Leseprobe

Wie Pferde "Nein" sagen - und warum

Ein Artikel von Susanne Kreuer | 23.12.2024 - 08:00
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Neue Aufgaben gehen Pferde je nach Charakter ganz verschieden an. Hier sind eine gewisse Unsicherheit angesichts des Unbekannten, aber auch Neugier zu sehen. ©www.Slawik.com

Dass Pferde und Menschen zwei unterschiedlichen Arten angehören, wird spätestens beim Austausch von Botschaften fühl- und sichtbar. Nicht selten führen Missdeutungen zu gegenseitigem Unverständnis oder sogar zu Konflikten. Oft stellt sich die Frage: Versteht, kann oder will mein Pferd einfach nicht? Ob nun vom Boden oder vom Sattel aus: Wer mit Pferden erfolgreich interagieren möchte, der ist angehalten, zunächst die Körpersprache der Tiere zu beobachten. Pferde drücken sich ihrer Natur entsprechend vornehmlich über Mimik und Gestik aus. Ihre Signale sind dabei so klar und unmissverständlich, dass wir sie mit etwas Einsatz und Motivation fast wie Vokabeln lernen können. Dazu ist es nicht nur wichtig, das eigene Auge zu schulen, sondern auch, sich selbst gelegentlich in den Blick zu nehmen. Immerhin hat jede Kommunikation zwei Parteien: einen Sender und einen Empfänger.


Kein Signal ist bedeutungslos

Sich einander anzunähern und sich gegenseitig zu verstehen, um sich austauschen zu können, sind die Voraussetzungen für ein funktionierendes Miteinander. Die Körpersprache von Pferden basiert auf einem komplexen Kommunikationssystem, das sowohl innerartlich (zwischen Pferden) als auch in der Mensch-Tier-Interaktion eine zentrale Rolle spielt. Tatsächlich ist in jedem x-beliebigen Reitstall problemlos beobachtbar dass etliche Botschaften zwischen Menschen und Pferden regelmäßig unterschiedlich (wenn nicht sogar widersprüchlich) gedeutet werden. Dabei ist die Pferdesprache in erster Linie Ausdrucksverhalten. Und das bedeutet, sie ist nicht nur äußerlich erkennbar, sondern auch einschätzbar. Aber das Wichtigste ist, dass sie auch ehrlich und glaubhaft ist, denn Körpersignale können nicht lügen. Keine einzige Botschaft von Pferden ist bedeutungs- oder belanglos. Was sie mitteilen, das beschäftigt sie auch. Das gilt insbesondere für ihre Reaktionen auf Umweltreize.

Im Umgang, bei der Bodenarbeit oder beim Reiten verarbeiten die Tiere ihre Erlebnisse, geben sofort Rückmeldung über ihr Empfinden und teilen sich stetig mit. Wir müssen nur hinsehen, hinhören und vor allem hinfühlen.


In der Interaktion mit uns Menschen zeigen sie sehr spezifische Verhaltensweisen, die beachtliche Rückschlüsse auf ihr Vertrauen und ihr Wohlbefinden zulassen. Die Fähigkeit, die Körpersprache und Mimik von Pferden zu lesen, ist entscheidend für das Training, die Pflege und den Umgang. Ganz sicher sind die Tiere Individuen mit Charaktereigenschaften, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden, aber es gibt Überschneidungen und Verhaltensweisen, auf die ein:e verantwortungsbewusste:r Reiter:in achtet.

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Bei der Bodenarbeit lässt sich der Ausdruck des Pferdes besonders gut studieren: Dieses ist aufmerksam und konzentriert. © www.Slawik.com

„Ich verstehe nicht!“

Wenn ein Pferd eine gestellte Aufgabe nicht versteht, wird es vermehrt Anzeichen von Unsicherheit zeigen. Diese Signale sind zunächst meist subtil und erfordern eine aufmerksame Interpretation, denn die Tiere wollen uns in den meisten Fällen gefallen.

