Freizeit & Praxis

Das Mindset, das dein Reiten leichter macht

Ein Artikel von Claudia Götz | 26.12.2025 - 10:11
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Niemand würde verneinen, dass ein harmonisches Zusammenspiel zweier Lebewesen Achtsamkeit benötigt. Doch was ist Achtsamkeit eigentlich genau? Gar keine so einfache Frage, denn es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs. Das Gute daran: Alle Facetten der Achtsamkeit – egal ob östliche meditative Aspekte oder westliche therapeutische Sichtweisen – helfen Pferdemenschen weiter. Gemeinsamer Nenner von Theorien zur Achtsamkeit ist Aufmerksamkeit, die sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf Vergangenheit oder Zukunft), die absichtsvoll, aber nicht wertend ist, und die Wahrnehmung öffnet, den Blick sozusagen weit stellt. Damit unterscheidet sich Achtsamkeit von Konzentration, bei der man sich fokussiert und seine ganze Aufmerksamkeit einem begrenzten Bereich seiner Wahrnehmung widmet. Soweit die Theorie. In der Praxis lässt sich Achtsamkeit beim und mit dem Pferd auf viele Arten (er)leben – beim Erlernen und Verfeinern der Hilfen, beim Entwickeln des Reitergefühls oder der Wahrnehmung des Pferdes und seiner körperlichen und psychischen Verfassung.

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Achtsamkeit eröffnet eine neue Welt

Für viele ist der Begriff Achtsamkeit gewissermaßen zum roten Tuch geworden. Das ist kein Wunder, wird er doch inzwischen recht inflationär benutzt, in Frauenzeitschriften ebenso wie im Fitnessstudio oder in Managementschulungen. Doch es lohnt, die Vorurteile zu überdenken: Achtsamkeit kann zur Kommunikation und damit zur Verbesserung der Beziehung von Mensch und Pferd beitragen. Im 2021 bei Cadmos erschienenen Buch „Equus lost?“ des Biologen und Verhaltensforschers Francesco De Giorgio und José De Giorgio-Schoorl heißt es über die Kommunikation mit den Pferden: „Allmählich wird diese große Neugier, Offenheit und Achtsamkeit ein Teil von uns und unserem täglichen Leben, auch wenn wir nicht bei den Pferden sind. Für viele Menschen stellt dies eine Wachstumsreise dar, die dazu führt, dass sie kognitive Fähigkeiten erwerben und verstehen, wie sie das Pferd schützen und respektieren können, und wie Raum für ein Verständnis des anderen geschaffen werden kann.“

Die außergewöhnliche Herangehensweise der beiden beschreiben folgende Sätze: „Das Pferd als Individuum zu verstehen bedeutet nicht, die humanste Art der Ausbildung zu finden, denn das ist immer noch eine anthropozentrische Sichtweise. Es geht darum, ein Individuum so zu sehen, wie es ist – es geht um seine Art, die Welt zu erleben und in ihr zu leben.“ Dabei ist den beiden klar: „Der schwierigste Schritt ist, neue Türen zu öffnen, die Erwartungen aus dem, was man als schon erlangtes Wissen sieht, loszulassen, und sich stattdessen zu erlauben, mit neuen Augen zu sehen.“Für die Praxis mit dem Pferd schlagen sie deshalb vor, sich folgende Fragen zu stellen: „Wie kann ich unter Berücksich-
tigung dieser neuen Entwicklungen vorgehen? Wie kann ich sie in praktische Situationen einbinden? Wie kann ich dem Pferd helfen, Herr seiner eigenen Welt zu werden?“

