Pferdefütterung ist komplex – die Etiketten auf Futtersäcken können Orientierung geben, sofern man versteht sie zu lesen. © AZ Woodring | stock.adobe.com
Wer sich schon einmal mit der Thematik Pferdefütterung auseinandergesetzt hat, wird wahrscheinlich sehr schnell festgestellt haben: Es ist schon eine kleine Wissenschaft, den richtigen Nährstoff- und Mikronährstoffbedarf für sein Pferd zu ermitteln. Dabei spielen sehr viele Faktoren eine Rolle (siehe auch PR 2/2024, Seite 46–49) – dazu kommt, dass man bei der Futterwahl auch die angegeben Werte auf den Futtersack-Etiketten richtig (be)werten und in die Berechnung einfließen lassen kann.
Was auf diesen Etiketten stehen muss, ist in Österreich durch eine Kennzeichnungspflicht gesetzlich im „Bundesgesetz über die Herstellung, das Inverkehrbringen und die Verwendung von Futtermitteln, Vormischungen und Zusatzstoffen“ (tinyurl.com/Futtermittelgesetz) geregelt. Im § 5 wird die Kennzeichnung definiert:
(1) Futtermittel, Vormischungen und Zusatzstoffe sind […] zu kennzeichnen. Die Kennzeichnung muss in deutscher Sprache abgefasst, allgemein verständlich, deutlich lesbar und dauerhaft angebracht sein. Sonstige Angaben oder Aufmachungen dürfen nicht irreführend sein; derartige Angaben müssen von der Kennzeichnung deutlich abgesetzt sein.
(2) […] Insbesondere können folgende Kennzeichnungselemente vorgeschrieben werden:
- Bezeichnung des Futtermittels, der Vormischung oder des Zusatzstoffes,
- Mengenangabe (Gewicht, Volumen, Stück),
- Angaben über den für das Inverkehrbringen Verantwortlichen,
- Zusammensetzung, Inhaltsstoffe, Zusatzstoffe, unerwünschte Stoffe, Energiewerte, besonderer Ernährungszweck,
- Ort, Art und Zeitpunkt der Herstellung,
- Mindesthaltbarkeitsdauer,
- Wartezeit, Verwendungszweck und Empfehlungen für eine sachgerechte Anwendung einschließlich Sicherheitsratschläge und Warnhinweise.
Rohprotein, Rohasche, Rohfett, Rohfaser... die Liste der Bestandteile in Pferdefutter ist lang. © S. Leitenberger | stock.adobe.com
Somit ist klar: Die Futtermittel-Hersteller sind zu einer Menge Angaben verpflichtet, die meisten drucken sogar noch mehr auf ihre Etiketten. Damit Sie sich im Dschungel der Angaben zurechtfinden, wollen wir die gängigsten Abkürzungen genauer erklären.
Rohprotein
Die Angabe des Rohproteingehaltes (Abkürzung: XP oder RP) in Prozent findet sich meist ganz oben auf der Inhaltsliste eines Futtermittels. Das auch zurecht, denn die Bausteine von Proteinen (Eiweiß) sind Aminosäuren, die jeder Organismus benötigt. Es gibt rund 20 verschiedene Aminosäuren, die in essenzielle (Aminosäuren, die der Körper selbst nicht synthetisieren kann) und nicht essenzielle (können vom Körper aus anderen Aminosäuren hergestellt werden) unterschieden werden. Der Rohproteingehalt wird über den Stickstoffgehalt (N) aller stickstoffhaltigen Substanzen (z. B. Peptide, Amide, Ammonium-
salze, Alkaloide, Glykoside, Harnstoff) im Futter bestimmt. Der ermittelte Wert wird dann mit 6,25 multipliziert – dieser Faktor ergibt sich aus dem durchschnittlichen Stickstoffgehalt im Eiweiß pflanzlicher Herkunft (ca. 16 Prozent). Der so ermittelte Wert ist lediglich ein quantitativer Wert, er sagt nichts über die Qualität (wie viele und welche Aminosäuren) des enthaltenen Rohproteins aus. Bei einer Angabe von 10 Prozent Rohprotein pro Kilogramm sind dementsprechend 100 g Rohprotein/kg enthalten sind.