  • Besonders Zögern und Suchverhalten deuten darauf hin, dass Pferde noch nach der korrekten Antwort suchen. Dabei gehen nicht selten die klare Richtung und der Fokus verloren. Häufig schwenken sie den Kopf, schauen sich um oder treten unkoordiniert auf der Stelle.
  • Ein Missverständnis äußert sich manchmal dadurch, dass das Pferd auf eine Hilfengebung inkonsistent oder diskrepant reagiert. Es könnte z. B. auf eine Schenkelhilfe zur Vorwärtsbewegung zunächst nicht reagieren, dann plötzlich zu viel oder zu wenig Tempo aufnehmen. Auch hier sucht es nach dem gewünschten Verhalten, weil es verunsichert ist. Jetzt braucht es eine klare, freundliche Anleitung und vor allem eine deutliche und kleinschrittige Bestätigung, wenn es die Aufgabe nach und nach zu verstehen scheint.
  • Es gibt aber auch Kandidaten, die mit Frust und Nervosität reagieren, wenn sie etwas nicht sofort begreifen. Dies zeigt sich durch überreizte Reaktionen wie Kopfschlagen, häufiges Kauen, vermehrtes Schnauben oder Taktfehler. Hier ist es wichtig, Druck wegzunehmen. Ein aufgeregtes Pferd kann nicht lernen. Erst muss wieder Ruhe in den Körper und parallel die eigene Hilfengebung hinterfragt werden.
  • Wer sich selbst nicht sicher ist, ob sein Pferd nicht versteht oder nicht verstehen will, der sollte explizit die Augen- und Ohrenbewegungen beobachten. Ein verwirrtes oder verunsichertes Pferd zeigt seine Emotionen üblicherweise über seine Ohren, die sich dann häufig und schnell in verschiedene Richtungen bewegen, um neue Informationen zu sammeln. Geweitete Augen oder auch sich ständig wechselnde Blickrichtungen sind ebenfalls ein recht klares Zeichen für Unsicherheit.

Ein aufgeregtes Pferd kann nicht lernen.


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Vermutet man Widerwillen aus Unsicherheit, gilt es die Aufgaben, z. B. mithilfe eines Begleitpferdes, zu erleichtern.  ©www.Slawik.com

„Das kann ich nicht!“

Ist ein Pferd physisch nicht in der Lage, eine Aufgabe auszuführen, dann liegt sehr wahrscheinlich eine Kombination aus mangelnder Kondition, körperlichen Einschränkungen oder sogar Schmerzen vor. Überforderung hat viele „Gesichter“, die Reiter:innen kennen sollten:

  • Bevor sich ein starker Widerstand vonseiten des Pferdes offenbart, gibt es meist kleinere Hinweise wie eine verspannte Muskulatur. Ein physisch (oder psychisch) belastetes Pferd ist immer angespannt. Dies kann sich durch eine verspannte Rücken- oder Halsmuskulatur, ungleichmäßige Tritte oder steife Bewegungen äußern. Es muss zwingend ein Gang zurückgeschaltet werden, um Ursachen abzuchecken.
  • Auch Veränderungen im Gangbild wie Lahmheiten oder steife Gelenken deuten auf Unvermögen hin. Pferde sollten, um gesund und motiviert zu bleiben, Bewältigungsstrategien und ausreichend Fitness haben, um gefordert und trainiert zu werden. Dazu sollte stets der Zustand des Pferdes die Schwere einer Lektion bestimmen (und weniger das Reiterego).
  • Bei körperlichen Schmerzen haben Pferde jedes Recht dazu, eine Forderung abzulehnen. Weigert ein Pferd sich, bestimmte Bewegungen auszuführen, die ggf. ansonsten kein Problem darstellen, geht die Gesundheit stets vor. Jetzt weiter Druck und Zwang auszuüben, schadet ihm nicht nur körperlich, sondern belastet auch die Beziehung langfristig. Bei Verweigerung sollte zunächst der Gesundheitszustand überprüft werden, bevor dem Tier Unwillen oder gar Boshaftigkeit unterstellt werden.
  • Fühlt ein Pferd Schmerzen im Bewegungsapparat, zeigt sich dies oft schon beim Satteln und Trensen. Unruhe, Ohrenanlegen, Rückwärtsweichen oder Schweifschlagen sind Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmen könnte. Da sich diese Verhaltensweisen von außen betrachtet nicht immer leicht von Unmut oder mangelnder Motivation abgrenzen lassen, sollte zuerst der körperliche Zustand in den Blick genommen werden, um Probleme entweder anzugehen oder ausschließen zu können.

Bei körperlichen Schmerzen haben Pferde jedes Recht dazu, eine Forderung abzulehnen.


„Ich will nicht!“

Versteht ein Pferd die Aufgabe, ist zudem körperlich fähig, sie umzusetzen, und weigert sich dennoch, dann liegen Bockigkeit, Trotz und Unwille nahe. Ein widerwilliges Pferd versucht immer durch Vermeidungsverhalten einer Aufgabe auszuweichen.