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© Matthias Heschl/Sognohof

Jede:r war schon achtsam

Wer das als zu fremd, kompliziert oder sogar verkopft empfindet, kann sich klar machen: Jede:r hat diese Dinge selbst immer wieder erlebt. Ein Beispiel dafür ist der berühmte erste Versuch. Jede Reiter:in kennt das: Man bekommt eine Anweisung oder Erklärung oder nimmt sich vor, dies oder jenes nun zu machen – egal ob Rückwärtsrichten, Angaloppieren aus dem Schritt oder Traversale im Trab – und es klappt beim ersten Mal ganz fantastisch, nahezu perfekt. Man meint, es sofort noch einmal oder sogar noch besser machen zu müssen, und dann passiert Folgendes: Die zweiten und dritten Versuche sind in der Regel schlechter oder es klappt sogar gar nicht mehr. Der vierte Versuch ist vielleicht wieder einigermaßen okay, aber lange nicht so gut wie der erste – und das auch nur wenn man sehr viel Glück und schon gelernt hat, die Erwartungshaltung wegzulassen und mit seiner Aufmerksamkeit im Moment zu sein. Letzteres ist nämlich auch schon das Geheimnis des geglückten ersten Versuchs. Wer möchte, kann das jetzt Achtsamkeit nennen.

Doch was steckt hinter den schlechteren Versionen zwei bis vier? Auf rein körperlicher Ebene verkrampft man durch den Ehrgeiz oder die Erwartungshaltung, die man aufbaut. Statt entspannt zu bleiben und einfach nur zu fühlen, machen wir unbewusst Druck, und das verträgt sich nicht mit feinen Hilfen. Eine andere Erklärung lautet so: Man geht vom Spüren ins bewusste Handeln – also von den eher intuitiven vermehrt in verstandesmäßige Gehirnareale. Letztendlich aber blockiert man damit sich selbst und das Pferd. Deshalb: Wenn’s gut war – gut sein lassen! Das Pferd bekommt eine Pause zur Belohnung und danach macht man etwas anderes oder beendet diese Reiteinheit sogar sofort, indem man absteigt und das Pferd noch zum Abwärmen führt.

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Ein weiteres Beispiel für Achtsamkeit, das sicherlich jede:r schon im Umgang mit Pferden erlebt hat: Das Verhalten von Pferden wird quasi vorausgeahnt und es gelingt, souverän zu reagieren oder einzugreifen. Das ist der Moment, in dem man – oft unbewusst – nachtreibt, bevor das Pferd abrupt stehenbleibt, um zu grasen, ebenso wie die Millisekunden, in denen man den Strick fester in die Hand nimmt und sich besser positioniert, bevor das Pferd erschrickt und sich ansonsten losgerissen hätte. Und wer erkennt, dass sein Pferd etwa beim Führen immer überholen möchte, der wird irgendwann schon den ersten Impuls des Pferdes dafür spüren.

Pferden sozusagen einen kleinen Schritt voraus zu sein, hilft bei der Erziehung ebenso wie bei der Vertrauensbildung, das lernen die meisten Pferdemenschen schnell. Wir erhalten ohnehin über alle unsere Sinne Informationen, um wahrzunehmen, wann sich am Verhalten des Pferdes etwas ändert: die Augen, die Ohren, die Rezeptoren in unseren Händen (wenn man Zügel oder Führstrick hält) und den Gleichgewichtssinn (wenn man auf dem Pferd sitzt). Ob einen das Pferd beim Führen überholen möchte, könnte man also am veränderten Takt oder dem Ton des Auffußens hören. Den Atem und die Höhe der Nüstern, aus denen er strömt, können wir ebenso wahrnehmen wie eine Veränderung am Strick. Wer dies trainiert, kann frühzeitig reagieren. Dann kann man eine Korrektur sehr viel sanfter ausführen oder muss sie gar nicht mehr machen, weil man das Pferd antizipatorisch – also vorausahnend – auf eine andere Idee gebracht hat, oder den Auslöser eines möglichen Verhaltens „abwenden“ konnte: etwa den Fahrradfahrer, der sich für uns unbemerkt von hinten nähert, oder die Bremse auf der uns abgewandten Halsseite des Pferdes.

