Pferdeliebe allein reicht nicht, um ein Pferd tierschutzgerecht zu versorgen und zu behandeln - es ist auch eine gehörige Portion Sachkenntnis vonnöten. © lovinghorses | Fotolia.com | stock.adobe.com
Beim Deutschen Tierärztetag, der alle drei Jahre zentrale Fragen der Tiergesundheit in den Fokus rückt, stand im vergangenen Oktober das Pferd besonders im Mittelpunkt. Auf der 30. Ausgabe der Veranstaltung diskutierten die Teilnehmenden über Gesundheit, Haltung und den fachgerechten Umgang mit den Tieren – und formulierten weitreichende Forderungen an Politik, Verbände und Veranstalter.
Eine der zentralen Forderungen betrifft ein seit Langem diskutiertes Thema: die Einführung eines verpflichtenden Pferdeführerscheins. Nach Einschätzung der Tierärzteschaft mangelt es beim Umgang mit Pferden zunehmend an grundlegender Sachkunde. Wiederholte Verstöße gegen den Tierschutz seien die Folge.
Der 30. Deutsche Tierärztetag fordert daher, „dass Pferdehalter:innen, Pfleger:innen und andere Personen, die mit dem Pferd umgehen, nachweislich über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten nach § 2 Tierschutzgesetz (TierSchG) verfügen müssen“. Zertifizierte Sachkundekurse und Schulungen – etwa in Form eines Pferdeführerscheins – könnten bestehende Wissenslücken schließen und so einen wesentlichen Beitrag zum Tierwohl leisten.
Vorreiter Frankreich
Während in Deutschland noch über eine verpflichtende Regelung diskutiert wird, ist diese in Frankreich bereits seit 2022 Realität. Wer dort erstmals ein Pferd erwerben möchte, muss innerhalb eines Jahres einen Kenntnis- und Befähigungsnachweis vorlegen.
In Deutschland wurde der Pferdeführerschein bereits zwei Jahre zuvor eingeführt: ein Nachweis für den Umgang mit dem Pferd (ehemals Basispass Pferdekunde) sowie ein weiterer für das Reiten (ehemals Reiterpass). Im Unterschied zu Frankreich ist der Erwerb dieser Nachweise jedoch freiwillig.
Mehr Verantwortung und Schutz für Pferde
Über die Sachkunde hinaus sieht der Deutsche Tierärztetag vor allem im Pferdesport Handlungsbedarf. So fordert er strengere Regeln für Veranstaltungen mit Pferden: Veranstalter sollen gesetzlich zur Eigenverantwortung verpflichtet werden. Dazu sollen verpflichtende Eigenkontrollen gehören, beispielsweise Videoüberwachung auf Veranstaltungsgeländen – zumindest in tierschutzsensiblen Bereichen.
Zugleich fordern die Veterinär:innen eine deutliche Stärkung ihrer Rolle bei Veranstaltungen mit Pferden. Künftig soll eine qualifizierte Tierärztin oder ein qualifizierter Tierarzt verpflichtend und dauerhaft vor Ort anwesend sein. Diese Person müsse regelmäßig fortgebildet werden, über klare Entscheidungsbefugnisse verfügen und bei tierwohlrelevanten Feststellungen unabhängig handeln können. Entsprechende Befugnisse seien in Regelwerken zu verankern und durch die Veranstalter zu delegieren. Die tierärztliche Leistung müsse zudem nach der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) vergütet werden. Um Interessenkonflikten vorzubeugen, empfiehlt der Tierärztetag eine Rotation der eingesetzten Tierärzt:innen.
Verbandsregularien und Ausrüstung sollen auf Gesetzeskonformität und Tierschutz geprüft werden. Insbesondere der Einsatz von Ausrüstung und Hilfsmitteln (z.B Nasennetze), die lediglich dazu dienen, Pferde „einsatzbereit“ zu machen, sei nicht immer mit dem Tierschutz vereinbar. Neben Altersvorgaben betreffe dies auch arzneimittelrechtliche Aspekte, etwa den Einsatz von Rossehemmern oder Omeprazol.
Keine Behandlungen ohne medizinische Indikation
Deutliche Worte finden die Veterinär:innen auch für nicht medizinisch begründete Eingriffe. Behandlungen ohne medizinische Indikation – etwa Sedationen zur Ermöglichung der Nutzung eines Pferdes oder prophylaktische, wiederholte Gelenkinjektionen – dürften künftig nicht mehr durchgeführt werden.
Anpassung von Leitlinien und Impfpflicht
Schließlich fordert der Deutsche Tierärztetag eine Überarbeitung der Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen. Diese sollen unter anderem konkretere Vorgaben zur täglichen freien Bewegung, zu Einrichtungsgegenständen sowie zur Beschaffenheit von Böden und Untergründen enthalten. Zudem sprechen sich die Tierärzt:innen für eine verbindliche Impfpflicht gemäß den Core-Impfungen der Ständigen Impfkommission Veterinär (StIKo Vet) in den jeweiligen Verbandsregularien aus.
Als Grundlage für die Zukunft des Pferdesports betont der Tierärztetag zudem die enge Zusammenarbeit zwischen Amtstierärzt:innen und praktizierenden Tierärzt:innen. Ein vertrauensvolles Miteinander sei unerlässlich, um den Tierschutz nachhaltig zu sichern.