Ausrüstung

Risiko Heuraufe: An welchen Modellen Pferde sicher fressen

Ein Artikel von Pamela Sladky | 14.01.2020 - 11:03
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Heuraufen sind praktisch, doch sie bergen auch gewisse Risiken - die einen mehr, die anderen weniger.
© Theres Huber

Das Erstaunliche: Diese Gefahr besteht nicht nur bei Heuraufen Marke Eigenbau oder ursprünglich für Rinder konzipierten Modellen. Auch in explizit für Pferde beworbenen Heuraufen haben sich schon Hufe eingeklemmt. Wie kann das sein? Gibt es doch für die Pferdehaltung Richtwerte, nachzulesen beispielsweise in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ des ehemaligen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).

Für Raufen wird dort gefordert:

  • Es ist besonders darauf zu achten, dass die Pferde nicht hineinsteigen oder mit den Hufen durch die Stäbe schlagen und hängen bleiben können.
  • Empfohlener Abstand von Senkrechtstäben für Raufen maximal fünf Zentimeter – gilt für ausgewachsene Pferde.
  • Stäbe oder Rohre dürfen unter Last nur schwer verformbar sein.

Richtlinien nicht eingehalten

Nun könnte man meinen, dass für Pferde angepriesene Heuraufen diese Anforderungen auch erfüllen. Doch das ist leider nicht (immer) der Fall. Agraringenieurin Eva Borbely aus Wiesen im Burgenland kennt das Problem: „Manche Heuraufen sind überhaupt nicht für Pferde geeignet – werden aber trotzdem als pferdetauglich verkauft! Oft werden diese Modelle bereits in der Rinderhaltung eingesetzt und fast unverändert oder mit wenig Anpassung direkt an Pferdeleute abgegeben.“

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In Palisadenraufen können sich Pferde leicht mit den Beinen verkeilen. In solchen Fällen muss meist die Feuerwehr anrücken.
© Feuerwehr Kirchdorf / Josef Wörgötter

Eva Borbely hält ihre vier Pferde „hinterm Haus“ und blickt auf mittlerweile 25 Jahre Pferdeerfahrung zurück. Ihr Fazit: „Die Stäbe sind teilweise zu weit auseinandergesetzt, da kann es passieren, dass ein Pony, Kleinpferd oder sogar Großpferd mit dem Huf durchrutscht und dann das Bein nicht mehr befreien kann. Die Pferde schleifen Raufen mitunter sogar mit, andere kommen bald zu Sturz und brechen sich im schlimmsten Fall das Bein!“

Das traurige Ende von Ginjal

Diese leidvolle Erfahrung musste Klara Grimschitz aus Krumpendorf am Wörthersee machen: Ihre Stute Ginjal erlitt im August 2018 einen schweren Unfall mit einer Heuraufe. Die hübsche Fuchsstute lebte in einem kleinen Pensionsstall, in ihrer sechsköpfigen Herde „gab es keine Auffälligkeiten oder Raufereien, die Herde war ruhig“. Die Heuraufe stand schon seit einigen Jahren auf der Weide – bis sich eines Tages das tragische Unglück ereignete: „Ginjal verfing sich mit dem rechten Vorderbein zwischen dem dicken Rundbogen und der dünnen mittleren Strebe des Palisadenbogens und verkeilte sich mit dem Huf so, dass sie nicht mehr raus kam“, erzählt Klara Grimschitz. Sie selbst war zum Zeitpunkt des Unfalls nicht auf dem Hof, „aber dadurch, dass Ginjal in Panik an der Raufe gezerrt hat, wurden die Besitzer des Hofes auf die Situation aufmerksam. Nicht auszudenken, wenn so etwas auf einer abgelegenen Weide passiert, so dass ein solches Unglück vielleicht einen Tag lang gar nicht bemerkt wird.“

Ginjal geriet zunehmend in Panik, stürzte schließlich mit der Heuraufe um. „Die Metallstäbe haben sich dabei verbogen“, verdeutlicht Klara Grimschitz die Wucht des Unfalls. „Dadurch kam es zu einem offenen Bruch des Fesselgelenks, der Fuß war fast gänzlich ab, nur mehr Hautfetzen und Sehnen hielten das Bein zusammen.“ Für Ginjal gab es keine Hoffnung mehr, sie wurde eingeschläfert. Die bis dahin „gesunde und fitte Stute“ wurde nur 18 Jahre alt.

