Die größte Stunde des Paares Hans Günter Winkler und Halla schlug 1956 bei den Reiterspielen in Stockholm. Trotz einer Verletzung startete Winkler auch im zweiten Umlauf, den Halla quasi im Alleingang bewältigte - und Deutschland damit zum Sieg verhalf. © Hannelore Menzendorf
Eigentlich war die Stute als Aschenbrödel geboren worden. Erst das Durchsetzungsvermögen eines jungen, namenlosen Reiters und ihr eigener, von großer Begabung begleiteter Ehrgeiz machten einen Star aus ihr. „Wir waren beide so etwas wie Findelkinder und mussten allen beweisen, was wir leisten konnten. Das war nicht einfach und manches Mal sogar zum Verzweifeln – aber gelungen ist es uns schließlich doch", sagt Hans Gunter Winkler, der Halla einmal als eine Mischung aus Genie und irrer Ziege bezeichnet hat.
Halla erblickte 1945 auf dem Hof von Gustav Vierling in Darmstadt das Licht der Welt. Ihre Eltern waren der Traberhengst Oberst und die französische Stute Helene, die wegen ihres hochedlen Äußeren wahrscheinlich der Vollblutrasse zuzuordnen war. Papiere besaß Helene als „Beute" eines deutschen Offiziers nämlich nicht. Trotz dieses dunklen Punktes in ihrem Pedigree verdiente sich Halla aber schon bald sportliche Meriten. Und zwar auf der Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad, wo sie zunächst auf der Flachen ging, dann über Hürden eingesetzt wurde und schließlich zwei Jagdrennen gegen Vollblüter gewann. Dabei fiel sie durch ihr gewaltiges Springvermögen auf, das Oberlandstallmeister Dr. Gustav Rau hinterbracht wurde, der ständig auf der Suche nach geeigneten Pferden für den Turniersport war.
Kein leichter Start
Halla musste das Metier wechseln und übersiedelte nach Dillenburg, wo damals das DOKR zu Hause war. Die Stute kam in den Militarystall und wurde von Herbert Schonfeld, der sie immer nur „Mäuschen" nannte, auf ihre neue Aufgabe vorbereitet. Ein schwieriges Unterfangen – denn mit den Lektionen der Dressur wollte sich Halla gar nicht anfreunden. Trotzdem wusste der erfahrene Ausbilder des DOKR, das er ein Klassepferd in seiner Obhut hatte. Der erste Auftritt des Paares 1950 in Bad Harzburg verlief jedoch unbefriedigend und endete mit dem zwölften Platz.
Nun war Hans Günter Winkler als nächster Pilot Hallas an der Reihe. „Eines Tages bekam ich ein Telegramm, in dem ich gebeten wurde, Halla bei der Military in Bad Hersfeld zu reiten. Ich wusste, dass die Stute sehr schwierig war, sagte aber zu, weil ich als Nobody jede Chance nutzen musste und mich außerdem die Herausforderung reizte. Das Halla ihren eigenen Kopf hatte, merkte ich sofort – aber auch, dass sie mächtig galoppieren konnte und mit unerhörter Bravour alles sprang, was ihr in den Weg kam. Nun – wir trugen zwar erhebliche Meinungsverschiedenheiten aus, wurden aber immerhin zweite."
Als nächster Reiter saß Otto Rothe auf Hallas Rücken. Es gab zwar nicht gerade ein Fiasko, aber die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki wurde dabei auch nicht erreicht. Für Dr. Gustav Rau war das Maß nun voll. Seiner Meinung nach taugte die Stute nicht für den Hochleistungssport. Deshalb gab er sie an ihren Züchter und Besitzer Gustav Vierling zurück. Der aber glaubte an Hallas Talent. Er erinnerte sich, dass sie unter Hans Gunter Winkler am besten gegangen war und bat ihn, sie als Springpferd auszubilden. Damit begann Hallas große Karriere. Mit der ihm eigenen Energie und Zielstrebigkeit trieb Hans Günter Winkler der Stute nach und nach alle Extravaganzen aus, ritt sie sich durch dressurgymnastische Lektionen immer besser an die Hand. Dabei war manchmal Härte vonnöten. Aber Hallo musste den Reiter spüren, um zu wissen, wo's lang geht. Überfordert durfte sie in dieser Hinsicht allerdings nicht werden. Dazu war sie zu sensibel.
Anfangs war Winkler nicht sehr von Halla überzeugt, wollte aber jene widerlegen, die der Stute nichts zutrauten.
Alles neu für Halla
Im Springtraining war es Hans Günter Winklers wichtigste Aufgabe, der Stute den sorglosen Umgang mit den Höhenabmessungen der Hindernisse abzugewöhnen. Bei den Rennen, für die sie zuerst ausgebildet worden war, mussten ja Bürsten gesprungen werden, die durchwischt werden konnten – und in der Military gab's nur feste Hindernisse, sodass auch bei starkem Anklopfen keine Stange fiel. Außerdem war es Hallo gewohnt, groß abzukommen und relativ flach zu springen. Nun musste sie umlernen. Näher und mit geringerem Tempo, dafür aber mit größerer Spannung ans Hindernis kommen und dieses dann hoch-weit überfliegen, hieß jetzt die Devise. „Ich war keinesfalls von Halla überzeugt, als ich sie im Herbst 1951 übernahm. Aber ich hatte ja keine Wahl und war auf jedes Pferd angewiesen, das man mir anbot. Wer war ich denn damals? Ein unbekannter Reiter mit nichts als viel Talent und Ehrgeiz im Gepäck. Allerdings wollte ich auch jene widerlegen, die Halla nichts zutrauten. Das ich mit ihr so viel erreichen würde, habe ich damals jedoch nicht geglaubt", erinnert sich der erfolgreiche Springreiter.
