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Fein im Maul

Ein Artikel von Claudia Götz | 03.12.2024 - 10:40
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Ein federleichter Kontakt zwischen Reiterhand und Pferdemaul: So ist feine Kommunikation möglich, das Unterkiefer des Pferdes ist losgelassen und „empfangsbereit“. © Maresa Mader Photography

Die schlechten Nachrichten vorweg: Ob ein Pferd fein im Maul – und damit fein zu reiten – ist, bedeutet für jeden etwas anderes: für Western- und klassische Dressurreiter:innen, für Anfänger und Fortgeschrittene sowie für jeden Einzelnen, abhängig von seiner Vorstellung und Wahrnehmung. Untersuchungen beim klassischen (englischen) Reiten zeigten, dass der Zügelzug im Schnitt nur selten unter ein paar Kilo beträgt, zwischen vier und acht Kilo pro Zügel sind eher die Norm als die Ausnahme. (Dr. Kathrin Kienapfel, So spürt das Pferd den Zügel) Ob ein Pferd dabei fein im Maul ist oder bleibt, ist fraglich. Die gute Nachricht: Man kann dazulernen, immer mehr Gefühl entwickeln und jeden Tag erneut die Kommunikation mit dem Pferd verfeinern.


Das Prinzip der feinen Hilfengebung

Auf der Suche nach einer Definition für den vielfach unter Reiter:innen verwendeten Begriff „fein im Maul“ wird man nicht direkt fündig. Im Standardwerk der klassischen (englischen) Ausbildung „Der Reiter formt das Pferd“ (FN-Verlag) gibt es aber eine Beschreibung der Biomechanik für feines Reiten: „Das Pferd trägt dabei das Gebiss mit den Kaumuskeln, d. h. bei geschlossener Lippenspalte ist der Unterkiefer leicht geöffnet. Der losgelassene Kaumuskel macht nicht etwa regelmäßige Kaubewegungen, sondern er hält durch ständiges Mitbewegen die Fühlung der Lade mit dem Gebiss.“

Einer der Autoren, Tierarzt Dr. Udo Bürger, erklärt in seinem Buch „Vollendete Reitkunst“ (Verlag Paul Parey, 1982) die anatomischen Grundlagen dafür als „das Spiel des ineinandergreifenden Kupplungssystems: Kaumuskel-Ganasche-Nacken“, und besteht auf der Notwendigkeit, beim jungen Pferd auf Reithalfter zu verzichten, da ansonsten „von Anfang an ein Zwang im Kiefer ausgelöst wird, der sich auf das ganze Pferd ausdehnen kann“. Seiner Ansicht nach kann das junge Pferd das „unbefangene Kauen“ nur so lernen.

Die für ihr feines Reiten bekannte Ausbilderin und Richterin Luise Wessely-Trupp sagt: „Fein im Maul bedeutet für mich eine gleichmäßige, leichte und weiche Verbindung, bei der alle meine ,Fragen‘ (mit der Hand in Kombination mit Kreuz und Schenkel) schnell und willig beantwortet werden. Erlangen bzw. erhalten tue ich es, indem ich das Pferd immer wieder erinnere, sich selbst zu tragen, von hinten nach vorne an das Gebiss heranzutreten, niemals einfach anziehe oder achtlos ,lenke‘, und sie zwischendurch vorsichtig abkauen lasse.“

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Zum Abwenden reicht beim feinen und durchlässigen Pferd schon die Änderung der Blickrichtung der Reiterin. © Maresa Mader Photography

Die drei Phasen jeder Hilfe

Wie man dahin kommt, ist für viele Reiter:innen jedoch ein großes Rätsel. Es hilft, sich zu vergegenwärtigen, dass jedwede Hilfengebung darauf abzielt, dass das Pferd auf Dauer fein bleibt oder immer feiner wird. Das Prinzip ist letztendlich immer dasselbe, egal ob es um Hilfen aus dem Sitz, den Schenkeln oder der Hand geht.

An den treibenden Hilfen lässt es sich gut erklären: Das Pferd bekommt die Chance, auf eine erste feine Hilfe anzutreten – das ist Phase 1. Je nach Reitweise und Philosophie kann dieses Treiben ein Gedanke, eine Stimmhilfe oder eine Gewichtshilfe sein, etwa ein Einatmen (durch das bereits ein minimaler Impuls ins Reiterbecken fließt, der fürs Pferd wahrnehmbar ist). Reagiert das Pferd darauf nicht wie gewünscht, folgt Phase 2 – eine Verstärkung der Hilfe, etwa ein leichter Schenkeldruck. Reagiert es darauf ebenfalls nicht wie gewünscht, wird in Phase 3 weiter verstärkt – z. B. durch mehr Körperspannung.