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In dieser Palisadenheuraufe verfing sich Stute Ginjal mit dem rechten Vorderhuf und brach sich das Fesselgelenk. Durch die Wucht des Sturzes wurden die Metallstäbe verbogen.   © Klara Grimschitz

Risiko je nach Modell

Raufen ohne jegliche Fressgitter bergen relativ wenig Gefahrenpotenzial – sofern sie keine scharfen Kanten aufweisen. Allerdings ist die Futterverschwendung mitunter höher, da die Vierbeiner das kostbare Heu relativ einfach hinausbefördern können. Bei Palisadenfutterraufen sind die Abtrennungen der einzelnen Futterplätze lediglich halbhoch, was schon manchen Vierbeiner zum Hineinsteigen bewegt hat. Auch Ginjal wurde eine solche Raufe zum Verhängnis. Eigentlich hatten die Stallbesitzer eine Heuraufe mit Sicherheitsfressgittern geordert, bei der die Gitterstäbe bis an die obere Querstange reichen. Auf Nachfrage „wurde vom Lieferanten telefonisch mitgeteilt, dass diese Raufe ,ebenso gut für Pferde geeignet sei‘. So wurde die Heuraufe behalten.“ Für Klara Grimschitz ist sicher: Mit der ursprünglich bestellten Version „wäre der Unfall nie passiert“.

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Pferdeheuraufe mit Sicherheitsfressgitter
© Albert Kerbl GmbH

Allerdings bergen auch „Sicherheitsfressgitter“ ein Risiko, wenn die Abstände zwischen den Fressdurchlässen nicht stimmen: Maximal fünf Zentimeter sind okay, darüber wird es kritisch. Das gilt für erwachsene Großpferde – für Ponys, Kleinpferde und Jungtiere fordern Experten geringere Abstände.
 

Nachfragen erforderlich

Leider ist es oft gar nicht so einfach herauszufinden, welchen Abstand die Gitterstäbe haben – denn Hersteller oder Lieferanten halten sich diesbezüglich mitunter bedeckt. Sind die Abstände nicht explizit im Katalog aufgeführt, kann eine Nachfrage Licht ins Dunkel bringen. Pferdehalter sollten sich aber nicht mit der Aussage „pferdetauglich“ abspeisen lassen, sondern die exakten Maße verlangen, im Idealfall schriftlich.

Einige Hersteller haben das Problem erkannt und bieten mittlerweile explizit Raufen mit dem von den Richtlinien geforderten Abstand an. Wieder andere sind sich des Problems zwar bewusst, weisen die Kunden auch darauf hin – verwenden aber nach eigenen Angaben aus „praktischen Gründen“ dennoch größere Abstände und geringere Stabstärken als von den Richtlinien angeraten. Allerdings nicht ohne den Hinweis, keinerlei Haftung für eventuelle Verletzungen zu übernehmen.

Ist die Raufe bereits im Einsatz, hilft nur Nachmessen. Einige Pferdehalter haben ihre Heuraufen mittlerweile nachgerüstet, um Unfälle zu vermeiden. „Meine Freunde haben zwischen den Stäben weitere Elemente dazugeschweißt, da sie wegen so einer Heuraufe eine unschöne Szene im Stall erleben mussten“, berichtet Eva Borbely. Und auch im ehemaligen Stall von Ginjal wollte man das Risiko eines erneuten Unfalls nicht tragen: „Die Felder zwischen den Stäben wurden inzwischen mittels Metallplatten verschlossen.“ Allerdings muss dies fachgerecht durch geführt werden, denn wenn diese Metallplatten zu leicht nachgeben, ist der Effekt dahin.

Ist Holz die bessere Wahl?

Heuraufen aus Holz erscheinen auf den ersten Blick weniger verletzungsträchtig, doch auch sie haben ihre Tücken. Selbstgezimmerte Raufen aus Brettern, Holzkisten oder Paletten sind zwar kostengünstig – gibt es aber Zwischenräume, können die Pferde auch hier mit den Hufen hängenbleiben. Die Holzstärke entscheidet ebenfalls über die Sicherheit, als durchtrittsicher gilt laut BMELV für Boxen eine Trennwandstärke von 2,5 (bei verleimten Mehrschichtplatten) bis circa 4 cm (bei Hartholz). Weiteres Problem: Die „Nagetiere“ unter den Pferden können eine Heuraufe aus Holz in recht kurzer Zeit stark zurichten, wobei immer die Gefahr besteht, dass sich Schiefer in die Maulschleimhaut bohren und zu schmerzhaften Entzündungen führen. Auch Eva Borbely sieht die Haltbarkeit gefährdet: „Holzraufen können von gelangweilten Pferden in wenigen Tagen zerlegt werden: Es wird geknabbert – oder die Pferde lehnen sich an und scheuern sich an den Pfosten. Dadurch wird die Konstruktion instabil, es können sogar Schrauben herausstehen!“ Pferdebesitzer, die eine Holzraufe nutzen möchten, sollten daher unbedingt auf Modelle von Experten zurückgreifen – doch auch hier lohnt die Nachfrage nach der Holzstärke und eventuell vorhandenen Zwischenräumen. Eva Borbelys Fazit zu Holzraufen lautet: „Eine billige Heuraufe zu kaufen ist sparen an der falschen Stelle – wenn man es etwas günstiger haben will, dann ist handwerkliches Geschick gefragt!“

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Bei dieser Heuraufe gibt es keine gefährlichen Zwischenräume, in denen sich Hufe verfangen können. Dennoch: Bei jeder Raufe bleibt ein Restrisiko.   © (c) Sven und Peggy Morell GbR, www.stocksberger.de

