Wie bei uns Menschen braucht auch der Pferdekörper Zeit, um von Ruhe auf Belastung umzuschalten. Egal welches Training ansteht - ob unter dem Sattel oder ohne Reitergewicht - jede Einheit sollte mit ausgiebigem Schrittgehen am hingegebenen Zügel starten. © RD-Fotografie | stock.adobe.com
Ein sorgfältiges Aufwärmen ist die Grundlage für gesundes und erfolgreiches Pferdetraining. Nur wer seinem Pferd Zeit gibt, von Ruhe auf Belastung umzuschalten, schützt Muskeln, Gelenke und Sehnen und sorgt gleichzeitig dafür, dass es mental auf die Arbeit vorbereitet ist.
Beim Warm-up wird das Herz-Kreislauf-System aktiviert, die Durchblutung der Muskulatur verbessert, Gelenke werden beweglicher, die Reaktionsgeschwindigkeit steigt – das alles trägt dazu bei, dass das Verletzungsrisiko deutlich abnimmt.
Davon abgesehen wirkt diese Phase auch positiv auf die Psyche: Nervosität und innere Spannungen nehmen ab, das Pferd kann sich besser konzentrieren und damit kooperieren.
Schritt für Schritt: Das allgemeine Warm-up
Auch wenn sich der reiterliche Eifer bei manchen nur schwer im Zaum halten lässt: Am Anfang jeder Einheit steht ausführliches Schrittreiten – und zwar am hingegebenen (!) Zügel. Das Pferd soll in dieser Phase die Möglichkeit haben, sich ungezwungen und mit langem Hals Schritt für Schritt an das Reitergewicht, die neuen Bewegungsmuster und die Umweltreize zu gewöhnen. Die Vetmeduni Wien empfiehlt – insbesondere bei kaltem Wetter – eine Dauer von mindestens 20 Minuten Schrittreiten, bevor man sich an die schnelleren Gangarten wagt. Das gilt übrigens auch für das Longieren! Besonders für geschorene Pferde empfiehlt sich in dieser Phase das Auflegen einer Nierendecke, damit die Muskulatur nicht auskühlt.
Tipp: Gegen Ende der Schrittphase schon erste leichte, lösende Übungen einbauen – so geht der Übergang in die Arbeitsphase fließend.
Eine kleine Schrittrunde im Gelände ist ideal als Vorbereitung für das nachfolgende Training! © Christiane Slawik www.slawik.com
Spezielles Warm-up: für jedes Pferd das richtige Programm
Nach dem allgemeinen Aufwärmen folgt das spezielle Warm-up, das fließend in die Arbeitsphase übergeht. Dauer und Intensität hängen vom Alter, Trainingszustand, Temperament und der Disziplin des Pferdes ab. Junge Pferde benötigen einfache Übergänge zwischen Schritt, Trab und Galopp auf großen Linien, während ältere Pferde eine längere Schrittphase brauchen, um Gelenke und Sehnen zu schonen. Dressurpferde profitieren von Handwechseln, Gangartenwechseln und gebogenen Linien, Springpferde von Distanzarbeit über Stangen und leichten Gymnastiksprüngen. Heiße Pferde brauchen zusätzliche mentale Entspannung, während phlegmatische Pferde frühzeitig „aufgeweckt“ werden sollten. Ziel ist stets ein Warm-up, das das Pferd sowohl körperlich als auch geistig vorbereitet, ohne es zu erschöpfen.
Typische Fehler
Ein häufiger Fehler ist das sogenannte „Abkochen“: Wenn Pferde bereits beim Lösen schweißgebadet und außer Atem sind, fehlen für eine positive Arbeitsphase die nötige Energie und Kraft. Auch zu schwere Lektionen oder Zwangshaltungen verhindern Losgelassenheit. Auf der anderen Seite kann monotones Reiten nach Schema F das Pferd abstumpfen lassen. Ein gutes Warm-up steigert die Anforderungen langsam und abwechslungsreich, um das Pferd in eine positive Körperspannung zu bringen.
Kälte und Wintertraining
Besonders im Winter zeigt sich, wie wichtig Aufwärmen ist. Kalte Muskeln reagieren langsamer und sind weniger elastisch, die Gelenkflüssigkeit wird zäher, der Bewegungsumfang nimmt ab. Gleichzeitig bewegen sich viele Pferde in der kalten Jahreszeit insgesamt weniger, was zusätzlich Steifheit und Verspannungen begünstigt. Deshalb sollte das Warm-up mindestens zwanzig Minuten dauern, mit ersten lösenden Übungen gegen Ende, und Schrittarbeit am hingegebenen Zügel stets Priorität haben.
Wer im Winter Zeit fürs Warm-up spart, riskiert Verspannungen und Verletzungen.
Gerade bei Kälte und bei schwitzenden Pferden ist ein sorgfältiges Abwärmen entscheidend, um Verspannungen zu vermeiden. ©www.Slawik.com
Nicht vergessen: das richtige Cool-down
Nicht nur das Auf-, auch das Abwärmen nach der Arbeit ist entscheidend für produktives Training und die Gesunderhaltung des Pferdes. Lockeres Austraben in Dehnungshaltung, gefolgt von mehreren Minuten Schritt, normalisiert Puls und Atmung und beugt Verspannungen vor. Besonders bei schwitzenden Pferden ist ein sorgfältiges Cool-down unerlässlich, um Verklebungen der Faszien zu verhindern und die Thermoregulation zu sichern. Traditionell hat sich das Trockenreiben mit Strohwisch oder Tuch bewährt, um Schweiß aus dem Fell zu entfernen und die Durchblutung anzuregen.
Pferde kommen mit Kälte und Belastung grundsätzlich gut zurecht, wenn sie richtig darauf vorbereitet werden. Ein durchdachtes Warm-up schützt den Bewegungsapparat, steigert die Leistungsfähigkeit und sorgt für ein motiviertes, zufriedenes Pferd. Zeit fürs Aufwärmen sollte man nicht schätzen, sondern messen (hier hilft der Timer am Smartphone) – denn richtiges Aufwärmen ist keine verlorene Zeit, sondern die beste Investition in die Gesundheit unseres Pferdes.