Die Ursprünge des Abteilungsreiten liegen im Militär. Disziplin ist beim Reiten in Reih und Glied auch heute noch gefragt, militärischen Drill und Kadavergehorsam hat man aber nicht zu befürchten. © Andreas Schnitzlhuber www.scan-pictures.net
Das Abteilungsreiten wird oft herablassend als anspruchsloses Hinterherreiten abgeurteilt. Das hat es eindeutig nicht verdient. Denn tatsächlich verlangt es Disziplin, Können, Feingefühl und Rücksichtnahme. Unter fachkundiger Anleitung lässt sich eine Abteilungsstunde so gestalten, dass sie zu einem anspruchsvollen Training für mehrere Reiterinnen und Reiter wird und alle profitieren.
Präzises Reiten gefragt
Beim Reiten in Reih und Glied mit festgelegten Abständen werden Mängel in der Ausbildung und Ungenauigkeiten oft schneller und deutlicher sichtbar als bei Reiter-Pferd-Paaren, die alleine in der Reithalle unterwegs sind. So fallen Schwankungen im Gangmaß bei Einzelreitern kaum auf, in der Abteilung werden sie unmittelbar und schonungslos entlarvt. Insbesondere, wenn die Pferde in Typ und Temperament variieren, verlangt das Beibehalten gleichmäßiger Abstände ein hohes Maß an reiterlicher Kontrolle und Aufmerksamkeit.
Hat das eigene Pferd im Vergleich zu seinem Abteilungskollegen eine größere Übersetzung, bedarf es einer Verkürzung der Trabtritte oder Galoppsprünge, um nicht aus der Reihe zu tanzen. Fehlt es am dafür nötigen Ausbildungsstand, kann man durch ein größeres Ausreiten gebogener Linien und konsequentes In-die-Ecke-Reiten Abstand gewinnen – aber auch, indem man Übergänge nach oben (Anreiten aus dem Halten, Wechsel in höhere Gangarten oder Tempi) verzögert einleitet beziehungsweise Rückführungen ein wenig früher reitet.
Im umgekehrten Fall – wenn das eigene Pferd über ein knapperes Gangmaß verfügt als seine Kollegen – hilft es, die Ecken etwas zu verkürzen. Beim Reiten von Zirkeln lassen sich durch eine leichte Verringerung des Radius unauffällig Meter gutmachen. Bei Übergängen verfährt man entsprechend entgegengesetzt zur zuvor beschriebenen Variante.
Auch sonst ist in der Abteilung Exaktheit gefragt. Wer beim Übergang bummelt, stört die gesamte Gruppe. Dasselbe gilt für das Vorwegnehmen von Kommandos. Ist die Große Tour eher eiförmig als rund, fällt das im Kollektiv sofort auf. Schwankt das Pferd ohne Bande auf der Geraden, lässt sich das alleine vielleicht noch kaschieren. Touchiert man beim Nebeneinanderreiten jedoch ständig den Steigbügel des Nebenreiters, ist das ein unübersehbarer Hinweis darauf, die einrahmenden Hilfen zu überprüfen.
Abteilungsreiten
Die Kommandos
Im Zentrum des Abteilungsreiten steht die sogenannte Kommandosprache – ein untrüglicher Beleg für die Herkunft des Reitens in Formation: das Militär. Jede Anweisung besteht aus zwei Teilen:
• Ankündigung (z. B. „Arbeitstrab“, „Scheeritt“)
• Ausführung (z. B. „Marsch!“)
Die kurze Pause dazwischen gibt Reiter und Pferd Zeit zur Vorbereitung. Ziel ist immer die gleichzeitige, harmonische Ausführung – egal ob Gangartwechsel oder Hufschlagfigur.
Der Abstand
Längen- und Seitenabstand sind beim Abteilungsreiten klar geregelt.
• Längenabstand: etwa eine Pferdelänge
• Seitenabstand: laut Lehrbuch eine Steigbügelbreite
Zur Überprüfung des Längenabstands hat sich der Blick zwischen den Ohren des Pferdes nach vorne bewährt. Sieht man gerade das Sprunggelenk des Vorderpferdes, beträgt der Abstand ungefähr eine Pferdelänge. Sieht man das ganze Pferd, ist der Abstand zu groß, blickt man unmittelbar auf Schweifrübe oder Krupp, ist man eindeutig zu dicht dran.