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©  Kati/pixabay.com

Einige Achtsamkeitsübungen

Mitschwingen: Lassen Sie sich passiv tragen und erspüren Sie, ob die Pferdebewegung – der Schub der Hinterbeine und der nach links und rechts pendelnde Bauch – Ihr Becken zu beiden Seiten gleich weit sinken lässt und nach vorne führt. Fragen Sie sich: Wo halte ich fest, wo müsste ich loslassen? Wo bewegt sich das Pferd nicht symmetrisch? Variation: nicht nur beim Aufwärmen, sondern auch in Schrittpausen am langen Zügel und beim Aufnehmen der Zügel. (Tipp: Die Zügel variierend verkürzen: vom hingegebenen zum halblangen Zügel, wieder eine Handbreit herauslassen, dann eine halbe Handbreite aufnehmen und eine dreiviertel Handbreite wieder herauslassen, usw. Immer nur so weit, dass Sie und das Pferd nicht verspannen und Sie das passive Mitschwingen weiter spüren
können.)
Das Beckenpaddel: Unser Becken sollte so mobil sein, dass es beim Gehen und im Sattel komplexe Bewegungsmuster in der Vertikalen und Horizontalen vollführt. Stellen Sie sich vor, auf Höhe des Beckenkamms ist quer durch das Becken ein Paddel befestigt, wie es Kajakfahrer benutzen. Stehen Sie schulterbreit mit leicht gebeugten Knien und führen Sie das Paddel vorwärts. Führen Sie die Bewegung ruhig und so gleichmäßig wie möglich aus. Versuchen Sie so wenig Krat wie möglich dafür aufzuwenden. Variationen: Legen Sie die Hände auf den Beckenkamm und lassen Sie im Wechsel die Arme entspannt hängen. Wechseln sie die Richtung und erspüren Sie auch hier, ob die Bewegung irgendwo hakt oder weniger rund läut.
Barfuß gehen: Dabei kann unsere Hüte besser die Bewegung beschreiben, die sie auch im Sattel machen sollte. Versuchen Sie, wie Kinder oder Läufer dabei über den Vorfuß auf die Ferse abzurollen und erspüren Sie die Paddelbewegung des Beckens. Variationen: Gehen Sie bergauf und bergab, ändern Sie immer wieder das Tempo und spüren Sie die Unterschiede. Lassen Sie sich dabei von vorne und von hinten auf Video aufnehmen und erkunden Sie danach visuell die Unterschiede.
Totstellen: Die Übung orientiert sich an der Schwimmübung „Toter Mann“, heute zumeist „Seestern“ genannt, und kann auf dem Pferd helfen, ein besseres Bewusstsein für den eigenen Spannungszustand zu erhalten. Wie beim Toter-Mann-Schweben sollen Sie dafür keinerlei Krat einsetzen, stattdessen mit möglichst wenig Spannung im Sattel sitzen. Beobachten Sie, wie das Pferd reagiert. Manchen hilt es, sich zu lösen, andere werden aufmerksamer. Der Wechsel vom Totstellen zum bewussten Mitschwingen der Hüte mobilisiert. (Tipp: Lassen Sie sich führen, falls es Ihnen anfangs schwerfällt.) Variation: Machen Sie die Übung im Trab im leichten Sitz. 

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Was brauchst du, um gut zu arbeiten?

Achtsamkeit ist für die Übungsleiterin Westernreiten und Centered-Riding-Lehrwartin Dr. Ingrid Gampe-Benedict (pferdezone.at) vor allem eine Lebenseinstellung: „Die meisten Pferdemenschen sind vielleicht eine Stunde am Tag im Sattel. Was ich aber 23 Stunden nicht lebe, kann ich in der einen Stunde nicht
aufholen.“ Sie empfiehlt daher, auch in der restlichen Zeit Achtsamkeit zu üben: „Dann wird es ein Leichtes sein, dieses Mindset mit in den Sattel zu nehmen.“ Aus ihrer Erfahrung als Trainerin im Freizeit- und Outdoorbereich weiß sie, „dass sich immer mehr Menschen mit diesem Thema beschäftigen und es auch als Arbeitsgrundlage mit ihren Pferden sehen. Vor allem machen sie sich Gedanken, wie sie beim Reiten ihr Pferd in seiner ganzheitlichen Gesundheit unterstützen können und es als Lebewesen mit seinen Bedürfnissenen wahrnehmen.“ Als negativen Aspekt beobachtet die Trainerin aus dem Wienerwald, dass „Achtsamkeit gerne mit ,Hilfenlosigkeit‘ verwechselt wird. Eine Ausrüstung oder Reiterhilfe, die vorgibt, sanft zum Pferd zu sein, kann für das Pferd auch einfach nur unverständlich und ungenau sein. Achtsamkeit verlangt daher auf der einen Seite Pferdewissen und auf der anderen Seite Pferdewahrnehmung, um herauszufinden, was das Pferd gerade braucht.“

