pferd auch ein Ausgleichsfaktor, mit dem es unterschiedliche Beinlängen kompensieren kann. Der Huf passt sich auch den unterschiedlichen Belastungen an: So wird ein stark belasteter Huf flacher und breiter und der entlastete Huf enger und steiler. Sowohl bei akuten als auch bei chronischen Verletzungen ist dies immer wieder zu beobachten.

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Ein Ballentritt ist kein Zeichen für gutes Untertreten. © www.slawik.com

4. Ein Ballentreter tritt besonders gut unter

Genau das Gegenteil ist der Fall. Ein fleißig untertretendes Pferd tritt zwar mit den Hinterhufen in die Spur seiner Vorderhufe – oder sogar darüber hinaus – aber erst, wenn der Vorderfuß längst wieder abgehoben hat. Kommt es stattdessen zum berüchtigten Klack-Geräusch, so kann das verschiedene Ursachen haben. Erstens: Das Pferd hat einen extrem kurzen Rücken. Zweitens: Das Pferd ist überanstrengt und müde. Drittens: Es gibt Rittigkeitsprobleme wie das Laufen auf der Vorhand oder einen Reiter, der vorne hält und hinten treibt. Viertens: Die Zehen der Hinterhufe sind zu lang. Fünftens: Die Zehen der Vorderhufe sind zu lang. Dadurch kann das Pferd schlechter abrollen und fußt zeitverzögert ab.


5. Hufrolle ist eine Krankheit

Jedes Pferd hat eine Hufrolle. So wird nämlich die Konstruktion aus Hufbein, Strahlbein, Schleimbeutel und tiefer Beugesehne genannt. Die tiefe Beugesehne kommt vom Karpalgelenk und setzt unten am Hufbein an. Kurz vor dem Hufbein läuft sie über eine Art Umlenkrolle, das Strahlbein, das von einem Schleimbeutel geschützt wird. Deshalb heißt das Ganze auch „Hufrolle“. Krank ist ein Pferd nur dann, wenn es eine Hufrollenentzündung (Podotrochlose) hat. Dabei ist das Konstrukt aus Knochen, Sehne und Schleimbeutel – meist wegen Überbelastung – entzündet. Grundsätzlich können alle Teile der Hufrolle erkranken, Besonders oft ist das Strahlbein betroffen, Veränderungen wie erweiterte Gefäßkanäle sind ein Zeichen dafür.

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Auch Barhufpferde brauchen eine regelmäßige Hufbearbeitung. © www.Slawik.com

6. Barhuf-Pferde laufen genug Horn ab

In freier Wildbahn bei 16 Stunden Bewegung am Tag und unterschiedlichen Bodenverhältnissen: meistens. „Nach Beobachtungen von Herden in freier Wildbahn bewegen sich Pferde mit zu stark abgelaufenen Hufen eher auf weichem Boden, während sich Pferde mit zu langen Hufen die Zehen auf hartem und steinigem Untergrund abscharren“, erklärt Hannes Hofer. In der Box: nein. Und normalerweise auch nicht im Offenstall. Deshalb holt man alle sechs bis acht Wochen den Hufschmied zum Ausschneiden und Korrigieren.
 

7. Huffett hält die Hufe feucht

Jede Art von Fett legt sich lediglich auf die Oberfläche des Horns. Damit der Huf feucht und elastisch bleibt, braucht er Wasser. Die notwendige Feuchtigkeit erhält er am besten, indem das Pferd morgens 20 Minuten lang auf die taunasse Koppel kommt. Alternativ kann man es eine Weile in einen Bach stellen oder die Hufe mit Eimern wässern und anschließend etwas Oliven-, Lorbeer- oder Teebaumöl auf den Kronrand auftragen. Unüberlegtes und exzessives Wässern schadet allerdings mehr als es nützt. „Das beste Mittel, um zu harte Hufe weicher zu bekommen, ist feuchter Lehmboden, entweder in einer Lehmbox (eine Box mit 10 bis 15 cm Lehmboden, der bewässert wird und in die das Pferd für ein paar Stunden gestellt wird) oder mit Lehmpackungen an der Hufsohle (feuchter Lehm wird mit der Hand abends auf/in die Hufsohle geschmiert und bleibt über Nacht drin). Lehm gibt die Feuchtigkeit an den Huf ab, während Sand dem Huf Feuchtigkeit entzieht“, erklärt Hannes Hofer.

