Freizeit & Praxis

Experiment E-Pferd: Reitsimulatoren im Check

Ein Artikel von Margarete Donner | 29.12.2025 - 10:03
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©  Wau-Effekt_Celia Ritzberger

Der Rappe Douglas überwindet den Baumstamm relativ sicher, drückt aber dann vor dem Tisch viel zu schräg ab. Pferd und Reiterin schaffen es gerade noch über den Sprung, kommen nach dem Landen von der Strecke ab und galoppieren mitten ins Gebüsch. Instinktiv zieht die Reiterin den Kopf ein und bremst mit einem lauten „Brrrr“, während sie die Zügel annimmt. Douglas steht sofort still und blickt starr geradeaus – in den Monitor. Dass sich der Simulator eigentlich keinen Zentimeter vorwärtsbewegen kann und Stimmkommandos konsequent ignoriert, hat seine Reiterin nach den ersten paar Sprüngen auf der Geländestrecke völlig ausgeblendet.

Rasse mit Geschichte

Weltweit hat Douglas zahlreiche Artgenossen, auch wenn er sie wohl auf keinem Turnier kennenlernen wird. Sie wurden für unterschiedliche Sparten gebaut und programmiert: Der Jockey in Großbritannien trainiert seine Kondition am Rennsimulator, der Polospieler in Südamerika übt auf einem mechanischen Rappen den Abschlag und eine deutsche Voltigiergruppe perfektioniert auf dem MOVIE ihre Kür. In Japan reiten Museumsbesucher virtuell in eine Schlacht und in China verbessert eine Patientin mit Zerebralparese mithilfe des E-Pferdes ihren Muskeltonus. Wer in Österreich in den Sattel eines Racewood-Reitsimulators steigen möchte, wird derzeit nur in Oberösterreich oder Wien fündig, wohingegen die MOVIES für Voltigierer:innen schon bei zahlreichen Vereinen im Einsatz sind.
Die Idee, ein unbelebtes (Holz-)Pferd in Bewegung zu versetzen, ist keinesfalls neu. Schaukelpferde gibt es seit dem 17. Jahrhundert, und eine der bekanntesten Pferdefrauen Großbritanniens, Königin Elisabeth II., besaß als Kind einen ganzen Stall davon. Die königlichen Tiere wurden jeden Abend von Elisabeth gefüttert und boten immerhin zwei Bewegungsrichtungen an: vor und zurück sowie auf und nieder.
Auch das Militär bediente sich Anfang des 20. Jahrhunderts beweglicher Pferdeattrappen, um bei der Ausbildung der Kavallerie die lebenden Vierbeiner zu schonen. So zeigen historische Aufnahmen berittene Soldaten bei Balance- und Kräftigungsübungen auf gesattelten Holzpferden. Durch eine aus- geklügelte Unterkonstruktion wurden diese damals von Menschenhand „in Gang“ gebracht.

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Reitsimulator Douglas im 22. Bezirk in Wien geht unerschrocken ins Gelände und gibt dem Reiter Feedback zu jedem einzelnen Sprung der Vielseitigkeitsstrecke. © Reitsimulator Wien

Ehrliches Feedback

Douglas steht in einem schönen Studio in Wien und muss glücklicherweise nicht von seiner Besitzerin Doris Trummer manuell angetrieben werden. Der lackschwarze Vielseitigkeitssimulator ist je nach Einstellung Spring- oder Dressurpferd mit drei verschiedenen Tempi innerhalb jeder Gangart, wobei der Takt vor allem im Schritt oder Trab von Beginn an recht forsch ist. So ist auch unser erster – und natürlich vergeblicher – Impuls beim Probereiten, den übereifrigen Rappen etwas runterzufahren.

An jeder Seite verfügt das E-Horse über drei Sensoren, die auf Schenkeldruck reagieren. Aktiviert der Reiter die richtige (!) Kombination dieser Schaltflächen, kann er die Gangart erhöhen, angaloppieren oder Seitengänge reiten. Im elektronisch-sensiblen Pferdemaul sowie in der Sattellage sind ebenfalls Sensoren angebracht, die Rückmeldung über Zügelführung, Sitz und Balance geben: Ein großer Monitor zeigt genau an, wie sich der eigene Schwerpunkt in den verschiedenen Gangarten bewegt und ob er regelmäßig zu weit nach rechts oder links, vorne oder hinten wandert. Auch die zwei Balken für die Zügelführung reagieren auf einseitige, unstete oder zu harte Hände mit einem gnadenlosen Wechsel von Grün über Gelb auf Rot. Jeder Überraschungseffekt – „Ich dachte ich habe in jeder Hand gleich viel Gewicht!“ – wird so zum Lerneffekt.