  • Vor allem Ohrenanlegen und/oder Schweifschlagen sind zunächst subtilere Signale für Unzufriedenheit. Auch Langeweile, Unterforderung oder regelrechte Unlust können Pferde dazu verleiten, sich genervt und widerwillig zu präsentieren. Hier gilt es, ruhig etwas Abwechslung ins Training zu bringen. Vielleicht ist mal Geländearbeit angesagt, um neue Reize zu bieten, die dem Pferd die Möglichkeit geben, etwas Neues zu erfahren oder einfach mal „die Seele baumeln“ zu lassen! Pferde sind von ihrer Natur her bestrebt, ihre physische und psychische Ausgeglichenheit immer wieder herzustellen. Geraten sie auf einer Ebene ins Ungleichgewicht, dann erleben sie das als „Not“, die sie abwenden wollen.
  • Sich stark widersetzende Pferde zeigen nicht selten offensive Reaktionen, die nur schwer misszuverstehen sind: Aufstampfen, Ausschlagen mit den Hinterbeinen oder sogar Beißen. Diese Signale sind eine klare Abwehr und werden von den Tieren im sozialen Miteinander erst dann eingesetzt, wenn nichts anderes geholfen hat. Entsprechend ernstzunehmend sind sie auch in der Interaktion mit dem Menschen. Drohverhalten und aggressiver Widerstand sind deutliche Zeichen dafür, dass Beziehungs- und Vertrauensarbeit angesagt ist. Auch der Blick auf die eigenen Kommunikationsmittel ist jetzt sicher angebracht. Insbesondere das Nähe-Distanz-Verhältnis könnte nicht ausreichend geklärt sein. Gegenseitige Grenzen zu kennen und zu respektieren, ist ein Basis-Thema, das in den Fokus der gemeinsamen Arbeit rücken sollte.
  • Auch Blick und Kopfhaltung geben Aufschluss über den Gefühlszustand: Pferde, die keine Lust haben, eine Aufgabe auszuführen, wenden häufig ihren Kopf ab, schauen desinteressiert in die Ferne oder zeigen ein resigniertes Verhalten (z. B. durch ein „Abschalten“).
  • Je nach Persönlichkeitstyp kann sich Unwillen aber auch durch Trägheit und akuten Energieverlust offenbaren. Versteht ein Pferd die Aufgabe, will diese aber partout nicht umsetzen, kann es in eine unerträgliche Bewegungsunlust verfallen. Häufig laufen „betroffene“ Pferde langsamer, wirken desinteressiert oder bleiben einfach grundlos stehen, ohne dass körperliche Gründe vorliegen. In einem solchen Fall darf etwas Spannung ins Training. Was macht dem Pferd erfahrungsgemäß Spaß und fördert die Motivation? Welche Abwechslung könnte es als aufregend (im positiven Sinne) erleben? Wer sein Pferd gut kennt, wird hier schnell Vorschläge anbieten können.

Pferde sind von ihrer Natur her bestrebt, ihre physische und psychische Ausgeglichenheit immer wieder herzustellen. Geraten sie auf einer Ebene ins Ungleichgewicht, dann erleben sie das als „Not“, die sie abwenden wollen.


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Widersetzlichkeit kann auch entstehen, wenn Pferde einfach nicht wollen: Ist die Stute vielleicht rossig?
© www.Slawik.com

Praktische Tipps zur Differenzierung

Eine Abgrenzung von Unverständnis, Überforderung und Unwillen sind nicht immer leicht. Wir können aber viel selbst dafür tun, um die Gründe für das Pferdeverhalten zu erforschen.

Um das Verstehen des Pferdes zu überprüfen, empfiehlt es sich, die Klarheit der Hilfengebung (sowohl am Boden als auch vom Sattel aus) zu hinterfragen. Wa diese konsistent und widerspruchsfrei oder könnte beim Pferd tatsächlich etwas Ungewolltes angekommen sein, und es ist eigentlich gewillt, das Geforderte umzusetzen? Wird es ausreichend bestätigt, wenn es etwas richtig gemacht hat? Braucht es vielleicht mehr Sicherheit durch positives Feedback, um sich angenommen und bestärkt zu fühlen? Unter Umständen hilft auch ein (großer) Schritt zurück: Das Stellen einer sehr leichten Aufgabe zeigt in vielen Fällen recht schnell, ob das Pferd ein unerkanntes Problem hat oder die Aufgabe zuvor zu ungenau/schwierig/überfordernd war.      

Bleiben Verständigungsprobleme bestehen, dann ist es immer ratsam, eine tierärztliche Einschätzung einzuholen. Eine gründliche Untersuchung kann helfen, mögliche orthopädische oder muskuläre Probleme aufzudecken. Mitunter bietet sich auch eine Bewegungsanalyse an. Das Laufen auf unterschiedlichen Untergründen und in verschiedenen Gangarten, um eventuelle (übersehene) Lahmheiten oder Steifheiten aufzudecken, kann sehr aufschlussreich sein. Eine mangelnde Dehnbarkeit der Muskulatur oder Gelenkprobleme können Gründe dafür sein, dass das Pferd bestimmte Bewegungen nicht ausführen kann.

