Schätze aus dem Pferderevue-Archiv

Legendäre Pferde: Ahlerich

Ein Artikel von Arnim Basche | 26.08.2026 - 13:12
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Wo immer sie auftraten, verblasste die Konkurrenz: Ahlerich und Dr. Reiner Klimke. Sein beeindruckendes Erscheinungsbild erbte Ahlerich von
seinem Vater, dem Vollblüter Angelo xx. © FEI | Kit Houghton

Dr. Reiner Klimke hat's nicht nur im Kopf, sondern auch in jenem Körperteil, den der Mensch normalerweise zum Sitzen benutzt. Wäre es nicht so, hätte er in der Filigrantechnik der Dressur wohl kaum eine Bilanz aufgestellt, die ihm zum erfolgreichsten Reiter der Branche macht. Seine Karriere begann mit Aar und Arcadius, wurde fortgesetzt mit Dux und Mehmed und kulminierte mit Ahlerich in einer Höhe, in der die Luft für die meisten Reiter in Frack und Zylinder zu dünn ist. Mehr noch: Die beiden verharrten dort – einem Fixstern gleich, an dem man sich orientieren konnte – länger als alle anderen vor ihnen.

Dr. Reiner Klimke ritt Ahlerich zu Olympia-, Welt- und Europameisterschafts- Siegen. Er sammelte mit ihm sieben deutsche Titel und verbuchte mit dem genialen Pferd insgesamt 129 Siege in Dressurprüfungen, davon 77 in Grand Prix und Grand Prix Spécial, auf der Habenseite seines sportlichen Kontos.

Ahlerich war ein Sohn des Vollblüters Angelo, der für das Landgestüt Warendorf Dienst tat. Jedem Betrachter fiel an dem für seine Rasse etwas schweren und kalibrigen Hengst sofort die sehr gute Oberlinie mit dem ausgezeichnet platzierten Widerrist sowie die lange und vorbildlich schräg gelagerte Schulter auf. In der Bewegung bestach der Hengst durch sehr gute Grundgangarten, die ihn in Verbindung mit seinem angenehmen Wesen zu einem Reitpferd überdurchschnittlicher Veranlagung machten.

Ein Sonntagskind

Ahlerich entstammte Angelos viertem Jahrgang und war ein „Sonntagskind": Als seine Mutter Dodona ihn am 20. Mai 1971 morgens gegen 6.30 Uhr im westfälischen Hamminkeln zur Welt brachte, zeigte der Kalender diesen Tag an. „Bereits bei seiner Geburt war Ahlerich ein Mordstrumm von Pferd – aber gut und harmonisch proportioniert. Außerdem fiel seine auffallende Zeichnung ins Auge. Eine Blesse und vier weiße Socken sieht man ja schließlich nicht alle Tage", erinnert sich sein Züchter, der Landwirt Herbert de Baey. „Schon als Fohlen trat er selbstbewusst auf und war von sich überzeugt. Jedenfalls hatte ich immer den Eindruck, als wollte er allen signalisieren, dass er der kommende Champion sei."

Das dauerte freilich noch eine Weile. Wobei die hohe Meinung, die Dr. Reiner Klimke bei der ersten Begegnung von Ahlerich hatte, kurz darauf von Zweifeln gefolgt wurde. Ahlerich und sein späterer Reiter sahen einander im Sommer 1975 das erste Mal. Der Wallach gehörte zu einem Lot von Auktionspferden, aus dem eines für Dr. Klimke ersteigert werden sollte, um ihn „westfälisch" beritten zu machen. Als der Rechtsanwalt aus Münster ihn probierte, spürte er im Trab sofort seine feinfühligen Reaktionen. Im Galopp hatte er schließlich das Gefühl, nur selten auf einem Pferd gesessen zu haben, das den Reiter in dieser Gangart so gut mitnahm. Kurz und gut – Dr. Klimke war überzeugt, in Ahlerich einen Rohdiamanten gefunden zu haben und wollte ihn mit finanzieller Unterstützung des Westfälischen Pferdestammbuches ersteigern lassen.

Doch nur ein Blender?