Keine Raufe ohne Risiko

Peter Zechner ist Pferdehalter und -züchter, Buchautor, Geschäftsführer des Zuchtverbandes Stadl-Paura sowie allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Pferde. Für ihn sind die Gitterabstände nur ein Grund für die beschriebenen Unfälle: „Die angegebenen Normmaße sind über alle Pferderassen und Altersgruppen hinweg aus fachlicher Sicht nicht ausreichend. Die Variation vom Ponyfohlen bis zum ausgewachsenen Kaltblutpferd lässt sich damit nicht abbilden.“

Als weitere Gefahrenquellen gibt er scharfe Kanten oder ungesicherte Dreipunktaufhängungen bei mobilen Futterraufen an. Bei dieser Bauweise kann es auch zu einem „Hineinwälzen“ unter die Futterraufe, bei Palisadenfressgittern „zum Hineinspringen in die Futterraufe und Hängenbleiben beim Herausspringen kommen. Bleibt das Pferd mit dem Kopf im Pferdefressgitter hängen und stürzt dabei, ist ein Genickbruch möglich.“ Der Sachverständige ist deshalb überzeugt: „Jede klassische Raufe birgt ein Restrisiko.“ Soll oder kann auf eine Raufe dennoch nicht verzichtet werden, lautet sein Rat: „Stresssituationen von vornherein vermeiden – eine Heufütterung ad libitum oder mittels zeitgesteuerter Raufen, kombiniert mit alternativen Futterstellen, reduziert das Verletzungsrisiko erheblich“.

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Praktisch und sicher: Die Heuraufe von Kneilmann Gerätebau, seit zehn  Jahren z. B. am Königmairgut im Einsatz, gilt als sehr verletzungssicher.  Weiter optimieren lässt sich das Modell, wenn jeder zweite Fressplatz mit in engen Abständen senkrecht angebrachten Stangen verschlossen wird.
© Theres Huber

Zudem sei eine Trennung von Ruhebereich und Fütterungsbereich sinnvoll. In seiner Beratungstätigkeit weist er „Pferdebesitzer immer auf ihre Eigenverantwortung und besondere Achtsamkeit hin, da Raufen eben nicht automatisch pferde- oder rassegerecht produziert werden. Zuchtbetriebe sollten, wenn möglich, auf Futterraufen ganz verzichten. Hier bewähren sich eine lose Heuvorlage oder vollständig geschlossene ,Futterkisten‘, massiv aus Holz gefertigt und ohne Zwischenräume – auch nicht zum Boden hin – und ohne Fressgitter.“

Sicherheitscheck für Heuraufen

Unbestritten sind Heuraufen im Stallalltag praktische Helfer, insbesondere bei Gruppenhaltung: Mehrere Pferde können gleichzeitig relativ ungestört fressen, Futterverluste werden vermieden, und mit speziellen Netzen oder Gitterauflagen wird die Heuaufnahme verlangsamt. Damit diese Vorzüge möglichst risikoarm genutzt werden können, gilt es folgendes zu beachten:

  • Für erwachsene Großpferde gilt: Der lichte Abstand zwischen Stäben darf maximal fünf Zentimeter betragen. Dies gilt natürlich nicht für die Fressöffnungen, diese müssen wiederum weit genug sein, so dass das Pferd den Kopf leicht zurückziehen kann, ohne hängenzubleiben.
  • Bei Kleinpferden, Ponys und Jungtieren fordern Experten einen noch geringeren Stab-Abstand – allerdings sind derartige Raufen kaum auf dem Markt. Hier ist eine Heuraufe ohne
  • jegliches Fressgitter die bessere Wahl.
  • In Boxen mit Fohlen rät das BMELV zum Verzicht auf Stabraufen.
  • Das BMELV empfiehlt für senkrechte Gitterstäbe bei Boxenabtrennungen einen Außendurchmesser von 19 bis 25 Millimeter (entspricht 3/4 bis 1 Zoll) – dies dürfte auch als Richtwert für Raufen gelten.
  • Palisadenfressgitter verleiten manchen Vierbeiner zum Hineinsteigen, sogenannte Sicherheitsfressgitter verhindern dies. Doch auch hier sind die Abstände der Gitterstäbe zu beachten.
  • Scharfe Kanten sind tabu.
  • Ein eventuell vorhandenes Dach sollte möglichst hoch angebracht und zudem mit einem Dachkantenschutz aus Gummi ausgerüstet sein – dieser verhindert zwar nicht das Anschlagen, jedoch unschöne und schmerzhafte Schnittwunden im Kopfbereich.
  • Einige Heuraufen haben eine Dreipunktaufhängung, damit sie problemlos mit einem Traktor umgesetzt werden können. Ein spezieller Schutzbügel verhindert Verletzungen an dieser oft scharfkantigen Aufhängung.
  • Bei zusätzlicher Nutzung von Futtersparnetzen oder Gittern zur Verlangsamung der Futteraufnahme darf von diesen keine Gefahr ausgehen.