Verdauliches Rohprotein
Die zweite Protein-Angabe zeigt die Menge des im Futtermittel enthaltenen verdaulichen Rohproteins (Abkürzung: vXP oder vRP) in Gramm. Diese Angabe verrät noch nicht, wie viel im Dünndarm verdauliches Protein enthalten ist – diese Menge ist allerdings wesentlich interessanter, denn nur im Dünndarm aufgespaltenes und über die Dünndarmschleimhaut absorbiertes Eiweiß kann vom Pferd verwertet werden. Deshalb findet man mittlerweile auf vielen Futtermittelgebinden auch die Angabe
pcvRP (präcaecal = vor dem Dickdarm). Zur Berechnung der relevanten Eiweißmenge in der Futterration sollte also auf jeden Fall die Menge an enthaltenem (praecaecal) verdaulichem Rohprotein herangezogen werden.
Rohfaser
Der Gehalt an Rohfaser (XF) in einem Futtermittel wird ebenfalls in Prozent angegeben. Beim Rohfasergehalt handelt es sich um jenen Anteil im Futtermittel, der nach einer Behandlung mit
Säuren und Laugen übrig bleibt. Dieser Rest setzt sich aus den unlöslichen Fett- und Stickstoffrückständen sowie den aschefreien Rückständen zusammen – also vorwiegend Zellulose, Hemizellulosen und Holzstoffen wie Lignin und anderen biopolymeren Substanzen, die hauptsächlich in den Pflanzen-Zellwänden enthalten sind und der Pflanze Stabilität geben. Wenn auf dem Futtersack in puncto Rohfaser z. B. 15 Prozent pro Kilogramm angeführt ist, sind pro Kilo 150 g Rohfaser enthalten.
Rohfett
Als Rohfett (XL) werden alle in einem Fettlösungsmittel (z. B. Petrolether) löslichen Bestandteile im Futter bezeichnet. Der Anteil wird in Prozent angegeben und enthält alle Arten von derartig löslichen Inhaltsstoffen – dazu gehören Triglyceride (Neutralfette), Phospholipide, Fettsäuren, Wachse, Sterine (z.B. Cholesterin) und andere fettlösliche Stoffe wie Carotinoide oder fettlösliche Vitamine. Neben den energieliefernden Fetten sind in diesem Wert somit auch schwer verdauliche gesättigte Fettsäuren sowie Substanzen wie Harze und Wachse, die nicht verdaulich sind, enthalten. Dieser Wert gibt eine allgemeine Orientierung über den Fettgehalt des Futtermittels, sagt aber nichts über die Verwertbarkeit oder Verdau-
lichkeit aus.
Zum Thema Fettgehalt im Futtermittel gibt es noch zwei weitere Begriffe, die aber selten auf Etiketten für Pferdefutter zu finden sind: Reinfett und verdauliches Fett. Der Reinfett-Wert gibt den tatsächlichen Anteil an nutzbaren Fetten (also die reinen Triglyceride oder Neutralfette, die Hauptenergieträger im Fettanteil des Futters) an, während das verdauliche Fett jener Anteil des Fetts ist, der vom Pferd tatsächlich verdaut und aufgenommen werden kann.
Rohasche
Durch die Angabe des Rohaschegehalts (in Prozent) erhält man Auskunft über jene Bestandteile im Futter, die übrig bleiben, wenn das Futter über sechs Stunden lang bei 550° C verbrannt wird. Diese Rohasche (XA) umfasst die natürliche Rohasche der einzelnen Zutaten, Mineralstoffe sowie die Asche von etwaigen Verunreinigungen im Heu wie Sand oder Erde. Durch Behandlung der Rohasche mit Salzsäure wird der Reinaschegehalt (mineralhaltiger Anteil) ermittelt, der eher selten auf den Etiketten
zu finden ist. Ein hoher Rohaschegehalt eines Futtermittels gilt allgemein als Hinweis für einen hohen Mineralstoffgehalt, bei Heu kann ein hoher Rohaschegehalt (über 10 Prozent) ein Indiz für starke Verunreinigung z. B. durch Bodenpartikel sein.
