zum Muttertag

Zwei Generationen, eine Leidenschaft: Mutter-Tochter-Gespanne im Pferdesport

Ein Artikel von Margarete Donner | 08.05.2026 - 15:16
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Charlotte und Andrea Dobretsberger - einst und jetzt, immer mit Pferd © Julia Schöberl

Die Wilden vom Berg

Andrea und Charlotte Dobretsberger

Wenn die Mutter ihren Einspänner fährt, geht die Post ab. Wenn die Tochter Vielseitigkeit reitet, ebenfalls. Doch ganz von vorne: Als Charlotte gerade einmal ein halbes Jahr war, zog die weitblickende Mutter schon ein junges Pony für sie auf. „Sie sind miteinander groß geworden“, erzählt Andrea. Obwohl Pony Fredi das Viereck manchmal etwas unkonventionell durch den Zaun verließ, wo dann die Kinder baumelten, wurde er hingebungsvoll von Charlotte geliebt und gepflegt. So intensiv, dass sich der Opa wunderte, „warum das Pony überhaupt noch Haare hat.“

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© privat

Während ihrer Kindheit genoss Charlotte genug Freiraum, um ihre eigenen Erfahrungen mit den Vierbeinern zu machen: „Wir haben viel Zeit allein bei den Ponys verbringen dürfen, haben Indianer gespielt und sind ohne Sattel geritten. Man lernt ja auch aus Selbsterfahrung.“ Nebenbei konnte sie auf der Hannoveraner-Stute der Mutter voltigieren. Mit zehn Jahren startete sie einen – nach eigenen Worten – „komplett verrückten“ Haflingerhengst bei der Caprilli-Prüfung, mit einem älteren Grand-Prix-Pferd holte sie sich schließlich den Jugendmeistertitel in der Dressur. Hinter ihr stand stets eine Mutter, die ihre Kinder neidlos und mit vollem Engagement förderte: „Wir haben sie gut beritten gemacht und tolle Trainer gehabt. Außerdem hat Charlotte einen goldenen Arsch, einen geschmeidigen Sitz und großes Talent.“

Was sich die junge Veterinärmedizinerin von ihrer Mutter abgeschaut habe? „Ein Erlebnis werde ich nie vergessen“, antwortet Charlotte augenblicklich: „Wir waren ausreiten und Mama hat ihre Stute am äußeren Schenkel und am langen Zügel in jede gewünschte Richtung gelenkt.“ Außerdem sei sie durch ihre Mutter bodenständig geblieben; putzen, herrichten oder füttern gehören für sie ebenso zum Alltag wie reiten. Andrea lacht zustimmend: „Wir hießen auf den Dressurturnieren früher ‚die Wilden vom Berg‘, weil wir rustikaler waren und nicht bandagiert bis zu den Ohren.“

Angesichts der Gefahren beim Buschreiten zeigte sich Andrea Dobretsberger immer relativ gelassen. Ein Marathonparcours sei schließlich auch kein Spaziergang, so die A-Kader-Fahrerin. Als allerdings die Tochter einmal auf einem extrem bockenden Jungpferd saß, blitzte ihre mütterliche Sorge doch kurz auf und sie rief: „Charlotte, spring ab!“ Die Antwort der Tochter folgte auf dem Fuß: „Sicher nicht, Mama!“

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Anna und Gerrit Sager mit ihren Erfolgreichen Isis © privat

Ziemlich beste Freundinnen

Gerrit und Anna Sager

Dass es sowohl die Mutter als auch die Tochter reiterlich bis zu einer WM schaffen, kommt nicht oft vor. Dass aber beide an derselben Weltmeisterschaft mit Erfolg teilnehmen, ist schon eine kleine Sensation. Bei der Islandpferde-WM 2023 lieferten Mag. Gerrit Sager und ihre Tochter Anna nicht nur einen eindrucksvollen Beweis ihres Könnens im Tölt und Viergang, sondern auch einer funktionierenden Mutter-Tochter-Beziehung im Reitsport.

Islandpferde gab es bei der Familie Sager, die das steirische Gestüt Tannebene ihr Eigen nennt, schon seit Jahrzehnten, und Anna war von Kindesbeinen an begeistert von den Vierbeinern. Ihre ersten Erfahrungen im Sattel machte sie unter den wachsamen Augen ihrer Mutter, von der sie einige Jahre lang unterrichtet wurde. Ein innerfamiliäres Setting, das erfahrungsgemäß Konfliktpotential birgt. „Für Mutter-Tochter-Unterricht hat es eigentlich gut funktioniert“, erinnert sich Anna. Nur wenn sie selbst mit ihrer Reitleistung zufrieden gewesen sei, hätte mütterliche Kritik den Hausfrieden gefährdet: „Da bin ich schon mal wutentbrannt abgesessen, habe gemeint, ich reite dieses Pferd nie wieder, und bin gegangen.“