Als Limit wurde ein Beitrag von 30.000,- DM festgelegt. Vierzehn Tage später sah Dr. Klimke Ahlerich in der Münsterlandhalle unter einem Auktionsreiter wieder und war von ihm enttäuscht. Er zeigte kaum noch Trab, und von seinem traumhaften Galopp war nichts mehr zu sehen. Hatte sich Dr. Klimke zuvor verguckt? Oder war Ahlerich seinerzeit als Blender aufgetreten? Als die Versteigerung begann, kletterten die Gebote schnell auf 30.000,-- DM. Allerdings wurden sie von der Konkurrenz abgegeben! Als sie bei 35.000,- DM standen, verließ Dr. Klimke die Halle. Seine Mäzene, das Westfälische Pferdestammbuch und Bauernpräsident Baron Heeremann, gaben jedoch nicht auf und boten weiter, bis bei 42.000,- DM der Hammer fiel. Später stellte sich heraus, dass es der Spitzenpreis der Auktion war.

Aber Dr. Klimkes Zweifel blieben – obwohl Höchstbeträge in der Regel nicht für graue Mäuse gezahlt werden. Es war Ahlerichs schlappe Vorstellung in der Münsterlandhalle, die ihm nicht aus dem Kopf ging. Hatte er sich in der Beurteilung des Pferdes tatsächlich geirrt? Oder war die Nullnummer des Wallachs nur der Ausdruck seiner Müdigkeit? Denn die Vorbereitung auf die Auktion hatte ohne Zweifel Ahlerichs Physis und Psyche belastet.  Daher wurde er zunächst nur wenig und schonend geritten. Schließlich musste er jedoch mehr tun, kam immer besser in Schwung und entwickelte sich nach und nach von einem schmalen, schlaksigen Pferd zu einem kraftstrotzenden Athleten.

Allerdings war es nur der Erfahrung, der Geduld, dem Einfallsreichtum und der reiterlichen Finesse Dr. Klimkes zu verdanken, dass aus diesem sensiblen, intelligenten und sehr selbstbewussten Pferd, das immer wieder mal zu Extravaganzen neigte, ein Dressurstar der Sonderklasse wurde – der im Viereck freilich weniger durch Leichtigkeit und Eleganz beeindruckte als durch Kraft und Dynamik.

„Ich habe alle meine Pferde selbst ausgebildet. Aber keines hat mich so gefordert wie Ahlerich. Bei ihm lagen Genie und Wahnsinn dicht beieinander. Jeder weiß, was das bedeutet. Außerdem besaß er eine starke Persönlichkeit, gab hin und wieder ganz schön an und war daher schwer zu reiten. Aber gerade deswegen kam mit ihm nie Langeweile auf", beschreibt Dr. Klimke sein Leben mit Ahlerich. „Was mich an ihm immer wieder besonders beeindruckte, war seine hohe Intelligenz. Daher gab es für ihn von der Leistung her eigentlich keine Grenze."

Mit Erfahrung und Geduld machte Dr. Klimke aus Ahlerich einen Dressurstar.


Erste Erfolge

Ende Mai 1976 gewann Ahlerich unter Ruth Klimke die erste L-Dressur, ging anschließend in M-Prüfungen und war im Juli 1977 zum ersten Mal Gewinner einer S-Dressur. Sein Debüt im Grand Prix gab er Anfang 1978 im Bremen, wobei er die Halle auf Anhieb als Sieger verließ. Im selben Jahr holte sich Ahlerich unter Dr. Klimke auch die erste deutsche Meisterschaft.

Nun häuften sich die Erfolge – aber auch mit Niederlagen sowie kleinen und größeren Wehwehchen musste man fertig werden. Immer nachdrücklicher empfahl sich Ahlerich jedoch für ganz große Aufgaben. 1980 siegte er mit der deutschen Equipe beim Dressur-Festival in Goodwood, 1981 gewann er mit ihr in Laxenburg die Europameisterschaft. In der Einzelwertung wurde er dort vierter - was Dr. Klimke trotz des miserablen Bodens, auf dem sich Ahlerich nur misstrauisch und entsprechend vorsichtig bewegte, als klare Niederlage wertete.
 