Letzteres ist auch der Titel einer ihrer beiden Lieblingsübungen. Man sollte sie beim Aufwärmen machen, beide gerne zuerst vom Boden aus und dann im Sattel: „Mein Pferd und ich sind am Anfang der Einheit am langen Zügel im Schritt am Platz oder im Gelände unterwegs. Zuerst gehe ich ins Spüren, nutze meinen Körper zur Wahrnehmung, und frage mit meiner inneren Stimme mein Pferd: Was brauchst du, dass du heute gut arbeiten kannst? Dann gehe ich mit meinem inneren Ohr und dem Körper ins Zuhören und gebe uns Zeit.“ Auch die Großmütterchen-Übung bietet sich bereits beim Aufwärmen an: „Ich habe bei meiner Hilfengebung das Bild eines Großmütterchens vor Augen, das über die Straße geführt werden möchte. Sie ist schon sehr alt und gebrechlich; drücke ich zu fest, dann tut es ihr weh, halte ich sie nicht sicher genug, wird sie wackelig und weiß nicht, wohin wir gehen müssen, um sicher über die Straße zu kommen.“ Grundsätzlich ist es Gampe-Benedict wichtig, „mit meinem Reiten das Pferd körperlich, geistig und seelisch nicht nur gesund zu erhalten, sondern zu fördern. Steige ich mit diesem Gedanken in den Sattel, stellt sich die Achtsamkeit von alleine ein“.

Den Blick weiten

„Achtsamkeitstraining lässt meine Sinne wieder neu aufleben und ermöglicht mir ein bewusstes Wahrnehmen des Schönen und Guten. Es entschleunigt den Alltag und gibt mir neue Kraft“, sagt Mag. Valentina Mercedes Heschl, Obfrau des Vereins Sognohof in Wien (sognohof.at). Der Verein steht nicht nur für artgerechte Tierhaltung in der Großstadt, sondern will Sozialkompetenz und Empathie bei Jugendlichen und Erwachsenen fördern. Achtsamkeitstrainings finden sich deshalb ebenso auf dem Programm wie Hippolini-Kurse und Bauernhoftage. Für Heschl, die unter anderem Übungsleiterin Reiten und Voltigieren ist, „stärkt Achtsamkeitstraining mit Pferd den Selbstwert sowie die Führungskompetenz und hilft, Aufgaben besser und fokussierter bewältigen zu können.“

Ihr Fokus im Umgang mit dem Pferd liegt darin, mit der Achtsamkeit zu 80 Prozent bei sich selbst und dem eigenen Körper zu sein und zu 20 Prozent beim Pferd. „Das klingt vielleicht unlogisch, aber ich kann das Pferd am besten unterstützen, indem ich meinen eigenen Körper so gut als möglich beobachte und in Harmonie zu meinem Pferd bewege und versuche, nie störend, sondern bestenfalls unterstützend einzuwirken.“ Etliche ihrer Lieblingsübungen dazu stammen aus ihrer Ausbildung zur Centered-Riding-Trainerin: „Ich schicke zum Beispiel meinen Atem so tief wie möglich in meinen Körper, gerne auch mal als Farbe oder singend. Das Atmen lässt mich elastisch und durchlässig bleiben. Genau das, was ich vom Pferd verlange, erarbeite ich mir also zunächst selbst.“ Eine Übung mit dem Namen „Sanfte Augen“, die dem Pferd signalisiert, dass der Mensch alles im Blick hat und ihm somit Sicherheit bietet, beschreibt sie so: „Ich lenke meinen Fokus gleichzeitig auf Nah und Fern, wodurch sich mein Blickfeld öffnet (peripherer Blick). Sanfte Augen ermöglichen eine bessere Wahrnehmung der Bewegungen des Pferdes und trainieren den Gleichgewichtssinn. Das Pferd kann sich freier und leichter vorwärtsbewegen und die Arbeit miteinander wird dadurch um ein Vielfaches harmonischer.“ Wichtig ist ihr zudem, dass „das achtsame Wahrnehmen von dem, was ist, für mich auch sehr eng mit Dankbarkeit verbunden ist, welche mich täglich bei der Arbeit mit meinen Tieren begleitet, trägt und auch antreibt.“