1952 gewann Halla in Wiesbaden ihr erstes Springen gegen internationale Konkurrenz. Ende desselben Jahres platzte der Knoten beim Hallenturnier in Hannover dann endgültig. Von nun an ging's steil bergauf. 1954 holte sich Hans Günter Winkler mit Halla in Madrid den ersten seiner beiden Weltmeisterschaftstitel. Zwölf Monate später verteidigte er mit ihr den Titel in Aachen, nachdem Orient zuvor die Hauptarbeit geleistet hatte. Reiter und Pferd waren nun überall umjubelte und gefeierte Stars.
Sternstunde in Stockholm
Ihre größte Stunde schlug aber erst 1956 im Nationenpreis der olympischen Reiterspiele von Stockholm. Halla ging mit geradezu spielerischer Leichtigkeit. Doch dann war das dreizehnte Hindernis zu bewältigen, ein 1,60 Meter hohes Gartentor. Im Bemühen, an diesem nicht optimal angerittenen Sprung keinen Fehler zu machen, zog Halla sich ruckartig zusammen, worauf Hans Günter Winkler reflexartig reagierte – und sich einen Muskelriss in der Leistengegend zuzog. Halb ohnmächtig hing er danach im Sattel und konnte nicht verhindern, das Halla das Konto am letzten Hindernis mit vier Punkten belastete.
Um die deutsche Mannschaft nicht aus der Wertung fallen zu lassen – ein Streichergebnis gab es damals noch nicht – trat Hans Günter Winkler trotz unvorstellbarer Schmerzen auch zum zweiten Umlauf an. Der Ritt wurde für ihn zur Tortur – aber auch zum Triumph. Halla wusste offenbar, worum es ging und zog souverän ihre Bahn. Dabei konnte Hans Günter Winkler die Stute nicht wie gewohnt unterstützen, störte sie aber auch nicht allzu sehr, obwohl er kaum in der Lage war, die Hüften zu beugen und den federnden Galoppsprüngen des Pferdes zu folgen. Mehr als einmal schrie er deutlich hörbar vor Qual auf, riss sich aber immer wieder mit übermenschlichen Kräften zusammen – wohl ahnend, dass er vor dem größten Erfolg seines Reiterlebens stand.
Halla ist eine Mischung aus Genie und irrer Ziege.
In Halla hatte er aber auch eine kongeniale Partnerin, die mitkämpfte, bis zum Schluss fehlerfrei blieb und ihrem Reiter zu zwei olympischen Goldmedaillen verhalf. 1960 wurde das berühmte Paar als Mitglied der deutschen Equipe in Rom noch einmal mit Gold dekoriert. Zuvor hatte es in vielen großen Preisen gesiegt, das Springderby gewonnen und mit 2,20 Meter den deutschen Hochsprungrekord egalisiert – aber auch Rückschlage einstecken müssen.
Halla benötigte aufgrund ihres Temperaments mehr Arbeit als andere Pferde. Was ihrem Querkopf gut tat, belastete jedoch die Beine, an denen sie mitunter laborierte. Hans Günter Winkler bekam die Stute aber immer wieder fit und gewann mit ihr trotz gelegentlicher Zwangspausen 125 Springen.
Unverwüstliche Natur
Nach dem letzten Sieg, den Halla am 25. Oktober 1960 im Grand Prix von Brüssel errang, wurde sie aus dem Sport verabschiedet. Schlagzeilen machte sie weiterhin. Halla ging keineswegs aufs Altenteil, sondern wurde in die Zucht genommen. Mancher unkte daraufhin, dass man eine Zitrone nicht zweimal auspressen könne. Doch Halla belehrte alle Skeptiker eines Besseren und brachte acht gesunde Fohlen zur Welt. Das letzte übrigens mit 25 Jahren – was der unverwüstlichen Natur der Stute wohl das beste Zeugnis ausstellt.
Obwohl man in ihre Sprösslinge große Hoffnungen setzte, erreichte keiner auch nur entfernt das Format der Mutter. Waren die unberechenbaren und verschlungenen Wege der Genetik daran schuld oder lag es an Hallas Partnern? Allzu glücklich hatte man die nämlich nicht ausgewählt – keiner der großen Springpferde-Macher der Zeit, Ferdinand oder Domspatz etwa, feierte mit der Parcourskönigin Hochzeit.
Halla blieb bis zuletzt eine beeindruckende Pferde-Persönlichkeit, die sich ihrer Besonderheit offensichtlich stets bewusst war. Wenn beispielsweise ein Fernsehteam im Gestüt Lindenhof aufkreuzte um Aufnahmen von ihr zu machen, sonderte sie sich auf der Weide sofort von den anderen Stuten ab und stellte sich in Positur. Einen wahrhaft königlichen Auftritt hatte sie 27-jährig im Aktuellen Sportstudio des ZDF. Unbeeindruckt vom grellen Licht der Scheinwerfer schritt sie auf einem roten Laufer gelassen ins Studio. Das Rampenlicht hat dieses große Pferd wohl stets genossen. Möglicherweise sagte ihm sein besonders entwickelter Instinkt, das sich nur die Erfolgreichen in ihm sonnen können. Vielleicht gab es auch deshalb die immer noch gleißende Sternstunde von Stockholm.
Halla starb am 19. Mai 1979. Sie wurde 34 Jahre und drei Tage alt.
Dieser Artikel wurde erstmals in Ausgabe 8/1993 der Pferderevue veröffentlicht.