Genauso ist das Prinzip auch bei Zügelhilfen anzuwenden: Der Gedanke an die neue Richtung, das Hineinführen des Pferdes in die Wendung mit dem Blick und dem Sitz, eine Veränderung des eigenen Körperrhythmus zum Parieren oder ein Weicher- bzw. Schwerermachen im Sattel, ein minimales Schließen der Hände reichen in Phase 1 bzw. beim fein gerittenen Pferd fürs Reiten von Hufschlagfiguren, für einen Wechsel von einer höheren in eine niedrigere Gangart und zum Versammeln. In Phase 2 und 3 erfolgen dann, falls das Pferd nicht entsprechend reagiert, Verstärkungen der passenden Hilfen.

Pferde lernen, dass sie die Chance haben, schon in Phase 1 zu reagieren, wenn fair aber konsequent der Weg mit Phase 2 und 3 verfolgt wird. Wichtig ist, die Phasen klar voneinander zu trennen und die Abfolge nicht zu automatisieren, sondern hinzuspüren, ob Phase 2 und 3 überhaupt noch nötig sind. Und all dies muss sich in Lektionen – und sei es nur eine korrekt gerittene Ecke – in Sekundenbruchteilen abspielen: Kein Wunder, dass korrektes Reiten zu erlernen mental und bewegungstechnisch so fordernd ist!

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Die richtige Zügelführung ist essenziell für eine feine Hilfengebung. © www.Slawik.com

Unabdingbar: die aufrechte Faust

Wer ein Pferd möchte, das auf feine (Zügel)Hilfen reagiert, muss also fein reiten. Das ist nicht ganz leicht, wenn man anfangs mit zu viel Druck Reiten gelernt hat. Aber: Wir haben immer die Möglichkeit unser Reiten zu verbessern. Am Anfang steht das Spürenlernen, auch abseits vom Pferd (siehe Kasten). Zu einer feinen Hand trägt zudem die reiterliche Biomechanik bei: mit aufrecht getragener Zügelfaust. Häufig sieht man verdeckte Zügelfäuste – gerne auch „Kinderwagen schieben“ genannt. „Der Reiter ist dann gezwungen, annehmende Zügelhilfen aus dem ganzen Arm heraus zu geben. Eine feine Dosierung nachgebender, aushaltender und annehmender Zügelhilfen ist nur schwer möglich“, beschreiben es die FN-Richtlinien. Zeigen die Handrücken nach oben, sind Elle und Speiche gegeneinander rotiert. Dies macht Handgelenke und Ellbogen fester und behindert so einfühlsame Zügelhilfen. Andererseits gerät der wichtigste Nerv in diesem Bereich unter Druck. Es wird also auch das Spüren noch schwieriger.

Üblicherweise laufen die Zügel zwischen dem kleinen und dem Ringfinger in die Hand hinein und zwischen Zeigefinger und Daumen wieder hinaus. Das Ganze bei geschlossener Zügelfaust. Dabei halten die „dachförmig daraufliegenden Daumen“, so die Richtlinien, die Zügel auf dem Zeigefinger. Die Zügelfaust soll aber nicht verkrampft sein – das berühmte Vögelchen in der Faust darf weder wegfliegen noch zerdrückt werden. Der Spielraum für ein feines Annehmen und Nachgeben mit entspannt geschlossener Faust kann ebenfalls trainiert werden.

Anlehnung und Beizäumung

Ein weiterer wichtiger Aspekt: die Unterscheidung von Anlehnung und Beizäumung. Anlehnung wird oft missverstanden als „durchs Genick gehen“, also mit Beizäumung verwechselt. „Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul.“ Als solche kann man sie bei der Remonte ebenso finde wie beim Springpferd, das vor dem Sprung Kopf und Hals anhebt. Das Pferd soll die Anlehnung laut Richtlinien suchen, der Reiter gestattet sie lediglich. Als Beizäumung wird der Prozess bezeichnet, bis das Pferd „in Anlehnung am Zügel geht“, wobei weiterhin das Genick der höchste Punkt, die Stirn-Nasenlinie aber nur noch leicht vor der Senkrechten ist. Das Zügelmaß der Anlehnung variiert je nach Alter, Exterieur und Grad der Ausbildung des Pferdes sowie nach der Anforderung, die gestellt wird. So sieht die Anlehnung beim Springen anders aus als die beim entspannten Reiten im Gelände oder bei der dressurmäßigen Arbeit.

3 Übungen für eine feine Hand

1. Spüren, wie wenig „Zug“ im Pferdemaul ankommt
Nehmen Sie eine Wassertrense in eine Hand. Eine zweite Person gegenüber nimmt die Zügel in die Hand, so dass sie durchhängen. Am besten funktioniert das, wenn man das Gebiss aus dem Zaum schnallt. Derjenige mit der Trense in der Hand schließt die Augen, während der/die an den Zügeln lediglich eine(!) Zügelfaust in Zeitlupe schließt.