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Huföl bzw. Huffett hält die Hufe nicht feucht. © www.Slawik.com

8. Biotinmangel verursacht die meisten Hufprobleme

Es wird angenommen, dass nur etwa fünf Prozent der Hufprobleme mit einer Unterversorgung an Biotin zu tun haben. Alles andere ist eine Frage der Haltung, Pflege, Beanspruchung oder der grundsätzlichen Fütterung. Die Wirksamkeit einer Biotin-Zufüttung ist umstritten. Einige Studien belegen, dass dadurch die Hornqualität verbessert und spröden und rissigen Hufen vorgebeugt wird. „Erst vor kurzem habe ich allerdings auf einer Tagung gehört, dass diese Wirkung nur bei zehn Prozent der Pferde eintreten würde“, gibt Klaus Grimm zu bedenken. Tatsache ist: Biotin wird auch vom Körper des Pferdes selbst produziert. Verabreicht man es stattdessen von außen, so hemmt dies die Eigenproduktion.


9. Stellungsfehler müssen sofort korrigiert werden

Normalerweise lebt ein betroffenes Pferd schon eine ganze Weile mit seinem Stellungsfehler. Ob bodeneng, zehenweit, X- oder O-beinig, mit einem flacheren und einem steileren Huf – das komplexe Konstrukt aus Sehnen, Bändern und Knochen rund um den Huf hat sich bereits darauf eingestellt. Schneidet man dann den Huf in Form, so sieht das nur äußerlich gut aus. Innerlich stehen nun aber unter Umständen sämtliche Knochen „schief“, Sehnen und Bänder werden überbelastet. Deshalb muss der Schmied in solchen Fällen langsam und überlegt vorgehen. Klaus Grimm gibt zu bedenken: „Ebenso wie kein menschliches Gesicht exakt symmetrisch ist, haben auch Pferde eine natürliche Asymmetrie. Nicht alles, was ein bisschen schief steht, muss unbedingt begradigt werden.“ Hier sei vor allem eine gute Beobachtungsgabe und viel Erfahrung von Seiten des Schmieds nötig, um festzustellen, was korrigiert werden muss – und was nicht.  

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Stellungsfehler: Nicht jeder lässt sich korrigieren, Versäumnisse im  Fohlenalter sind nicht mehr wiedergutzumachen. © www.slawik.com

10. Pferde mit schlechter Hornqualität können nicht barhuf laufen

Viele der betroffenen Pferde werden nicht mit schlechten Hufen geboren. „Meist entstehen die Probleme durch schlechte Haltung, schimmeliges Heu, ammoniakverseuchte Einstreu und Luft“, weiß Grimm. Ebenso gut können sie aber auch vom Beschlag selbst herrühren. So wie ein menschlicher Barfußläufer erst durch das Gehen auf verschiedenen Untergründen Hornhaut entwickelt, stärkt sich auch der Huf des Pferdes auf gleiche Weise. Je mehr er also durch den Beschlag geschützt wird, desto weniger Abrieb und Abhärtung erfährt er. „Eine forcierte Zucht hat heute allerdings auch dazu geführt, dass viele Pferde ohne Hufschutz nicht überleben würden – aufgrund der schlechten Hornqualität und der Stellungsfehler“, weiß Hufschmied Hannes Hofer. „Hufbeschlag, Hufschutz, orthopädische Behandlung und intensive Hufpflege sind hier unumgänglich. Grundsätzlich ist jedoch barhufgehen das Gesündeste für das Pferd – wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind!“