Freizeit & Praxis

Schritt für Schritt zur richtigen Spannung

Ein Artikel von Eva Schweiger | 17.12.2025 - 09:49
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Schwungvoll, durchlässig, losgelassen und motiviert:Positive Körperspannung fühlt sich einfach gut an! © www.slawik.com

Was positive Körperspannung ausmacht, erfahren Sie jeden Morgen am eigenen Leib: Wenn Sie verschlafen aus dem Bett steigen, stolpern Sie erst einmal recht unkoordiniert durchs Schlafzimmer. Warum? Weil Ihnen, so kurz nach dem Ruhen, jene gesunde Grundspannung fehlt, die geschmeidige und kraftvolle Bewegungen ermöglicht. Der gesamte Bewegungsapparat – beim Menschen wie beim Pferd – funktioniert nur dann optimal, wenn Muskeln und Bindegewebe elastische und zugleich kraftvolle Spannung aufbauen. Tun sie das nicht, sind Fehl- und Überbelastungen in der Bewegung kaum zu vermeiden.

Spannung im richtigen Maß


Dabei kommt es ganz zentral auf das richtige Maß an Spannung an. Ein Zuviel führt zu eingeschränkter Beweglichkeit, ungesunden Kompensationsmechanismen, auf Dauer auch Schmerzen. Ein allzu häufiges Beispiel sind bei uns Menschen genauso wie bei unseren Pferden chronisch verspannte Rücken- und Halsmuskeln. Zu wenig Spannung im Körper hat aber ebenso problematische Folgen, sobald wir uns bewegen: Weil das Skelett zu wenig Unterstützung durch die Muskeln erhält, werden sämtliche stoßdämpfende Strukturen – also zum Beispiel Gelenkknorpel, Bandscheiben, Sehnen und andere Bindegewebe – über die Maßen belastet. Gut trainierte Muskeln können fast die gesamte kinetische Energie, die bei jedem Aufprall der Füße oder Hufe durch den Körper schießt, absorbieren. Damit schützen sie Knochen und Gelenke vor Verletzungen und Abnutzung. Untrainierte Muskeln leisten im Vergleich kaum ein Viertel dieser Federwirkung.

Schritt 1: Spannungszustand erkennen

Wollen wir unsere Pferde also gesund bewegen – egal, ob vom Boden aus oder unter dem Sattel –, sollten wir ihnen zu einem passenden Maß an Körperspannung verhelfen. Zuerst heißt es daher: Erkennen, in welchem Spannungszustand das Pferd sich überhaupt befindet. Sind Sie gerade in eine aufregende Rangelei auf der Koppel hineingeplatzt, um Ihr Pferd zur Arbeit zu holen? Oder hat es sich den Nachmittag mit Fressen und Dösen vertrieben, bevor Sie zur abendlichen Reitstunde ankamen? Je nachdem werden Sie Ihrem Pferd entweder helfen müssen, seine Überspannung abzubauen und sich gelassen zu konzentrieren oder aber seinen Körper zu aktivieren und aufzuwecken. Ein Blick auf das Gangbild verrät untrüglich, wie es um die Körperspannung des Pferdes bestellt ist. Denn wenn Bewegung verlangt wird, aber nicht alle Muskeln harmonisch mit adäquater Spannung zusammenarbeiten, müssen einzelne Muskelgruppen die fehlende Aktivität ihrer Kollegen kompensieren und verspannen sich schnell. Dadurch vermindern sich automatisch Schwung und Leichtigkeit der Bewegung. Besonders auffällig: Die Schubkraft der Hinterhand bleibt aus oder verebbt auf ihrem Weg durch den Körper. Das Pferd schleppt sich eher aus der Vorhand vorwärts, als kraftvoll von hinten zu schieben. Es wirkt auseinandergefallen, Rücken und Bauch hängen passiv durch. Das entgegengesetzte Extrem ist das „spannige“ Pferd – hier sind Hals, Schultern, Rumpf und/oder Hinterhand so angespannt, dass die Bewegungen ebenfalls nicht mehr harmonisch durch den Körper fließen können. Diese Pferde scheinen auf den ersten Blick vielleicht fleißig vorwärts zu gehen, in Wirklichkeit sind sie aber ebenso schwunglos unterwegs wie ihre „faulen“ Kollegen.