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Achtsamkeit für Pferde

Letztendlich nützt uns unsere eigene Achtsamkeit nicht viel, wenn die Pferde diese nicht für sich selbst ebenfalls spüren können. Dressurreiter Tristan Tucker befasst sich in seiner TRT-Methode damit, was passiert, wenn Pferde als „Sklaven ihres eigenen Körpers“ agieren, und deshalb auf viele Dinge mit „Unsicherheit und unerwünschten Verhaltensweisen“ reagieren. „Glücklicherweise können Pferde sich selbst kontrollieren und jede Situation meistern, wenn sie lernen, ihren Körper besser zu spüren“, so Tucker auf seinem Instagram-Account (tinyurl.com/TRTAchtsamkeit). Das Gefühl, seinen Körper von innen zu spüren, und zu fühlen, wo etwas verspannt ist und wie es loslassen kann, kann auch ein Pferd lernen, ist er überzeugt. Der Australier vermittelt, wie man dem Pferd dafür gedanklich oder tatsächlich ausgesprochen entscheidende Fragen stellt: „Bist du hier wirklich entspannt? Was kannst du machen, damit du an dieser Stelle entspannst?“ Und er zeigt es ihnen vom Boden aus, indem er sie berührt und/oder bewegt. Das ist kein Hexenwerk, sondern in der Regel mit klassischer Pferdeausbildung, bei der unsere vierbeinigen Partner lernen, ihre Balance zu finden – über Bodenarbeit und unter dem Sattel – zu erreichen. Auch die Arbeit von Linda Tellington-Jones und vieler anderer Bodenarbeitskonzepte geht dahin, dass das Pferd lernt, wo sein Körper anfängt und aufhört und wie es ihn für sich in perfektem Gleichgewicht, ohne zu verspannen oder zu kompensieren, nutzen kann. Man kann diese Art der Körperarbeit auch mit in den Sattel nehmen. Die Fragen des amerikanischen Bewegungstherapeuten Milton Trager „Wie wäre es leichter? Wie wäre diese Bewegung geschmeidiger möglich?“ kann man nicht nur dem Pferd und sich selber, sondern auch dem Team Mensch-Pferd stellen.

Die einfachsten Mittel

Eine reiterliche Tradition, die man bereits als Achtsamkeit bezeichnen kann, sollte man sich immer mal wieder bewusst machen: Es fängt damit an, dass man das Pferd aus dem Stall oder von der Weide holt und es bewusst wahrnimmt – seinen Blick (Ist er klar?), seine Körperhaltung (Ist sie anders als sonst Kommt es gerne mit?) und seinen Gang (Wie läuft es neben mir: langsamer oder schneller als sonst?). Beim gründlichen und systematischen Putzen lassen sich neben kleineren Verletzungen oder stören- den Insektenstichen auch Verspannungen in der Muskulatur finden. Letztere kann man mit dem Striegel gefühlvoll massieren. Wer beim Putzen der Beine eine Hand am Pferd und eine an der Bürste hat, be- kommt mögliche Temperaturunterschiede mit. Man prüft auch den Zustand der Barhufe oder den Sitz der Eisen. Beim Satteln und Trensen lohnt es sich, auf Signale des Pferdes zu achten. Abwehrbewegungen wie Ohrenanlegen, Zähneknirschen oder auch nur Wegdrehen können Indizien sein, dass etwas nicht passt. Beim Warmreiten am langen Zügel fühlt man, ob etwas hakt, indem man das Becken nur passiv mitschwingen lässt.

Was immer Achtsamkeit am und mit dem Pferd für einen selbst bedeutet, wie weit man diesen Begriff fasst, oder ob man ihn ganz ablehnt, eines sollte in Sachen Achtsamkeit für alle Reiter:innen gelten: Ablenkung wie Musik (gerade über Kopfhörer) oder Gespräche abstellen und weg mit dem Handy am Pferd! Und zwar ganz weg. Auch wenn es nur in der Tasche vibriert, ist die Aufmerksamkeit in diesem Moment woanders. Und dafür ist die Zeit am Pferd zu wertvoll.