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© privat

Rückblickend findet Gerrit diese Unstimmigkeiten eher erheiternd: „Zumindest hat sie sehr gut reiten gelernt und zerstritten sind wir auch nicht!“ Die Beziehung der beiden scheint langfristig keinen Schaden genommen zu haben – ganz im Gegenteil: Sie frühstücken gemeinsam, trainieren zusammen und fahren sogar miteinander auf Urlaub. „Wir sind“, so Anna, „wie beste Freundinnen.“ An ihrer Mutter schätze sie vor allem deren Ehrgeiz, dass sie trotz Schwierigkeiten weitermache. Und ihr Vermögen, Pferde zu setzen und langsam im Tölt zu reiten.

Gerrit freut sich über die Rosen, die Anna ihr verbal streut, zeigt sich aber durchaus selbstkritisch: „Ich bin eher die Helikoptermutter und habe immer wieder Angst gehabt. Man sieht ja als Reiterin immer schon im Voraus, wenn etwas schiefgehen könnte.“ Als sich beispielsweise ein Pferd als zu schwierig für die 10-jährige Anna entpuppte, nahm es die Mutter erst selbst unter den Sattel und es dauerte, bis sie ihrer Tochter den übermotivierten Isländer anvertraute. „Nach wie vor würde ich lieber jedes Pferd ausprobieren, bevor sich Anna draufsetzt“, gibt Gerrit zu. Ob sie Angst habe, dass die Tochter sie eines Tages überflügeln könne? Die erfolgreiche Reiterin verneint energisch: „Damit hat man als Mutter kein Problem. Anna hat extrem viel Gefühl für Pferde und ich bin sehr stolz auf sie!“

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Nina und Barbara betreiben ihre Reitschule gemeinsam. © privat

Generationenprojekt Ponyhof

Barbara und Nina Troppacher

Was mit einem geretteten Pony begann, wurde zum Reitbetrieb „Ponybande“. Und was mit voltigieren und ausreiten begann, entwickelte sich zu einer Mounted-Games-Erfolgsserie. „Ich habe den Richter und Trainer Mounted Games gemacht, und meine Tochter war dann das Opfer“, stellt Barbara Troppacher rückblickend fest. Hatte Nina wirklich keine Wahl? „Ich wurde nie gezwungen“, versichert die EM- und WM-Teilnehmerin glaubhaft. Denn sonst würde sie wohl heute nicht mit dieser Begeisterung gemeinsam mit ihrer Mutter die Reitschule führen und den MG-Nachwuchs trainieren.

Eine Entwicklung, über die Barbara richtig glücklich ist. Schließlich gab es immer wieder Zeiten, in der sie wie jede Mutter von Zweifeln geplagt wurde. Als Nina in frühen Jahren ein notorisch buckelndes Pony unter dem Sattel hatte, kam ihr manchmal in den Sinn: „Ich möchte mein Kind nicht umbringen, ich verkauf’ die Pferde.“ Und auch später war sich Barbara nicht immer sicher, ob die Tochter ernsthaft bei der Reiterei bleiben würde. Doch Durchhaltevermögen und Ehrgeiz hielten Nina bei der Slalomstange. Und der Freiraum, den ihr die Mutter lässt – „ich kann beim Unterrichten machen, was ich möchte“ –, ermöglicht ein harmonisches Miteinander. „Wir frühstücken jeden Tag gemeinsam und arbeiten sieben Tage in der Woche zusammen“, so Barbara. „Ohne Streiten“, betont Nina, „wir ergänzen uns sehr gut.“

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Fad wird es bei Lisa, Sabine und Livia (v. l.) nie. © ALINAHORSE PHOTOGRAPHY

Das Dreimäderlhaus

Sabine Seeburger-Schranz, Lisa Steinmetz und Livia Schranz

Es ist offensichtlich ein guten Zeitpunkt, um mit Sabine Seeburger-Schranz über ihre zwei Töchter zu sprechen: „Lisa ist nach der Pubertät und Livia davor“, freut sich die Springreittrainerin über die entspannte Phase. Schließlich gilt es neben Kindern und Pferden auch das renommierte Reitsportzentrum Lassee zu managen.

Naheliegend, dass Lisa und Livia in der passionierten Springreiter-Familie von klein auf Hürden in Form von bunten Stangen in den Weg gelegt wurden. Sie sei geritten, seit sie denken könne, so Lisa. Nicht selbstverständlich ist jedoch die Souveränität, welche die beiden bei der Überwindung dieser Hürden stets an den Tag legen. Die 25-jährige Lisa Steinmetz startet international bis zur schweren Klasse und trainiert ihre Schüler:innen mit großem Engagement. „Lisa kann sehr gut mit Menschen umgehen“, attestiert ihr die Mutter erstklassige Trainer-Qualitäten. Außerdem sei Lisa zu ihrer Erleichterung äußerst umsichtig im Parcours.