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Anfangs ist dieses Jungpferd noch überspannt: Kopf und Hals trägt es hoch, und der Impuls der Hinterhand fließt nicht bis in die Vorhand und das Genick. Deutliches Indiz: Das rechte Hinterbein ist schon entlastet, das linke Vorderbein aber noch belastet am Boden. © www.slawik.com

Körperspannung sehen, hören und spüren

Wie erkennt man die positive Grundspannung im Pferd? Sie ist sowohl sichtbar als auch hör- und fühlbar. Beim Longieren über Stangen oder Cavaletti lässt sie sich besonders leicht einschätzen. Einige Anzeichen positiver Körperspannung sind …

sichtbar:

  • gleichmäßig schwungvolles Überwinden einer Stangenreihe (kein Schwanken, Schiefwerden, Auf-die-Schulter-Fallen)
  •  Kopf und Hals bleiben ruhig, die Rückenlinie verlängert sich über den Stangen (kein Durchdrücken des Rückens, kein „Storchengang“)
  • ruhige Kruppe (kein Hüpfen), aktiv vortretende Hinterbeine
  • die Bauchmuskeln sind aktiv (Hängebäuche wirken plötzlich kleiner!)
  • motiviertes, williges Überwinden der Stangen/der Cavaletti: Die Pferde spüren, wann sie in der Lage sind, die Hindernisse gut zu überwinden!
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Schon besser: Der Hals ist lang und losgelassen, die Hinterhand wird aktiver. Noch fehlt ein wenig der Vorwärts-Aufwärts-Impuls. Die Trittlänge von Vor- und Hinterhand ist nun ähnlicher. © www.slawik.com

hörbar:

  • sanft und leise aufkommende Hufe
  • gleichmäßig starkes Auftreten aller vier Hufe
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Jetzt sind Schwung und positive Spannung da: Das ganze Pferd wirkt kompakt, harmonisch und kraftvoll. Die Schultern sind frei, die Oberlinie lang, die Bauchmuskeln aktiv, der Widerrist angehoben. © www.slawik.com

spürbar:

  • elastische, stabile Anlehnung an Zügel oder Longe
  • beim Reiten: gut zu sitzende und durchlässige Pferde, die sich fein und leicht lenken, aufnehmen und vorwärtsreiten lassen.
  • Positiv angespannte Pferde fühlen sich unter dem Sattel „voll“, kompakt und beweglich an.

Schritt 2: Positive Spannung herstellen

Oft wird ein schlechtes Gangbild mit fehlender Muskelkraft erklärt, die schwunglose oder festgehaltene Bewegung lastet man schlechter Gymnastizierung oder auch „Faulheit“ des Pferdes an. Aber denken Sie wieder an Ihren Selbstversuch: Selbst ein gut trainierter Sportler wird morgens nicht immer elegant und schwungvoll aus dem Bett springen. Die positive Körperspannung zu aktivieren, braucht eben Zeit – und dient auch der Verletzungsprophylaxe: Der Pferdekörper ist zwar auf viel Bewegung, auch bei hoher Geschwindigkeit, und die damit verbundene hohe Belastung des Bewegungsapparates ausgelegt, aber er muss sich darauf einstellen können – sowohl im Laufe der Entwicklung vom Fohlen bis zum erwachsenen Pferd als auch am Beginn jeder neuen Trainingssaison und jeder einzelnen Bewegungseinheit. Ausgiebiges sinnvolles Aufwärmen ist daher absolut notwendig, bevor die Belastung des Körpers zum Muskelaufbau erhöht wird. Bewegt sich das Pferd zu schnell zu heftig, ohne dass alle Muskeln adäquat mitarbeiten, werden manche auf Dauer übermäßig stark, andere immer schwächer – wachsender Schiefe und Steifheit sind damit Tür und Tor geöffnet.
Die Länge und Intensität der Aufwärmphase richtet sich nach vielen verschiedenen Faktoren. Als Faustregel gilt: 20 Minuten Schritt, bevor die Arbeit begonnen wird. Aber schon hier kommt es auf die Qualität der Bewegung an: 20 Minuten langsamen Dahinschlurfens bereitet den Pferdekörper nicht ausreichend auf die Arbeit vor, genauso wenig tun es 20 Minuten angespannter „Storchengang“ ohne Fokus auf die kommende Arbeit. Im Laufe der Aufwärmphase steigert man die Anforderungen langsam – vom gemütlichen Schrittgehen, das den Bewegungsapparat langsam auf Betriebstemperatur bringt, über sanfte Lösungs-, Dehnungs- und Lockerungsübungen bis schließlich hin zum zielgerichteten Aufbauen einer positiven Grundspannung im gesamten Körper. Dafür sind biegende Arbeit, Übergänge oder Seitengänge sehr hilfreich. Ziel ist die Balancierung des Spannungslevels und besonders die Aktivierung der Rumpf- und Hinterhandmuskulatur, die beim Reiten gefordert ist, und die Wirbelsäule schützt. Cavaletti und Stangen helfen hier nicht nur für den Aufbau, sondern auch zur laufenden Überprüfung des gesunden Spannungslevels während einer Trainingseinheit.

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Ganzkörper(spannungs)training im Extreme Trail. © www.slawik.com

Stangen und Cavaletti einmal anders

Ein sehr effektives Mittel, Pferden im Training zu gesunder Grundspannung zu verhelfen, sind Bodenstangen und Cavaletti. Warum nicht einmal ein wenig kreativ damit arbeiten?