Da man kein Lebewesen mit der eigenen Unzulänglichkeit stört, darf man auf dem Simulator bewusst Fehler machen und nach Lust und Laune mit dem eigenen Sitz experimentieren. Zusätzlich zu dem Feedback über die verschiedenen Sensoren aktiviert Doris Trummer auf Wunsch ein effektives Kamerasystem, durch das sich der Reiter von der Seite und von hinten beobachten kann. Ersteres kennt man von Hallenspiegeln, Letzteres bietet einen überraschenden An- und Einblick!

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Übungen auf dem Holzpferd haben Tradition, vom Kinder-Schaukelpferd bis zum Trainingsgerät für Soldaten. © www.slawik.com

Möglichkeiten und Grenzen

Wer schließlich genug von reiner Sitzanalyse hat, wechselt das Bildschirmprogramm und reitet ins Dressurviereck, durch den Parcours oder auf die Geländestrecke. Das virtuelle Outdoortraining bietet zwar einen gehörigen Spaßfaktor, zeigt uns aber erstmals deutlich die Grenzen des Simulators auf. Bei dem Versuch, Douglas über den Sitz zu lenken, landen wir schnell außerhalb des Vierecks oder im Gebüsch. Der stoische Rappe lässt sich nämlich ausschließlich über Zügelhilfen dirigieren. Kleine Variationen bei den Schenkelhilfen quittiert er ebenfalls mit Ignoranz, denn er kennt diesbezüglich nur Null oder Eins: Liegt das Bein knapp neben dem Sensor, passiert nichts, trifft man den Sensor genau, reagiert er. Weder eine langsame Steigerung der Hilfengebung noch ein biegender Sitz zeigen irgendeine Wirkung.

Eva Minibeck, Lehrtrainerin nach Sibylle Wiemer und Centered-Riding-Ausbilderin, kennt die Problematik: „Einen Simulator kann man nicht komplett über den Sitz steuern oder über innere Bilder reiten. Ab einer gewissen Feinheit im Reiten wird es schwierig.“ Dennoch arbeitet sie mit ihren Schüler:innen gerne ergänzend am Reitsimulator. Die Gründe dafür sind im wahrsten Sinne des Wortes „naheliegend“: Nirgendwo sonst kann ein Reitlehrer in allen Gangarten aus nächster Nähe korrigierend eingreifen, ohne selbst Kopf und Kragen zu riskieren. Sei es, dass ein Schenkel anders platziert wird, die Hand im Rücken auf das Hohlkreuz aufmerksam macht oder das Becken im leichten Sitz richtig positioniert wird. Ja, es ist sogar möglich, durch Stürze traumatisierte Personen und Angstreiter im Galopp festzuhalten, um ihnen neue Sicherheit zu geben.

Das ausgeglichene Temperament jedes Reitsimulators in Kombination mit seiner dreidimensionalen Bewegung macht ihn auch zu einem geeigneten Trainingspartner für Rehapatient:innen sowie für Menschen mit Beeinträchtigung. Doch obwohl kognitive Übungen am E-Pferd gut gelingen, weil sich rechte und linke Gehirnhälfte durch die Bewegung synchronisieren, fehlt hier ein ganz entscheidender Faktor des therapeutischen Reitens – der Kuschelfaktor. Der Simulator hat kein Fell, keine Atmung, keinen Geruch, keine Ausstrahlung. Im Gegenzug kennt er selbst bei der hundertsten Wiederholung weder Langeweile noch Ermüdungserscheinungen. Das machen sich vor allem die Leistungsturner im Pferdesport zunutze.

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Im VV Schloss Trumau freut man sich über das erste Rundlauf-MOVIE Österreichs. ©  VV Schloss Trumau

Unbegrenzte Wiederholungen

MOVIE heißt das elektronische Holzpferd für Voltigierer:innen, welches schon in zahlreiche Vereinsställe Einzug gehalten hat. Den Tierarzt hat das bewegte Holzteil noch nie gesehen, sein Fütterungsbedarf ist verschwindend gering, doch es ermöglicht – im Unterschied zum Tonnenpferd – ein realitätsnahes Training im Galopp für Anfänger wie Fortgeschrittene. Einen gravierenden Nachteil hat das MOVIE allerdings mit allen Simulatoren gemeinsam: Die Vorwärtsbewegung fehlt. Daher griff man beim Voltigierverein Schloss Trumau tief in die Tasche und holte das erste Rundlauf-MOVIE nach Österreich. Nun fährt das leicht nach innen geneigte, galoppierende Holzpferd auf einem Schlitten mit bis zu 14 km/h im Kreis. „Die Kräfte, die dabei auf den Körper einwirken, sind mit dem Voltigieren am Pferd vergleichbar“, erklärt Obmann Florian Fraisl stolz. Und das ganz ohne Verschleißerscheinungen am Vierbeiner. „Unsere Pferde gehen nur zweimal pro Woche im Voltigiertraining, das Gerät würde auch 24/7 laufen. Du kannst die Kür unter ähnlichen Bedingungen 50-mal turnen“, so Fraisl.