Darüber hinaus ist die Förderung der (intrinsischen) Motivation immer eine gute Idee. Pferde, die regelmäßig ähnliche oder sogar sich wiederholende Aufgaben absolvieren müssen, können gelangweilt oder sogar „sauer“ werden. Neue Anreize, spannende Übungen oder unbekannte Umgebungen können Wunder bewirken.

Letztlich sollte stets der mentale Zustand eines Pferdes bei (ungewöhnlichen) Auffälligkeiten in den Blick genommen werden. Ein gestresstes Pferd kann ebenso Unwillen zeigen wie ein krankes oder bockiges. Haben sich die Haltungsbedingungen geändert? Gibt es Unstimmigkeiten oder Veränderungen in der Herde/bei Boxennachbarn/in der Stallgasse/bei der Einstreu/dem Futter/beim Zeitmanagement? Könnte etwas dem Pferd die Laune vermiesen? Erfahrungsgemäß könnte dies auch etwas sein, das aus menschlicher Sicht nur eine Nichtigkeit darstellt, für das Pferd aber eine entscheidende Rolle in dessen Alltag einnimmt.     

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Loben und Bestätigung geben: Das hilft in vielen Fällen gegen Unmut, weils es Pferd und Reiter:in Freude macht.  © www.Slawik.com

Praktische Tipps zur Differenzierung

Eine Abgrenzung von Unverständnis, Überforderung und Unwillen sind nicht immer leicht. Wir können aber viel selbst dafür tun, um die Gründe für das Pferdeverhalten zu erforschen.

Um das Verstehen des Pferdes zu überprüfen, empfiehlt es sich, die Klarheit der Hilfengebung (sowohl am Boden als auch vom Sattel aus) zu hinterfragen. Wa diese konsistent und widerspruchsfrei oder könnte beim Pferd tatsächlich etwas Ungewolltes angekommen sein, und es ist eigentlich gewillt, das Geforderte umzusetzen? Wird es ausreichend bestätigt, wenn es etwas richtig gemacht hat? Braucht es vielleicht mehr Sicherheit durch positives Feedback, um sich angenommen und bestärkt zu fühlen? Unter Umständen hilft auch ein (großer) Schritt zurück: Das Stellen einer sehr leichten Aufgabe zeigt in vielen Fällen recht schnell, ob das Pferd ein unerkanntes Problem hat oder die Aufgabe zuvor zu ungenau/schwierig/überfordernd war.      

Bleiben Verständigungsprobleme bestehen, dann ist es immer ratsam, eine tierärztliche Einschätzung einzuholen. Eine gründliche Untersuchung kann helfen, mögliche orthopädische oder muskuläre Probleme aufzudecken. Mitunter bietet sich auch eine Bewegungsanalyse an. Das Laufen auf unterschiedlichen Untergründen und in verschiedenen Gangarten, um eventuelle (übersehene) Lahmheiten oder Steifheiten aufzudecken, kann sehr aufschlussreich sein. Eine mangelnde Dehnbarkeit der Muskulatur oder Gelenkprobleme können Gründe dafür sein, dass das Pferd bestimmte Bewegungen nicht ausführen kann.

Darüber hinaus ist die Förderung der (intrinsischen) Motivation immer eine gute Idee. Pferde, die regelmäßig ähnliche oder sogar sich wiederholende Aufgaben absolvieren müssen, können gelangweilt oder sogar „sauer“ werden. Neue Anreize, spannende Übungen oder unbekannte Umgebungen können Wunder bewirken.

Letztlich sollte stets der mentale Zustand eines Pferdes bei (ungewöhnlichen) Auffälligkeiten in den Blick genommen werden. Ein gestresstes Pferd kann ebenso Unwillen zeigen wie ein krankes oder bockiges. Haben sich die Haltungsbedingungen geändert? Gibt es Unstimmigkeiten oder Veränderungen in der Herde/bei Boxennachbarn/in der Stallgasse/bei der Einstreu/dem Futter/beim Zeitmanagement? Könnte etwas dem Pferd die Laune vermiesen? Erfahrungsgemäß könnte dies auch etwas sein, das aus menschlicher Sicht nur eine Nichtigkeit darstellt, für das Pferd aber eine entscheidende Rolle in dessen Alltag einnimmt.