Stangen am Hang


Bergauf- und Bergabgehen an sich trainiert den Pferdekörper bereits auf sehr umfassende Weise. Während beim Anstieg Kruppe, Hinterhand- und Rückenmuskulatur intensiv gestärkt werden, müssen beim Abstieg die Bauchmuskeln arbeiten. Für den/die Reiter:in ist beim Bergaufreiten die Aktivität der Rückenmuskeln und die Aufwölbung des Rückens sehr gut spürbar. Nutzen Sie die Gelegenheit, um sich einzuprägen, wie breit und stark sich der aktive Pferderücken anfühlt: So soll er bei der Arbeit am Reitplatz auch sein!

Muss das Pferd am Hang außerdem Stangen (oder z. B. Baumstämme im Gelände) überwinden, erhöht sich der Trainingseffekt weiter. Auch Koordination und Konzentration sind hier gefordert. Bergab über Stangen zu steigen, bringt die Hinterhand besonders stark unter den Körper, dehnt und kräftigt die Hinterhand- und Rückenmuskulatur. Beim Bergaufgehen muss die Vorhand über einer Stange weit vorgreifen, was z. B. die Schultermuskeln anspricht.

Springen ohne Anlauf

Ein Cavaletto auf höchster Stufe überwinden Pferde aus dem Schritt oft lieber mit einem kleinen Sprung als Schritt für Schritt. Wenn Ihr Pferd sich so behilft: Lassen Sie es machen! Das Springen aus dem Schritt ist eine wunderbare Kraftübung für Hinterhand, Bauch und Rücken. Wie beim Steigen muss das Pferd sich ganz ohne Schwung heben – das erfordert viel Muskelkraft und positive Körperspannung. Für größere Pferde kann man diese Übung einfach mit einem niedrigen Steilsprung oder Kreuz aufbauen. Experimentieren Sie mit Höhe und Breite der Hindernisse und beobachten Sie dabei, wie Ihr Pferd sich bewegt. Falls Sie die Übung unter dem Sattel machen, spüren Sie genau hin, wie sich die Spannung im Pferdekörper verändert. Bauen Sie nach einigen Sprüngen aus dem Schritt zum Beispiel ein paar Schritt Trab-Übergänge oder Trab-Halt-Übergänge ein: Sie werden bemerken, wie viel durchlässiger und koordinierter Ihr Pferd wird, wenn sein Körper in die positive Spannung findet. 

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Psyche und Körper: Ausbalancierte Spannung ist das Ziel! © www.slawik.com

Schritt 3: Mit Maß und Ziel arbeiten

Sobald Ihr Pferd sich flüssig, locker und mit Schwung bewegt, können Sie mit der Arbeitsphase beginnen. Versuchen Sie, Trainingsreize zu setzen, die die positive Spannung etablieren und beim nächsten Mal schon ein klein wenig leichter erreichbar machen. Auch hier kann die Stangenarbeit gute Dienste leisten. Beobachten Sie genau, wie lange Ihr Pferd durchhält. Achtung: Wenn Sie noch nicht (lange) unter diesen Gesichtspunkten gearbeitet haben, kann Ihr Pferd die positive Spannung im Körper vielleicht nicht länger als wenige Minuten am Stück aufrechterhalten. Wenn die Rücken-, Bauch- und Hinterhandmuskeln ermüden, bemerken Sie die Veränderung im Gangbild. Machen Sie Pausen und arbeiten Sie anfangs nicht länger, als Sie die positive Spannung im Pferd spüren können. Denn sobald die Muskeln nachlassen, übernehmen vor allem Gelenke und Sehnen die Abfederung der Bewegung – und leiden bald darunter. Behalten Sie außerdem im Kopf, dass Psyche und Spannungszustand des Körpers miteinander verknüpft sind: Nur ein ausgeglichenes, positiv gestimmtes Pferd ist in der Lage, sich gesund und in positiver Spannung zu bewegen.

Ein Auge auf die Spannung halten

Vom Erspüren des Spannungszustands am Anfang des Trainings über das richtige, sinnvolle Aufwärmen bis hin zu einer Arbeitsphase, die das Pferd in positiver Spannung hält: Das Thema Körperspannung begleitet uns beim Pferdetraining ständig. Beim Reiten oder bei der Bodenarbeit, an der Longe oder beim Spazierengehen lohnt es sich, immer wieder einen Blick auf das Gangbild des Pferdes zu werfen, bewusst seinen Schwung und seine Durchlässigkeit zu erspüren und auch seine Motivation und Freude an der Arbeit sicherzustellen. Damit sind die besten Voraussetzungen für gesunde Bewegung geschaffen.