Gemeinsam statt einsam
Neben dem Ausbildungswert für Pferd und Reiter kann der verbindende Charakter des Trainings in der Abteilung gar nicht hoch genug geschätzt werden. Wo sonst treffen Schul- und Privatreiter:innen, Freizeit- und Turnierpferde, Tinker, Haflinger und Ponys mit ihren großen vierbeinigen Kollegen zum gemeinsamen Trainingsspaß aufeinander?
In der Abteilung können konkurrierende Reiter-Pferd-Paare zu einem Team werden, das auch als Mannschaft bestens funktioniert. Damit wird nicht nur der Zusammenhalt innerhalb des Sports gestärkt, sondern auch seine positive Außenwirkung. Eine starke Community kann innerhalb eines Vereins oder einer Gemeinde weit mehr bewirken als eine Einzelperson. So erhält der Sport ein Gesicht – unabhängig davon, ob er leistungsorientiert oder zum Vergnügen ausgeübt wird.
Zudem lassen sich in der Gruppe Werte und Regeln vermitteln, die im Kollektiv oft besser angenommen werden, weil sich niemand persönlich angesprochen fühlt. Das gilt sowohl für die Bahnregeln als auch für den rücksichtsvollen Umgang in der Reitbahn.
Das Pferd in der Abteilung
Privatpferde sind oft nicht daran gewöhnt, in einer geordneten Abteilung zu gehen. Manche werden unruhig, wenn sie hinter einem anderen Pferd herlaufen müssen, andere wiederum ordnen sich zu stark unter und werden antriebslos. Hier hilft nur Übung. Jedes Pferd gewöhnt sich an das Training in der Abteilung, wenn man es mit Ruhe und Konsequenz heranführt. Vor allem unruhige Pferde profitieren von der Gruppe: Durch das „Herdengefühl“ werden sie zunehmend gelassener und fühlen sich oft sicherer als alleine.
Es braucht schon einiges an Disziplin, Können und Übung, damit aus einer bunt zusammengewürfelten Truppe eine harmonische Abteilung wird. © Andreas Schnitzlhuber www.scan-pictures.net
Die Gewöhnungsphase legt man am besten spielerisch an. Der Abstand zum Vorderpferd wird zunächst groß gehalten und nur für kurze Strecken „im Schlepptau“ geritten. Nach und nach kann die Distanz verringert und die Dauer des Hinterherreitens verlängert werden. Verspannt sich das Pferd, schert man aus der Abteilung aus, stellt es an die Hilfen und reitet es locker. Anschließend wird es wieder eingeordnet.
Bei Pferden, die das Hinterherlaufen zu einer regelrechten Jagd auf das Vorderpferd nutzen, haben sich gezielte Haltparaden oder Übergänge bewährt. Schließlich soll das Pferd auch in der Abteilung seine Aufmerksamkeit zuallererst auf den Reiter richten und dessen Hilfen auch zuverlässig annehmen. Bleibt es gelassen und an den Hilfen, wenn es beispielsweise zum Schritt durchpariert wird, während die anderen weitertraben, oder hält es den Trabtakt, obwohl das Vorderpferd angaloppiert, ist eine solide Grundlage geschaffen. Dann wird es auch hinter oder zwischen mehreren Pferden seine Position sicher einhalten.
Abteilungsreiten fördert die Gemeinschaft und den Teamgeist. © Andreas Schnitzlhuber www.scan-pictures.net
Hat sich ein Pferd erst einmal an das Gehen in der Abteilung gewöhnt, arbeitet es in der Regel gerne mit. Der Reiter kann dabei Rittigkeit, Durchlässigkeit und Gehorsam gut überprüfen und erhält unmittelbares Feedback über die Qualität seiner Einwirkung. Insofern hat das Abteilungsreiten einen hohen Ausbildungswert – für Pferde ebenso wie für ihre Reiter – und ist eine Bereichung im Trainingsalltag.