Wachablösung

Die große Nummer zog er dafür 1982 bei der Weltmeisterschaft ab. Gleichzeitig fand in Lausanne eine Wachablösung statt – denn mit dem umjubelten Sieg über Christine Stückelberger und Granat, die die Szene jahrelang beherrscht hatten, rückten Dr. Reiner Klimke und Ahlerich an die Tête der internationalen Dressur.

Ein Jahr später sah jedoch alles wieder anders aus. Im Kampf um die Europameisterschaft brillierte in Aachen der Däne Marzog unter Anne Grethe Jensen so losgelassen und mühelos leicht, dass er zu Recht gewann und alle Welt vom Anbruch eines neuen Zeitalters in der Dressurreiterei sprach.

In Los Angeles wurden die Verhältnisse auf olympischem Parkett dann wieder zurechtgerückt. Marzog hatte über Winter viel von seiner Frische und Natürlichkeit verloren – vor allem seinen guten Schritt eingebüßt – und stand 1984 in der olympischen Arena auf verlorenem Posten. Ahlerich gewann bei sengender Hitze mit 1.797 Punkten nicht nur den Grand Prix und mit der deutschen Mannschaft die Goldmedaille, sondern auch den Grand Prix Spécial – womit Dr. Klimke dem Stoff seiner Träume die noch fehlende Elle hinzufügte. Als Lohn gab's 1.504 Punkte, 62 mehr als Anne Grethe Jensen und Marzog erhielten. Es war ein Ritt, der durch athletische Power geprägt war, eine Vorstellung, bei der Ahlerich mit seinen ausgefeilten Grundgangarten und den energischen Piaffen und Passagen seine Stärken voll ausspielte.

Am Schluss des Vortrages sah man aber auch diesem Kraftprotz die ungeheure Anstrengung bei mehr als 30 Grad im Schatten an. Das Publikum war hingerissen und applaudierte frenetisch, als Dr. Klimke, den Zylinder in der rechten Hand, anschließend vor den Tribünen das Bad in der Menge nahm und 167 Einerwechsel ohne Sporen und ohne Fehler zeigte!

1985 schlugen die Olympiasieger Anne Grethe Jensen und Marzog bei der Europameisterschaft in Kopenhagen erneut. Im darauffolgenden Jahr verletzte sich Ahlerich vor der Weltmeisterschaft und musste für das Championat in Toronto passen. Nun wollte Dr. Klimke den Wallach eigentlich kürzertreten lassen und seine Karriere peu à peu beenden. Immerhin war Ah, wie er von seiner Umgebung längst liebevoll genannt wurde, mittlerweile fünfzehn Jahre alt. Er kam aber noch einmal groß in Form und startete 1988 zum zweiten Mal bei olympischen Spielen.

Gold zum Schluss und frühes Ende

Wer jedoch geglaubt hatte, dass in Seoul ein abgeklärter Professor zu Werke gehen würde, sah sich getäuscht. Im Grand Prix vollführte er zu Beginn der Zweierwechsel eine Lancade, rannte danach bis zur Mittellinie davon und brachte sich und seinen Reiter durch die total verpatzte Lektion um die Teilnahme am Grand Prix Spécial. Die Goldmedaille in der Mannschaftswertung erhielt das Paar aber trotzdem. Es war die letzte Auszeichnung, die die beiden entgegennahmen.

Denn im Herbst desselben Jahres wurde Ahlerich beim Hallenturnier in Stuttgart vom Sport verabschiedet. Vier Jahre führte Ahlerich ein geruhsames Rentnerdasein mit täglicher Bewegung unter dem Reiter. Am 21. September 1992, einem sehr heißen Tag, kam für ihn dann das Ende. Bereits morgens litt er an einer Kreislaufschwäche, zu der später noch eine Kolik kam. Sechs Stunden bemühte sich der Veterinär, konnte ihm aber nicht entscheidend helfen. Da Ahlerich litt, entschloss sich Dr. Klimke schweren Herzens, ihn einschläfern zu lassen.

In der Erinnerung der Dressurfans aber lebt Ahlerich weiter als ein Pferd, das an einem Tag die Sterne vom Himmel holen konnte und am anderen durch seine Eigenwilligkeit das ganze Programm verkorkste.

Dieser Artikel wurde erstmals in Ausgabe 9/1993 der Pferderevue veröffentlicht.