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Rosi Schreiber-Jetzinger testet den herausfordernden Pferdesimulator Joker. ©  Margarete Donner

Das Phänomen der beliebigen Wiederholbarkeit fasziniert auch Reitlehrerin und Bewegungstrainerin Roswitha Schreiber-Jetzinger, als sie auf dem Wiener Simulator eine nahezu unendliche Sprungreihe in Angriff nimmt. Im Automatikmodus zieht der Rappe im gleichmäßigen Tempo Sprung für Sprung an, während Rosi Schreiber verschiedene Übungshaltungen ausprobiert. Douglas leistet sich keinerlei Eskapaden und gibt bei jedem Sprung verlässlich Feedback, ob seine Reiterin vor, nach oder in der Bewegung ist. „Das ist sicher sinnvoll für Leute, die zu springen beginnen“, konstatiert Schreiber-Jetzinger, „man kann lange geradeaus reiten und den Bewegungsablauf automatisieren.“ Hängt man danach seinem vierbeinigen Partner beim Absprung weniger im Maul und fällt ihm bei der Landung seltener in den Rücken, hat Douglas seine Sache gut gemacht. Und hätte ein virtuelles Leckerli verdient.

Hilfsmittel aus der virtuellen Welt

An der Realität gemessen sind diese perfekten Trainingsbedingungen natürlich eine Illusion. Selbst im Sattel eines ruhigen Pferdes ist man niemals ganz vor plötzlichen Panikattacken, Tempounterschieden oder Richtungswechseln gefeit. Nicht einmal dann, wenn man longiert oder geführt wird. Vom Simulator zu fallen ist hingegen sogar für Anfänger fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wiegen Reitsimulatoren ihre Benutzer:innen also in der trügerischen Sicherheit, es sei ein Leichtes, die Balance im Sattel zu halten?

Da hat Doris Trummer vom Reitsimulator Wien noch einen Joker im Ärmel. Den Pferdesimulator Joker nämlich. Der kleine Bruder von Douglas sieht wie ein harmloses Gummipferd aus, hat es jedoch faustdick hinter den Pferdeohren. Denn der Sattel liegt nur lose auf seinem beweglich schwingenden Rücken und schon das Aufsteigen ist eine recht wackelige Angelegenheit. Unter dem Sattel nimmt Joker jede noch so kleine Bewegung auf, er ist sozusagen ein Trampolin in Pferdeform. Wer nicht im Gleichgewicht ist, kommt gehörig ins Schleudern. Eigentlich beherrscht Joker alle Gangarten – bis hin zum fliegenden Galoppwechsel. Allerdings funktioniert er genau umgekehrt wie Douglas: Er verfügt über keinen eigenen Antrieb, verzeiht keine Fehler und geht nur dann korrekt, wenn sein Reiter die richtigen Bewegungen aus dem Sitz heraus macht. Wer nicht reiten kann, hat keine Chance. Und wer glaubt, reiten zu können, erlebt so manche Überraschung.

Weder Joker noch Douglas können jemals ein lebendiges Pferd ersetzen. Sie sind Hilfsmittel, erdacht und designt, um echte Vierbeiner zu entlasten, den Reitersitz einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und risikofrei an bestimmten Problemen zu arbeiten. Es ist daher kein Fehler, sich zwischen-durch mal auf das elektronische Ross zu schwingen, bevor es wieder zu den geliebten Fellnasen geht.

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Ein Simulator erlaubt Korrekturen aus nächster Nähe in allen Gangarten. ©  Wau-Effekt_Celia Ritzberger

Auf einen Blick: Was ein Simulator leisten kann

VORTEILE

● sicheres Setting für Anfänger, Angstreiter, ältere Reiter
● „Hands-on“-Korrekturen aus nächster Nähe
● ehrliches und objektives Feedback über den Reitersitz
● unendliche Wiederholungen und Sprungreihen
● Entlastung der echten Pferde

GRENZEN

● kein feines Reiten nur über den Sitz
● Bewegung immer am Stand, kein Vorwärts
● keine Biegung
● Reiten nicht als wechselseitiger Dialog
● kein Pferdeduft und Kuschelfell