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Livia Schranz kennt keine Angst. Ihr großes Vorbild: "Mama!" © ALINAHORSE PHOTOGRAPHY

Erwartungsgemäß verhält sich das beim jüngsten Schranz-Spross etwas anders: „Livia ist angstfreier, radikaler“, erzählt Seeburger-Schranz, „Schritt-Ausreiten ist nicht drin, sie will jedenfalls galoppieren.“ Kein Wunder, dass die mutige Volksschülerin bereits achtjährig mit ihrem Scheckpony den Effol Pony Cup gewann. Sie wolle – wie ihre Mutter – niemals aufgeben, so Livia. Auch für Lisa ist die Mutter ein großes Vorbild: „Mama versucht sich auf jedes Pferd individuell einzustellen. Und ich habe alles, was die Pferdepflege betrifft, von ihr gelernt.“ (Anm.: Da wird sich der Papa aber freuen.) Beide Töchter sind sich einig: „Schön, dass wir sie haben!“

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Untrennbar verbunden: Berta, Luise und ihre vierbeinigen Gefährten © Sophie Geiger

Duo mit Stil und Gefühl

Luise und Berta Wessely

So lange Berta Wessely zurückdenken kann, wollte Luise immer nur eines – reiten: Mit zwei Jahren schleifte sie ihr Pony Daisy durch die Gegend, später begann sie heimlich, Jungpferde auf der Koppel zuzureiten. Der erhoffte Applaus für die Aktion blieb mütterlicherseits aus, Schelte gab es aber ebenfalls keine. Der Versuch, die Tochter zum Studieren nach Wien zu schicken, endete mit einem verzweifelten Hilferuf auf einer Postkarte. Kurz vor dem Abschluss erfolgte dann die Rückholaktion und Luise machte statt des Studiums den Reitlehrer.

In ihrer Art, Pferde auszubilden und zu trainieren, spiegelt sich unverkennbar der feine und gefühlvolle Reitstil der Mutter. Obwohl sie nie von dieser unterrichtet worden sei, so die Dressurreiterin, vielmehr habe sie nur Feedback bekommen. „Mama sieht unglaublich viel …“, erzählt Luise, und Berta ergänzt: „ … und Luise macht viele Fehler.“ Beide lachen. Am ärgsten sei es gewesen, wenn die Mutter wortlos den Dressurplatz verlassen habe. Richtigen Streit hätte es trotzdem nie gegeben zwischen den beiden. Sie seien sogar immer liebend gern miteinander auf „Urlaub“ gefahren – sprich mit Hänger, Hund und Pferd zum Turnierplatz.

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© privat

Was bewundert Luise an ihrer Mama? „Viel! Die Art zu reiten. Dieses ruhige Bein. Mama hat – übrigens immer ohne Sporen – mit dem Schenkel die Zügel gelöst, bis die Pferde abkauten. Weil ich mir das schon als Kind abschaute, hatte ich nie ein Problem, Pferde durchs Genick zu reiten. Und dann die freundliche Einstellung zum Pferd …“ Die Mutter unterbricht: „ … Luise ist viel freundlicher!“ Diese stimmt zu, sie neige dazu, übermäßig nett und schnell zufrieden mit ihren Pferden zu sein. „Luise hat eine Art mit Tieren umzugehen, die mich mit Neid erfüllt. Sie ist ein Weichei und das lieben die Pferde. Sie hat mich gelehrt, dass man alle Pferde schätzt“, so Berta.

Angst um ihre Tochter habe sie nie gehabt, schließlich sei Leben nun mal lebensgefährlich und es bringe nichts, sich zu fürchten. Als Luise einmal völlig erledigt vom Reiten kam, weil sich ein Hengst weit jenseits der Wohlfühlgrenze verhaltensoriginell gebärdet hatte, lautete der einzige elterliche Kommentar: „Aber du musst schon auf ihn aufpassen.“

Sich um die Pferde zu kümmern, ist für Berta nach wie vor selbstverständlich. Als Futtermeisterin sorgt sie akribisch dafür, dass Luises Aushängeschilder topfit bleiben. Hätte sie sich einst gedacht, dass sie diese Pferdeleidenschaft über Jahrzehnte mit ihrer Tochter teilen würde? „Ich bin sehr dankbar“, so ihr Resümee, „denn es ist selten, dass Kinder das lieben, was die Eltern machen.“

Dieser Artikel ist ursprünglich in Ausgabe Mai/2024 der Pferderevue erschienen.