2. Sich am Gebiss führen lassen
Bei der Partnerübung hält eine:r seine beiden Zeigefinger wie eine Wassertrense in Höhe des Bauchnabels – er/sie ist das Pferd. Der „Reiter“ stellt sich gegenüber und umfasst je einen Finger von oben ganz sanft mit den Fingerspitzen von Daumen und Zeigefinger. Das Pferd wird vom Reiter geführt – geradeaus, nach links, rechts und hinten. Ein einfacher Druck vom Reiter mit dem Zeigefinger nach vorne sagt dem Pferd, dass es vorwärts gehen soll. Ein Gegendruck vom Daumen des Reiters sagt dem Pferd, dass es anhalten – oder, wenn es bereits steht – rückwärts gehen soll. Gleichmäßiger Kontakt auf beiden Zeigefingern bedeutet, das Pferd soll geradeaus gehen, mehr Druck auf dem einen oder anderen Finger bedeutet, es soll eine Kurve beschreiben. Mit Druck vom Zeigefinger erhöht der Reiter das Tempo, drückt er mit dem Daumen (also Richtung Bauch das Pferdes) kann er das Tempo verlangsamen. Es wird kein Dauerdruck ausgeübt, sondern es werden kleine, sich in der Intensität steigernde Impulse gesetzt, bis eine Reaktion kommt. Das Pferd soll lernen, auf leichte Impulse zu reagieren. Danach wird getauscht.

3. Biomechanik prüfen
Mit einem nassen Schwämmchen lässt sich üben, zart Druck aufzubauen und entspannte Zügelfäuste korrekt mit an der Taille platzierten Ellbogen zu erspüren. Die Finger sanft um den Schwamm schließen, bis die ersten Tropfen fließen. Mit der anderen Hand fühlen, bis wohin sich die Muskeln anspannen. Richtig wäre maximal bis zum Ellbogen. Wichtig: Zwischendurch – genau wie beim Reiten auch – wieder lockerlassen (das berühmte Nachgeben ist einfach ein Loslassen der aufgebauten Spannung oder gegebenenfalls des Eindrehens der Faust!) Anschließend falsche Handhaltungen bewusst testen: den Daumen flach machen, die Faust nicht ganz schließen und dann versuchen, die Handgelenke zu bewegen.

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Das Überstreichen ist die Probe aufs Exempel: Bleibt das Gleichgewicht erhalten? © Christiane Slawik, www.slawik.com

Selbsthaltung ist alles

Der vielleicht wichtigste Punkt aber ist die bereits erwähnte Selbsthaltung. Denn ein Pferd, das sich selbst trägt, lehnt sich nicht auf den Zügel. Wie erreicht man das? Und: Was ist Selbsthaltung überhaupt? Läuft ein Pferd über die Koppel, bewegt es sich in Selbsthaltung. Ein Pferd, das am hingegebenen Zügel den/die Reiter:in trägt, nimmt ebenfalls eine Selbsthaltung ein. Und ein Pferd, dem der/die Reiter:in im Galopp mit beiden Händen überstreicht, indem er die Zügelfäuste entlang des Mähnenkamms um zwei Handbreit Richtung Maul führt, zeigt ebenfalls seine Selbsthaltung – oder eben auch nicht. Bleibt es nämlich nicht in der Haltung, in der es vor dem Überstreichen war, wird klar, dass keine Selbsthaltung vorhanden war. Übungen für Selbsthaltung (die man an jeden Ausbildungsstand anpassen kann) sind:

  • Zügel aus der Hand kauen lassen – in jeder Gangart (bis zur Schnalle, bis Höhe Buggelenk oder nur in eine minimale Rahmenerweiterung) – aber immer nur in dem Tempo und so weit, wie das Pferd sein Gleichgewicht behält
  • Überstreichen (die Nasen-Stirnlinie darf dabei ein wenig mehr vor die Senkrechte kommen)
  • Eine feine Anlehnung bei korrekter Zügelfaust herstellen und mit dieser „Nullstellung“ spielen, indem man einmal die Zügelfäuste für einige Sekunden ein wenig mehr öffnet und einmal vermehrt schließt (Schwämmchenausdrücken!)
  • In verändertem Rahmen arbeiten (also Zügelmaß und Tempo variieren)
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Regelmäßige Sitzlongen fördern die feine Reiterhand. © www.slawik.com

Immer wieder Sitzschulungen

Eine feine Hand entsteht seitens des Reiters/der Reiterin durch einen effektiven, ausbalancierten Reitersitz: einen zügelunabhängigen Sitz. Leider neigen wir Menschen dazu, uns bei allem, was uns aus dem Gleichgewicht bringt, reflexartig mit den Händen festzuhalten. Das verhindert ein feines Maul bei jedem Pferd.

So ein zügelunabhängiger Reitersitz entsteht nicht von einem Tag auf den anderen. Das ist der Grund, warum eine lange Phase der Sitzschulung etwa in der Spanischen Hofreitschule Tradition hat.

Einheiten an der Sitzlonge schulen zu jedem Zeitpunkt der Ausbildung den/die Reiter:in auf eine noch feinere, effektivere Hilfengebung und damit eine Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, bei der die Pferde fein im Maul bleiben.