Zucker und Stärke
Zucker und Stärke sind Kohlenhydrate (Saccharide) – also Energielieferanten. Beide zählen zu den Nicht-Faser-Kohlenhydraten und werden unterschieden in
- Einfachzucker (Monosaccharide) wie z. B. Traubenzucker
- Zweifachzucker (Disaccharide) wie z. B. Fruktose
- Mehrfachzucker (Polysaccharide) wie z. B. Stärke
Zucker und Stärke (vorwiegend in Getreide enthalten) sind in der Pferdefütterung nicht ganz unumstritten, da mittlerweile immer öfter Insulinresistenzen bei Pferden aufgrund einer zu zuckerreichen Ernährung auftreten. Auf den Futtermittel-Etiketten werden Zucker- und Stärke-Gehalt meist in Prozent angegeben.
Energie
Auf (fast) allen Futtermittel-Etiketten finden sich zwei Angaben zur Energie – die verdauliche Energie (DE) und die umsetzbare Energie (ME). Der Wert für die umsetzbare Energie ergibt sich aus der Differenz zwischen der Gesamtenergie des Futters und der bei der Verdauung und Verwertung über Kot, Harn und Darmgase ausgeschiedenen Energie. Interessant ist also der Wert für die umsetzbare Energie, denn das ist jener Anteil, der zum Großteil vom Organismus tatsächlich in Energie umgewandelt werden kann. Angegeben werden beide Werte in Megajoule (MJ).
Last but not least finden sich zahlreiche Mengenangaben von einzelnen Mikronährstoffen und Vitaminen auf den Etiketten – was die Abkürzungen bedeuten, finden Sie im Kasten unten.
Welches Futter und wie viel davon Ihr Pferd braucht, lässt sich mit der richtigen Interpretation dieser Angaben zu den enthalten Makro- und Mikronährstoffe in Futtermitteln etwas leichter eruieren. Ob der Inhalt des Futtersacks und die Menge, die Sie davon füttern, tatsächlich passend für Ihr Pferd sind – das wird Ihnen am Ende Ihr Pferd zeigen.
Praxis: Analyseparameter und Abkürzungen
Abkürzungen
XP (RP): Rohprotein
vXP (vRP): verdauliches Rohprotein
pcvRP: präcaecal (vor dem Dickdarm) verdauliches Rohprotein
XL: Rohfett
XF: Rohfaser
XA: Rohasche
XS: Stärke
XZ: Zucker
ME: umsetzbare Energie
DE: verdauliche Energie
MJ: Megajoule
mg: Milligramm
mcg/μg: Mikrogramm (1000 mcg = 1 mg)
Mikronährstoffe
Ca: Kalzium
Cl: Chlor
P: Phosphor
Mg: Magnesium
K: Kalium
Na: Natrium
Fe: Eisen
Mn: Mangan
Cu: Kupfer
Zn: Zink
B: Bor
S: Schwefel
Umrechnung I.E. bei fettlöslichen Vitaminen
I.E.: Internationale Einheit
Vitamin A: I.E. x 0,3 = mcg
Vitamin D: I.E. x 0,025 = mcg
Vitamin E: I.E. x 0,9 = mg
Maßeinheit I.E.
Die Internationale Einheit (I.E.) sieht man oft bei Angaben von Vitaminen. Aber was genau gibt dieser Wert an? Die I.E. ist keine Masse- oder Gewichtseinheit (wie Gramm oder Milligramm), sondern eine Maßzahl für die biologische Wirksamkeit einer Substanz – dazu gehören z. B. Vitamine, Hormone oder Enzyme. Sie ermöglicht den Vergleich von Stoffen mit ähnlicher Funktion, auch wenn deren chemische Zusammensetzung unterschiedlich ist.